Solitude Park

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Der Park bei der herrschaftlichen Villa Solitude am Chamer Seeufer ist fast 30'000 Quadratmeter gross und besteht gestalterisch aus drei Teilen. Während mehr als hundert Jahren war die Anlage mit Park und Gebäuden im Besitz der Familie Vogel und ihren Nachkommen, die hier eine einzigartige Parkanlage mit Villa erschaffen. Villa und Park stehen unter Denkmalschutz und sind noch heute in Privatbesitz.


Das östliche Tor mit den zwei Sandsteinpfeilern, dahinter die grosszügige Parkanlage am Zugersee, noch vor dem Bau der Villa Solitude, undatiert (vor 1935)
Ein Teil der Parkanlage Solitude, 07.05.2019
Künstliches Ruinengebilde mit einem korbbogigen Tor von 1933. Der einstige Zugangsweg ist heute überwachsen, 07.05.2019
Der Gestaltungsplan des Chamer Baumeisters Wilhelm Hauser (1874–1943), 1917

Chronologie

1866 Der Eisenhändler und Hammerschmied Heinrich Vogel-Saluzzi (1822–1893) kauft nach dem Bau der Bahnlinie Zürich–Zug–Luzern der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) in den Jahren 1866, 1870 und 1877 auf Chamer Zugerseeufer grosse Landparzellen auf, unter anderem die Täubmatt. [1]

1887 Auf der Landeskarte von Hermann Siegfried (1819–1879) ist südlich der Bahnlinie zwischen der Villette und der Gemeindegrenze Cham-Hünenberg kein Gebäude eingezeichnet. Die Riedlandschaft ist noch sehr naturnah.

1893 Heinrich Vogel-Saluzzi, der in der Zwischenzeit auch die Papierfabrik gekauft und zur Blüte gebracht hat, stirbt. Seine Frau Carolina (1825–1902) vermacht ihrem Sohn Richard Vogel (1870–1950) das westlichste Grundstück der Familie am Chamer Seeufer. Berufsoffizier Richard Vogel frönt seiner grossen Leidenschaft, der Gartenarchitektur. Er lässt aus dem ehemaligen «Chabisblätz» und Obstgarten Schritt für Schritt die Parkanlage der Täubmatt gestalten. [2] Oberst Vogel lässt sich von führenden Gartenplanern jener Zeit beraten, etwa von Gartenarchitekt Evariste Mertens (1846–1907) aus Zürich oder von Adolf Vivell (1878–1959) aus Olten. [3] Vogel eifert verschiedenen europäischen Vorbildern nach: Seit der Mitte des 19. Jahrhundert hatten sich vermögende Bürger und Industrielle repräsentative Sommerresidenzen erbauen lassen: Villen mit Nebengebäuden in einer freien Landschaft, oft mit Wasseranstoss. [4]

1902 Nach dem Tod von Carolina Vogel-Saluzzi wird Oberst Richard Vogel Alleinbesitzer der Täubmatt. Er investiert viel Zeit und Geld in die Verschönerung und die Pflege der Parkanlage. Er lässt sich auf dem Grundstück ein kleines Holzhaus erstellen, das ihm als Geräteraum und «Arbeitszimmer» dient: «Es ist quasi die Kommandozentrale des Gartenbauers Vogel.» [5]

1907 Richard Vogel wohnt im «alten Raben» an der Luzernerstrasse 40 und flaniert gerne in seinem Privatpark am See. [6]

1912 Oberst Vogel kann die Parkanlage der Täubmatt erweitern. Er kauft dazu im Westen des Seegut von den Erben des Alois Bossard-Schwerzmann (1841–1912), dem Schwager von Adelheid Page-Schwerzmann (1853–1925) und George Ham Page-Schwerzmann (1836–1899). Es handelt sich um 17'000 Quadratmeter Land, die Richard Vogel zu einem Freundschaftspreis von 25'000 Franken erwerben kann. [7]

1914 Die Parkanlage erhält ein Bootshaus mit Hafenanlage. [8]

1916 Oberst Vogel engagiert den bekannten Berner Architekten Henry Berthold von Fischer (1861–1949) als Berater für die Gartengestaltung. [9] Der Hintergedanken des Parkbesitzers ist offensichtlich: Denn von Fischer ist kein Gartenplaner, sondern ein Architekt adeliger Herkunft, der sich auf den Bau von neobarocken Herrensitzen, Villen und Schlössern spezialisiert hat.

1917 Trotz Erstem Weltkrieg treibt Oberst Vogel seine Bemühungen zur Vervollkommnung seines Parks voran. Er erarbeitet mit dem Chamer Baumeister Wilhelm Hauser (1874–1943) einen Gestaltungsplan. Diesem zufolge lässt Vogel das Gelände in Ufernähe auffüllen und den Park weiter gestalterisch ausdifferenzieren. Der Park weist drei Bereiche auf: Der Parkteil gegen den See ist im englischen Gartenbaustil angelegt; der Gartenteil im Westen der Villa im französischen; schliesslich ist der ufernahe Bereich naturbelassen. [10]

1924 Die Hauptarbeiten an der Parklandschaft beginnen. [11]

1933 Aus dem ehemaligen Zeughaus «in Gassen» in Zürich lässt Richard Vogel ein Tor mit Sandsteinsturz in seinen Park transportieren, es steht dort wie eine künstliche Ruine. [12]

1934/35 Nach Ideen des Bauherrn Vogel und aufgrund von Plänen des Architekten Henry Berthold von Fischer entsteht ein neubarocker Landsitz, die «Villa Solitude». Als Abgrenzung gegen die Bahnlinie steht eine ziegelgedeckte Mauer mit zwei Toren: Das westliche Tor ist aus Holz, das östliche Tor – die Einfahrt zur Villa Solitude – ist in Barockformen geschmiedet und wird zwischen zwei hohen barocken Sandsteinpfeilern eingefügt. [13]

1950 Richard Vogel stirbt kinderlos am 15. Dezember im Alter von 80 Jahren in Cham. [14] Die Villa Solitude geht an Robert Naville-Vogel (1884–1970) und seine Ehefrau Emy Naville-Vogel (1885–1981) über, die den Bau der Villa massgebend finanziert hatten. [15]

1953 Nach dem Umbau und der Erweiterung ziehen Emy und Robert Naville vom «Hammer» in die Villa Solitude direkt an den Zugersee. Den Park pflegen sie im Sinne des Gestalters Richard Vogel weiter. [16]

1960 Nach Plänen des Berner Architekten Adolf Arthur Wildbolz (*1898) wird südöstlich der Villa noch ein eingeschossiger Bau – die Bibliothek – in die Parkanlage integriert. Den Innenausbau des Saales nach klassizistischer Art übernimmt Schreinermeister Gottfried Baumgartner-Widmer (1909–1998) aus Hagendorn. [17]

1981 Emy Naville-Vogel stirbt am 24. Dezember im Alter von 96 Jahren. Ihre Tochter Hortense Funk-Naville (1910–1999) erbt die Villa Solitude und zieht dort ein; ihr Bruder Robert E. Naville-Ferrière (1913–2006) erhält im Gegenzug die beiden Seeparzellen zwischen Solitude und Villette. [18]

1999 Michael Funk übernimmt mit seiner Frau Alice die Verantwortung für die Villa Solitude mit ihrem prächtigen Park. [19]

2016 Das Bründlerhaus an der Luzernerstrasse wird abgebaut und sorgfältig im Park der Villa Solitude wieder aufgebaut. [20]

2019 Michael und Alice Funk verkaufen die Villa Solitude, behalten aber den östlichen Teil des Parks mit dem Inseli. [21] Der gesamte Park ist im Inventar der geschützten Denkmäler der Gemeinde Cham enthalten [22]


Oberst Richard Vogel (1870–1950), der «spiritus rector» der Parkanlage Solitude, undatiert (ca. 1945)


Würdigung

Sehr prägend für die Liegenschaft ist die Natur in ihrer Vielfalt und Pracht. Der «spiritus rector» der Parkanalage, Oberst Richard Vogel, hat auf einem Gedenkstein den Wunsch geäussert, sein Garten möge auch nach seinem Tod weiter erblühen. Das tut er und wie! So meinte Michael Funk, der Parkbesitzer von 1999 bis 2019: «Alte Bäume werden sterben, und Neues muss gepflanzt werden, aber der Park in seiner Anlage, mit seinen vielen Besonderheiten und dem ausserordentlichen Charme soll bleiben.» [23]


Täubmatt oder Solitude?

Die Liegenschaft mit Gebäuden und Park heisst offiziell Täubmatt. Der Name wird 1870 erstmals erwähnt (beim Landkauf von Heinrich Vogel-Saluzzi) und «Taubenmatt» geschrieben. Gemäss dem Zuger Ortsnamenforscher Beat Dittli (*1955) ist bei der ersten Namenshälfte der Vogelname Taube (lat. columba) oder der Chamer Familienname Dub oder Tub das Namensmotiv. Die spätere, amtliche Form Täubmatt dürfte auf einem Irrtum beruhen. Heute ist für die Liegenschaft ist der Villenname Solitude, der übersetzt Einsamkeit oder Abgeschiedenheit bedeutet (auch in der Stadt Zug gibt es an der Zugerbergstrasse 6 eine Liegenschaft Solitude, 1849 erstmals schriftlich erwähnt). [24]


Aktueller Kartenausschnitt

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Einzelnachweise

  1. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  2. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 129
  3. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 143
  4. Marti, Rahel, Perlen am See, in: Hochparterre: Zeitschrift für Architektur und Design 28, 2015, S. 22–24, hier S. 22
  5. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 129
  6. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 129
  7. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 130
  8. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  9. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 131
  10. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Objektblatt Park Solitude, Verzeichnis der geschützten Denkmäler [Stand: 03.07.2019]
  11. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 143
  12. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 144
  13. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 141–143
  14. Zuger Neujahrsblatt 1953, Chronik 15.12.1950
  15. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 151
  16. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 151
  17. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 143
  18. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 8
  19. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 154
  20. Zuger Zeitung, 28.09.2016
  21. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 9
  22. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Verzeichnis der geschützten Denkmäler, Grundstücknummer 87 [Stand: 23.07.2019]
  23. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 9
  24. Dittli, Beat, Zuger Ortsnamen. Lexikon der Siedlungs-, Flur- und Gewässernamen im Kanton Zug. Lokalisierung, Deutung, Geschichten, Zug 2007, Bd. 4, S. 341f.; Bd. 5, S. 28