Täubmatt 1, Villa Solitude

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Die herrschaftliche Villa Solitude auf der Täubmatt liegt zwischen Bahnlinie und Zugersee und schliesst die Chamer Seeuferanlage gegen Westen ab. Während mehr als achtzig Jahren ist sie im Besitz der Familie Vogel und ihrer Nachkommen, die aus dem ehemaligen «Chabisblätz» eine einzigartige Parkanlage mit Villa schufen. Die Villa steht unter Denkmalschutz und ist noch heute in Privatbesitz.

Die Villa Solitude – der malerische Alterssitz von Richard Vogel (1870–1950), 1935
Oberst Richard Vogel (1870–1950), der «spiritus rector» der Parkanlage Solitude, undatiert (ca. 1945)
Ensemble Villa Solitude, Bootshaus (links) und Badehaus (rechts aussen), 1995
Die Villa Solitude mit dem vorgelagerten Badehaus am Zugersee, 2012
Villa Solitude, Detail Hauptfront gegen Süden, 07.05.2019
Villa Solitude, Detail Hauptfront gegen Süden, 07.05.2019


Chronologie

1866 Der Eisenhändler und Hammerschmied Heinrich Vogel-Saluzzi (1822–1893) kauft nach dem Bau der Bahnlinie Zürich–Zug–Luzern der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) in den Jahren 1866, 1870 und 1877 am Chamer Zugerseeufer grosse Landparzellen auf, unter anderem die Täubmatt. [1]

1887 Auf der Landeskarte von Hermann Siegfried (1819–1879) ist südlich der Bahnlinie zwischen der Villette und der Gemeindegrenze Cham-Hünenberg kein Gebäude eingezeichnet. Die Riedlandschaft ist noch sehr naturnah.

1893 Heinrich Vogel-Saluzzi, der in der Zwischenzeit auch die Papierfabrik gekauft und zur Blüte gebracht hat, stirbt; seine Frau Carolina (1825–1902) vermacht ihrem Sohn Richard (1870–1950) das westlichste Grundstück der Familie am Chamer Seeufer. Berufsoffizier Richard Vogel frönt seiner grossen Leidenschaft, der Gartenarchitektur. Er lässt aus dem «Chabisblätz» Schritt für Schritt eine grosszügige Parkanlage gestalten. [2]

1902 Nach dem Hinschied von Carolina Vogel-Saluzzi wird Oberst Richard Vogel Alleinbesitzer der Täubmatt. Er investiert viel Zeit und Geld in die Verschönerung und den Unterhalt des Parkes. Er lässt sich auf dem Grundstück ein kleines Holzhaus erstellen, das ihm als Geräteraum und «Arbeitszimmer» dient: «Es ist quasi die Kommandozentrale des Gartenbauers Vogel.» [3]

1907 Vogel wohnt im «alten Raben» an der Luzernerstrasse 40 und flaniert gerne in seinem Privatpark am See. Er lässt durch Baumeister und Architekt Hans Miesch (1880–1941) aus der Täubmattscheune das «Bründlerhaus» an der Luzernerstrasse 45 erstellen. [4]

1912 Richard Vogel kann die Parkanlage der Täubmatt erweitern. Er kauft dazu im Westen des Seegut von den Erben des Alois Bossard-Schwerzmann (1841–1912), dem Schwager von Adelheid (1853–1925) und George Ham Page-Schwerzmann (1836–1899). Es handelt sich um 17'000 Quadratmeter Land, die Vogel zum Freundschaftspreis von 25'000 Franken erwerben kann. [5]

1914 Die Parkanlage auf der Täubmatt bekommt ein Bootshaus mit Hafenanlage; Vogel lässt sie nach dem Vorbild einer historischen Schiffshütte in Hilterfingen BE am Thunersee erstellen. Für die Gestaltung und Ausführung zeichnet der bekannte Zuger Architekt Dagobert Keiser (1879–1959) verantwortlich. [6]Jetzt fehlt dem standesbewussten Besitzer nur noch eine Villa am See, die «die Krönung des Ganzen» wäre, wie Richard Vogel schreibt. [7]

1916 Oberst Vogel engagiert den bekannten Berner Architekten Henry Berthold von Fischer (1861–1949) als Berater für die Gartengestaltung. [8] Der Hintergedanken des Parkbesitzers ist offensichtlich: Denn von Fischer ist kein Gartenplaner, sondern ein Architekt adeliger Herkunft, der sich auf den Bau von neobarocken Herrensitzen, Villen und Schlössern spezialisiert hat.

1917 Trotz Erstem Weltkrieg treibt Oberst Vogel seine Bemühungen zur Vervollkommnung seines Parks voran. Er erarbeitet mit dem Chamer Baumeister Wilhelm Hauser (1874–1943) einen Gestaltungsplan. Diesem zufolge lässt Vogel das Gelände in Ufernähe auffüllen und den Park weiter gestalterisch ausdifferenzieren. [9]

1930 Selbst der abrupte Ausbruch der grossen Weltwirtschaftskrise im Oktober 1929 hindert Täubmatt-Besitzer Vogel nicht daran, den Bau der Villa Solitude in Auftrag zu geben. Als Architekt verpflichtet er, wenig überraschend, den seit 1916 immer wieder beigezogenen Architekten Henry Berthold von Fischer, der von seinem Associé, Architekt Emil Schmid (1874–1938), sekundiert wird. [10]

1934/1935 Oberst Vogel realisiert seinen malerischen Alterssitz direkt am Zugersee: Nach Ideen des Bauherrn und aufgrund von Plänen von Architekt Henry Berthold von Fischer entsteht ein neubarocker Landsitz namens «Villa Solitude». Vorbild für den Bau in Cham ist das Schlösschen Ursellen bei Konolfingen BE. [11] Finanziert wird das kostspielige Bauvorhaben von Richard Vogels Nichte Emy Naville-Vogel (1885–1981) und deren Ehemann Robert (1884–1970), die grosszügigerweise die Schulden von Richard Vogel tilgen, die Villa bezahlen und ihm eine lebenslange Rente garantieren. Dafür erhalten sie im Gegenzug den «alten Raben» an der Luzernerstrasse 40 (obwohl mit Hypotheken belastet) und dürfen dereinst die Villa Solitude übernehmen. [12]

1950 Richard Vogel stirbt kinderlos am 15. Dezember im Alter von 80 Jahren. [13] Die Villa Solitude geht an Robert Naville-Vogel über, der den Bau der Villa massgebend finanziert hat. Emy und Robert Naville-Vogel wohnen noch in der Villa Hammer und haben dort viel Platz. Die Villa Solitude ist eher auf eine Person ausgelegt («Junggesellenhaus»). Deshalb bauen sie die Villa Solitude unter der Leitung des Basler Architekten Emil Rudolf Schmid um. [14]

1953 Nach dem Umbau ziehen Emy und Robert Naville vom «Hammer» in die Villa Solitude an den Zugersee. [15]

1970 Robert Naville-Vogel stirbt im Alter von knapp 85 Jahren; seine Frau Emy wohnt weiter in der Villa Solitude. Weil sie im Alter zunehmend Unterstützung benötigt, pendelt ihre Tochter Hortense Funk-Naville (1910–1999) zwischen Zürich und Cham und wohnt zeitweilig bei ihrer Mutter. [16]

1980 Die Villa Solitude erfährt einen kleinen Umbau: Dabei wird der Salon neu gestaltet. [17]

1981 Emy Naville-Vogel stirbt am 24. Dezember im Alter von 96 Jahren. Ihre Tochter Hortense Funk-Naville erbt die Villa Solitude und zieht dort ein; ihr Bruder Robert E. Naville-Ferrière (1913–2006) erhält im Gegenzug die beiden Seeparzellen zwischen der Solitude und der Villette. [18]

1999 Michael Funk übernimmt die Verantwortung für die Villa Solitude mit ihrem prächtigen Park. Er wohnt mit seiner Frau Alice in Cham am See. [19]

2016 Das Bründlerhaus an der Luzernerstrasse wird abgebaut und sorgfältig im Park der Villa Solitude wieder aufgebaut. [20]

2019 Michael und Alice Funk verkaufen die Villa Solitude, behalten aber einen Teil des Parks mit dem «Inseli» direkt am See. Als Treffpunkt der Familien Funk und Vogel dient fortan das versetzte Bründlerhaus. [21] Die Villa Solitude ist im Inventar der geschützten Denkmäler der Gemeinde Cham enthalten. [22]


Kunsthistorische Beschreibung

«Der eingeschossige Putzbau mit stichbogigen, hohen Einzelfenstern mit feiner Sprossenteilung liegt unter einem steilen, unten ausgestellten Walmdach, dessen sechsseitige Traufe im Bereich der drei mittleren Fensterachsen von einem klassischen, stuckgezierten Giebel unterbrochen wird. Grosse Dachvorsprünge als ländliche Komponente, mit neobarock bemalten, verbretterten Untersichten. Origineller Doppelkamin in der Mitte das Firstes, auf dessen Enden kupferne Ziervasen sitzen. Während die repräsentative, fünfachsige Seefront streng symmetrisch durchgebildet ist, mit Mitteltür über breiter Freitreppe, sind die Öffnungen der übrigen Seiten den Funktionen entsprechend differenziert.» [23]


Würdigung

Die Villa Solitude ist «ein wertvoller später Vertreter des Heimatstils im Kanton Zug und ein Spätwerk» von Architekt von Fischer. Die «Solitude» ist «einer der herrschaftlichen Wohnsitze, die in ihrer anspruchsvollen und aufwendigen Architektur und Gartenarchitektur zu den hochrangigsten Bauzeugnissen ihrer jeweiligen Epoche gehören». [24]


Täubmatt oder Solitude?

Die Liegenschaft mit Gebäuden und Park heisst offiziell Täubmatt. Der Name wird 1870 erstmals erwähnt (beim Landkauf von Heinrich Vogel-Saluzzi) und «Taubenmatt» geschrieben. Gemäss dem Zuger Ortsnamenforscher Beat Dittli (*1955) ist bei der ersten Namenshälfte der Vogelname Taube (lat. columba) oder der Chamer Familienname Dub oder Tub das Namensmotiv. Die spätere, amtliche Form Täubmatt dürfte auf einem Irrtum beruhen. Heute ist für die Liegenschaft ist der Villenname Solitude, der übersetzt Einsamkeit oder Abgeschiedenheit bedeutet (auch in der Stadt Zug gibt es an der Zugerbergstrasse 6 eine Liegenschaft Solitude, 1849 erstmals schriftlich erwähnt). [25]


Aktueller Kartenausschnitt

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Einzelnachweise

  1. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  2. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 129
  3. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 129
  4. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 130. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 129
  5. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 130
  6. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  7. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 131
  8. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 131
  9. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  10. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  11. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 141–142
  12. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 140f.
  13. Zuger Neujahrsblatt 1953, Chronik 15.12.1950
  14. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 151
  15. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 151
  16. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 151
  17. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  18. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 8
  19. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 154
  20. Zuger Zeitung, 28.09.2016
  21. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 9
  22. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Verzeichnis der geschützten Denkmäler, Grundstücknummer 87 [Stand: 23.07.2019]
  23. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 141
  24. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  25. Dittli, Beat, Zuger Ortsnamen. Lexikon der Siedlungs-, Flur- und Gewässernamen im Kanton Zug. Lokalisierung, Deutung, Geschichten, Zug 2007, Bd. 4, S. 341f.; Bd. 5, S. 28