Stürme

Aus Chamapedia
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Der Sturm vom 4. April 1987 zerstört das Scheunendach beim Hof Plegi
Am 21. Juli 1992 fällt ein Gewittersturm diesen Baum in Enikon und begräbt das parkierte Auto unter sich
Zeugt von der Kraft des Sturms im Juli 1992: umgestürzte Tanne im Frauentalerwald, Dezember 1992
Sturm über dem Seebad im Hirsgarten, 23.06.2017
Sturm Burglind fegt über das Zugerland, die Feuerwehr Cham im Einsatz

Stürme fegen seit Menschengedenken auch über den Kanton Zug und richten immer wieder Schäden an. Der folgende Artikel gibt eine Auswahl von grossen Sturmereignissen und ihre Auswirkungen im Gebiet der Gemeinde Cham.


Einleitung

Stürme sind meteorologische Ereignisse mit sehr hohen Windgeschwindigkeiten, häufig begleitet von Niederschlägen. In der Schweiz sind vor allem die grossflächig wirkenden Winterstürme gefürchtet, während die vielfach von Hagel begleiteten Stürme im Sommerhalbjahr meist lokal auftreten und insgesamt weniger Schäden anrichten. Seit 1500 lassen sich in der Schweiz 28 starke Winterstürme nachweisen, sechs davon waren extrem (1645, 1739, 1879, 1967, 1990 «Vivian», 1999 «Lothar»). [1] Vor allem am Chamer Zugerseeufer können auch Föhnstürme Schäden anrichten.


Chronologie

1645 Nach einem kalten und nebligen Januar – grössere Seen gefrieren teilweise zu – steigen die Temperaturen gegen Monatsende rasch an. Der Sturm vom Sonntag 29. Januar muss extrem verheerend gewesen sein, vielleicht vergleichbar mit dem Sturm «Lothar» von 1999. Ganze Wälder werden abrasiert, Kirchtürme umgeworfen und grosse Flüsse ändern – vom Sturm angetrieben – ihre Fliessrichtung, wie die Rhone, die beim Ausfluss aus dem Genfersee zurückgestaut wird. [2] Der Baarer Ratsherr und spätere Ammann Jakob Andermatt (1602–1680) notiert in seinem Tagebuch: «Suntig den 29 ... an dem tag ist ein grusamen wind komen. Hed grosen schaden don, das ich min dag nie gehört han. Hed grosen schaden don in dächeren, beümen vnd wälden.» [3] Auch in Cham wird der Jahrhundertsturm gewütet haben. Es sind aber bis jetzt keine Primärquellen zu diesem Ereignis entdeckt worden. Möglicherweise beheben die Ausbesserungen an der Kapelle St. Andreas 1648 Schäden dieses Wintersturms. [4]

1739 Am 16. und 18. Januar 1739 fegen die gewaltigen Winterstürme «Marcellus» und «Prisca» über die Zentralschweiz: Häuser, Scheunen und Kirchtürme werden zerstört. In Obstbaumgärten und Wäldern liegen hunderttausende Bäume am Boden. Im kleinen Toggenhölzli an der Hünenberger Gemeindegrenze werden sechs gefällte Bäume gezählt. Im Zugersee werden Pfähle und Wehrbauten ausgerissen. [5]

1868 Am Sonntag 19. Januar beschädigt ein gewaltiger Föhnsturm in der Gemeinde Cham mehrere Gebäude. Am stärksten betroffen ist die Pfarrkirche St. Jakob. Während der Frühmesse wird erst 15 Jahre alte Helm vom Turm gefegt: «morgens etwas vor 7 Uhr, hat ein ungeheurer Föhnstoss den Aufsatz auf dem Thurme unserer Pfarrkirche gepackt, mit gewaltiger Kraft aus den Fugen gehoben und über die Gallerie und die Kirchhofmauer hinaus östlich in die sog. Kirchmatt geschleudert. Trauernd starrt nun der seines Hauptschmuckes beraubte Thurm in die Ferne, in die er sonst im Glanze der Sonne so freundlich geleuchtet; möge er wieder bald und würdig behelmt werden.» [6] Der durch den Aufprall stark fragmentierte Helm liegt nach dem Ereignis etwa «20 Fuss» (also rund sechs Meter) in östlicher Richtung neben der Kirche. [7]

Architekt Ludwig Johann Sutter aus Luzern entwirft drei Monate später eine neue Helmkonstruktion. Das Projekt wird unter der Leitung von Baumeister Leopold Garnin (1828–1904) und Steinmetz Johann Käppeli ausgeführt. [8]

1890 Vom 20. bis 23. Januar toben mehrere orkanartige Stürme über den Kanton Zug und richten an Gebäuden und Bäumen in den Gemeinden Cham, Zug und Baar bedeutende Schaden an. [9]

1912 Wieder zieht Anfang Januar ein heftiger Sturm über das Zugerland. Vor allem die Wälder im Ennetsee werden in Mitleidenschaft gezogen. [10]

1919 Ein gewaltiger Föhnsturm setzt in der Nacht vom Freitag, 3. Januar ein. Er dauert den ganzen Samstag 4. Januar über an und erreicht am frühen Morgen des 5. Januars seinen Höhepunkt. Im ganzen Kanton werden Haus- und Scheunendächer abgedeckt, tausende Obst- und Waldbäume entwurzelt und Boote am Seeufer zerstört. Zur Situation in Cham berichten die Zuger Nachrichten am 9. Januar: «Der Föhnsturm entfaltete sich auch am Chamer Seeufer zu ungeahnter Heftigkeit. Ein gewaltiges Schauspiel bot sich hier dem stauenenden Auge. Das wütende Element spie Wäsche und grosse Haufen von Schilf an das Land. Auf dem wildwogenden See tanzte ein ganzer Baumstrunk. Klatschend prallten die tobenden Wellen gegen die Quaimauer [beim Hirsgarten] und ein weißer Gischt ergoß sich oft hoch über die Köpfe der Zuschauer. Das kleine Inselchen am Ausfluß der Lorze wurde nahezu vollständig überflutet. Die Straße längs dem Quai ward ausgespühlt und senkte sich erheblich. Die sonst so ruhig und so blau fliessende Lorze war hoch angeschwollen und dick und gelbflüssig, infolge der enormen Menge der Schwebeteilchen, welche sie nebst Hotz und Laub mit sich führte. Gott sei Dank, daß sich der höchst unwinterliche Sturm ... gegen Mittag endlich aufhörte. [11]

1961 Im Juni werden für den Sturmwarndienst am Zugersee Blinkscheinwerfer montiert. Diese senden bei Sturm optische Warnsignale aus. [12]

1967 In diesem Jahr erreichen wieder mehrere Weststürme den europäischen Kontinent. Am heftigsten fällt der Sturm vom Donnerstag 23. Februar aus. Eine Kaltluftwalze zieht zwischen 13.30 Uhr und 15.30 Uhr von West nach Ost über das Mittelland. Schweizweit fordert die Sturmserie bis zum 28. Februar neun Todesopfer. [13] Im Kanton Zug sind vor allem die Gemeinden Cham, Baar, Steinhausen und im Ägerital betroffen. In Cham werden im Städtlerwald und in der Villette Bäume entwurzelt oder abgedreht. Auf der Luzernerstrasse fällt eine Buche auf die Fahrbahn. Während der Aufräumarbeiten wird ein Mitglied der Chamer Feuerwehr von einem Auto erfasst und schwer verletzt. [14] Der Sturm vom 28. Februar lässt im Frauentalerwald 3500 Kubikmeter Sturmholz anfallen. Das ist etwa ein Zehntel der jährlichen Holzernte in den Zuger Wäldern. [15]

In der Nacht vom 12. auf den 13. März folgt ein weiterer Sturm, der in Holzhäusern, Hünenberg und im südlichen Teil von Cham erneut Schäden an Gebäuden und in den Wäldern anrichtet. Die Luzernerstrasse zwischen Holzhäusern und Cham wird für den Verkehr gesperrt. [16]

1971 Am Freitag 23. April zieht ein gewaltiger Föhnsturm auf. Die Wellen peitschen auch gegen das Chamer Zugerseeufer im Villette-Park und im Hirsgarten. [17]

1982 In der Nacht vom 7. auf den 8. November zieht wieder ein orkanartiger Föhnsturm auf – die Zeitungen berichten vom «stärksten Föhnsturm seit Menschengedenken». Im Kanton Zug fallen dem Sturm rund 20'000 Bäume mit einem Holzvolumen von 26'000 Kubikmetern zum Opfer. Der Schaden beläuft sich auf 1,5 Millionen Franken. Die Gemeinde Cham ist diesmal nicht schwer betroffen. [18]

1986 Am 25. März fegt ein heftiger Westwindsturm über den Kanton. Die Windspitzengeschwindigkeiten betragen über 90 Stundenkilometer. Schäden gibt es vor allem im Ennetsee und am Zuger Hafen. Die Bahnlinie von Cham nach Rotkreuz wird unterbrochen. [19]

1987 Am 4. April knickt ein heftiger Föhnsturm u.a. im Gebiet Plegi nordöstlich des Städtlerwalds mächtige Bäume um.

1990 Von Ende Januar bis Anfang März treffen acht schwere Sturmtiefs auf West- und Mitteleuropa. Die Schweiz wird am 27. Februar vom Jahrhundertsturm «Vivian+» schwer getroffen («Vivian+» bezeichnet einen sekundären, besonders verheerenden Wirbel zwischen den beiden Hauptstürmen «Vivian» und «Wiebke»). In der Schweiz sterben zwei Menschen. [20] Bei der Gebäudeversicherung Zug gehen im Februar 1123 Schadensmeldungen ein. Die Schadensumme beträgt 2.1 Millionen Franken. Die Schäden in den Wäldern sind enorm: Im Kanton Zug werden rund 20'000 Kubikmeter Fallholz registriert. [21]

1992 Mitten im Hochsommer, am 21. Juli, zieht vom Reusstal her eine dunkle Gewitterwalze heran. Fast eine halbe Stunde tobt sich das Gewitter in Orkanstärke über der Region aus; besonders betroffen sind Hünenberg See und Cham, vor allem das Gebiet in Enikon: Dächer werden abgerissen, Autos von umfallenden Bäumen zerquetscht und auf dem Zugersee geraten Schiffe in Seenot. Auch in Niederwil werden durch den Gewittersturm Dächer abgedeckt und Bäume entwurzelt. [22]

1999 Am dritten Weihnachtstag erreicht der Jahrhundertsturm «Lothar» auch den Ennetsee. In Cham werden bei der offiziellen Messstation der Schweizerischen Meteorologischen Anstalt (SMA) unglaubliche 141 Stundenkilometer gemessen (von einem Orkan spricht man ab 118 Stundenkilometern, was auf der Beaufortskala dem Wert 12 entspricht). «Lothar» richtet mehr Schaden an als «Vivian+» im Februar 1990 und brennt sich in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation ein. In der Schweiz sterben 14 Menschen. In Cham kommt zu Strassensperrungen (beispielsweise auf der Sinserstrasse zwischen Lindencham und Sins) und Stromausfällen. Die Bilanz nach «Lothar» ist für den Kanton Zug niederschmetternd: Der Orkan fordert ein Todesopfer, in den Wäldern liegen 120'000 Kubikmeter Fallholz und die Gebäudeschäden belaufen sich auf zwei bis drei Millionen Franken. [23]

2017 Am 23. Juni entladet sich kurz vor 17 Uhr über der Stadt Zug und dem Ennetsee ein besonders heftiges Hitzegewitter. Es dauert nur einige Minuten, ist aber folgenreich. Die Temperatur fällt rasch von knapp 33 auf 23 Grad. In Cham werden Sturmböen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern gemessen; die Feuerwehr muss wegen umgefallener Bäume ausrücken. [24]

2018 Was für ein stürmischer Monat! Die drei Tiefdruckgebiete «Burglind» am 3., «Evi» am 16./17. und «Friederike» am 18. Januar erzeugen extreme Böen und verursachen grosse Schäden. Am heftigsten wütet «Burglind» am 3. Januar, gegen zehn Uhr am Vormittag misst die Wetterstation Cham 98,8 Stundenkilometer. Diverse Strassenabschnitte müssen wegen umgestürzter Bäume für einige Stunden gesperrt werden, etwa die Strasse von Hagendorn ins Frauenthal. «Burglind» bringt etwa 12’500 Kubikmeter Holz zu Fall. Das ist zwar rund zehnmal weniger als Orkan «Lothar» 1999, trotzdem trifft es manchen Waldbesitzer hart. [25]

2020 Innert zwei Wochen peitschen mit «Lolita» (28. Januar), «Petra» (4. Februar) und «Sabine» (10./11. Februar) drei Winterstürme übers Land. Beim Sturm «Petra» misst die Wetterstation Cham in den frühen Morgenstunden stattliche 103 Stundenkilometer – eine ungemütliche Nacht. [26] Die Feuerwehr Cham muss zu drei Ereignissen ausrücken und u.a. die Strassen im Frauentalerwald von Fallholz befreien. [27] Bei «Sabine» werden in Cham am 10. Februar sogar 105 Stundenkilometer gemessen. Beim Oberwilerwald muss die Knonauerstrasse wegen umgestürzter Bäume mehrere Stunden gesperrt werden. [28]


Der «Horbächler»

Die vom Föhn «eingetrübte» Lorze bei der Obermüli, 24.04.2019

Bereits in früheren Jahrhunderten machen die Leute die Beobachtung, «dass wir in Zug den Föhn nur sehr selten aus der Richtung Walchwil-Arth erhalten, sondern gewöhnlich in südöstlicher Richtung vom Zugerberg her, wo er über das Aegerithal, vom Sattel und Schwyz heranzieht.» [29] Der Föhn peitscht die Wassermassen des Zugersees in nordwestliche Richtung gegen Cham und Hünenberg See. Der hohe Wellengang wirbelt in der Chamer Bucht am Seegrund Schwebeteilchen auf, die dann in die Lorze transportiert werden. [30]

Dieser warme Fallwind mit Schadenpotential wird nach der am Zugerbergabhang gelegenen Liegenschaft Horbach «Horbächler» genannt. [31]


Fotogalerie

1987

1992

Am 21. Juli zieht ein schweres Gewitter mit Sturmböen über die Region Ennetsee. Es verursacht schwere Schäden

Als Zeuge der gewaltigen Kräfte des Sommersturms vom 21. Juli 1992 lassen die Förster diese mächtige Tanne im Frauentalerwald stehen (Dezember 1992)


2018

Der Sturm «Burglind» braust am 3. Januar auch über den Kanton Zug – in Cham halten sich die Schäden in Grenzen


Einzelnachweise

  1. Pfister, Christian et al., Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen, Bern 1999, S. 246–255
  2. Pfister, Christian et al., Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen, Bern 1999, S. 248
  3. Pfarrarchiv / Kirchgemeindearchiv Baar, A 1/4009, fol. 161v
  4. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.2, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1641–1650, fol. 232r
  5. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.26, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1739–1742, fol. 5r, 6r. Krämer, Daniel, Als die Buchen und Tannen «wie Vögelein» flogen. Die Winterstürme «Marcellus» und «Prisca» am 16. und 18. Januar 1739 und ihre Auswirkungen in der Zentralschweiz, in: Der Geschichtsfreund 162, 2009, S. 143–176
  6. Der Zugerbieter, 21.01.1868
  7. Zuger Volksblatt, 22.01.1868
  8. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 76, 283
  9. Zuger Volksblatt, 01.02.1890
  10. Zuger Nachrichten, 09.01.1912
  11. Zuger Nachrichten, 09.01.1919
  12. Zuger Kalender, Chronik 31.05.1961
  13. Pfister, Christian et al., Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen, Bern 1999, S. 251f.
  14. Zuger Nachrichten, 24.02.1967
  15. Zuger Tagblatt, 13.03.1967
  16. Zuger Nachrichten, 15.03.1967
  17. Zuger Nachrichten, 26.04.1971
  18. Zuger Kalender, Chronik 08.11.1982. Zuger Nachrichten, 10.11.1982
  19. Zuger Nachrichten, 26.03.1986
  20. Pfister, Christian et al., Wetternachhersage. 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen, Bern 1999, S. 253f.
  21. Zuger Nachrichten, 28.02.1990. Zuger Kalender, Chronik 08.03.1991
  22. Zuger Kalender, Chronik 21.07.1992. Zuger Nachrichten, 22.07.1992. Gattiker, Werner et al., Mauritius, Milch & Münsterkäse. 100 Jahre Milchgenossenschaft Niederwil-Cham, Schwyz 2013, S. 125
  23. Neue Zuger Zeitung, 27.02.1999
  24. Zuger Zeitung, 24.06.2017
  25. Zuger Zeitung, 03.01.2018. Zuger Zeitung, 21.01.2018. Zuger Zeitung, 31.01.2018
  26. Zuger Zeitung, 04.02.2010
  27. Medienmitteilung der Zuger Polizei, 04.02.2020
  28. Medienmitteilung der Zuger Polizei, 10.02.2020
  29. Zuger Nachrichten, 03.08.1887
  30. Zuger Nachrichten, 10.08.1887
  31. Schmuki, Daniela, https://www.srf.ch/meteo/meteo-news/horbaechler-und-challigroosi [Stand: 24.02.2014]