St. Andreas, Kapelle

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«Das Stettli Khom vnd Feste S. Anders von denen von Zug belageret.» Im Vorfeld des Sempacherkriegs erobern 1386 die Zuger und Schwyzer die Burg St. Andreas. Wappenscheibe des Zuger Glasmalers Michael IV. Müller (um 1627–1684) von 1668
Belagerung der Burg St. Andreas 1386, Entwurf eines Scheiben-Oberbildes, um 1630–1650
«Vue du Chateau de Saint André, sur le lac du Zoug» Kolorierter Stich, 1780
Ostseite der Kapelle mit der Familiengruft der Familie Page im Vordergrund
Kapelle St. Andreas vor der Restauration 1942. Den barocken Hochaltar krönt das Bild von Johannes Brandenberg (1661–1729). Es stellt Maria und die hl. Sebastian und Ursula dar, mit Kapelle und Schloss St. Andreas zu Füssen. Der Altar wird 1862 klassizistisch vereinfacht, das hölzerne Chorgitter durch ein schmiedeeiser­nes ersetzt und das Bild Brandenbergs durch jenes der Immaculata von Paul von Deschwan­den (1811–1881) ausgetauscht.
Kapelle St. Andreas nach der Restaurierung von 1942: Der Charakter des Kapellenraums hat sich völlig verändert. Über Schiff und Chor spannen sich flache Holzdecken anstelle der Biedermeier-Wölbungen. Hinter dem Hochaltaraufbau kam überraschend das ursprünglich zweigeteilte Massfenster zum Vorschein. Der neue Altar zeigt die einfache spätgotische Blockform. Die Glasgemälde stammen aus dem Atelier von Albert Hinter (1876–1957) von Engelberg OW
Nahaufnahme von Kapelle und Turm, 24.07.1997
Die Kapelle heute, 10.06.2019

Die Kapelle von St. Andreas aus dem späten 15. Jahrhundert gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Gemeinde Cham. Es ist das älteste Zuger Baudenkmal, das man frei besichtigen und dabei noch einen Hauch Mittelalter einatmen kann.

Chronologie

11. oder 12. Jahrhundert Archäologen weisen 2005 bei Bauuntersuchungen am heutigen Kapellenstandort einen Profanbau nach, der zu hochmittelalterlichen Burganlage von St. Andreas gehört hat oder vielleicht aus noch älterer Zeit stammt. Der ehemalige Mörtelboden liegt etwa zwei Meter unterhalb des heutigen Kapellenbodens. Teile des Mauerwerks werden beim Bau der ersten Kapelle wiederverwendet. [1]

12. oder 13. Jahrhundert Die erste, nach Osten ausgerichtete Kapelle wird gebaut: ein «kleiner Saalbau mit wahrscheinlich querreckteckigem Schiff und eingezogener, halbkreisförmiger Apsis» auf der Ostseite. Die Archäologen datieren diese erste Kapelle ins 12. oder 13. Jahrhundert. [2] Nebst der Seelsorge dürfte auch die Erhebung von Zehnten von den umliegenden Bauern eine Motivation für den Kapellenbau gewesen sein. Wer die Kapelle erbauen liess, ist nicht bekannt.

1282 In den Schriftquellen wird die Kapelle erstmals erwähnt («ze Sant Andrese»). [3].

1348 Ritter Gottfried IV. (gest. 1387) aus dem niederadligen Geschlecht der Herren von Hünenberg und seine Ehefrau Margarethe von Friedingen, Besitzer der Burg St. Andreas, stiften am 24. Mai die Kaplaneipfrund von St. Andreas. [4] Der jeweilige Kaplan wird u.a. verpflichtet, wöchentlich in der Kapelle St. Andreas drei und in der Chamer Pfarrkirche zwei Messen zu lesen. Der Ritter garantiert mit der Stiftung einem Priester dauerhafte Einkünfte. Es sind die Hünenberger, die mit der Kapelle, dem Hof und der Burg St. Andreas die gleichnamige Siedlung im 14. Jahrhundert weiter aufbauen und befestigen (lassen). [5]

1360 St. Andreas erhält das Stadtrecht mit dem Marktrecht und dem Recht, neue Bürger aufzunehmen (heute noch im Orts- und Quartiernamen «Städtli» überliefert).

1386 Für eine kurze Zeit hat die Siedlung tatsächlich städtischen Charakter, bis sie 1386 von den Zugern und Schwyzern im Sempacherkrieg zerstört wird. Die Kapelle dürfte in dieser Zeit das sakrale Zentrum der kleinen Siedlung gewesen sein. [6]

1477 Mit dem Kauf des Patronatrechts (= Rechte und Pflichten eines Stifters einer Kirche) der Pfarrkirche Cham gehen auch die Rechte der Filialkapelle St. Andreas an die Stadt Zug über. So wählen fast vierhundert Jahre lang die Stadtzuger den Kaplan – den «Städtliherr» – von St. Andreas (bis 1872). Die Kapelle selbst ist aber im Besitz der Gemeinde im Städtli (ab 1923 Waldgenossenschaft Städtli). [7]

1486–1488 Mit den neuen Herren aus der Stadt Zug fliesst auch Geld für einen Neubau in den Ennetsee: Es ist die grosse Zeit nach den für die Eidgenossenschaft erfolgreichen Burgunderkriegen: Die erbeuteten Reichtümer und die immer reichlicher fliessenden Einkünfte aus den Fremden Diensten werden zum Teil auch in den Kirchenbau investiert. Im Chorbogen zeigt die Inschrift die Jahreszahl «1488». Die alte Anlage wird abgerissen. Es entsteht ein spätgotischer Kapellenneubau mit Turm. Die Seitenwände der Vorgängerkapelle werden als Fundament wiederverwendet. [8]

Aus dieser Zeit stammen auch die Malereien an den drei Wänden des Altarhauses. Sie zeigen unter anderem die beiden Apostelbrüder Petrus und Andreas. Während der hl. Petrus ganz typisch mit Schlüssel und Buch dargestellt wird, ist der Kapellenpatron Andreas am Andreaskreuz [9] erkennbar. [10]

1489 Am 2. Oktober wird die Kapelle zu Ehren der Heiligen Andreas, Ulrich, Jodokus, Martha und Ottilia von Daniel Zehender (gest. um 1500), Weihbischof von Konstanz, eingeweiht. [11]

1648 Die Leute im Städtli erhalten für Ausbesserungsarbeiten an der Kapelle vom Zuger Stadtrat Kalk und Dachziegel. [12] Diese Schäden sind möglicherweise Folgen des verheerenden Wintersturmes vom 29. Januar 1645.

1668 Der Kapellenturm wird erhöht und erhält ein Satteldach (Käsbissendach). Weiter erhält der Glockenstuhl eine neue Glocke. [13]

1675–1688 Die Kapelle wird renoviert. Die Jahreszahl «1675» ist am Sturz des steinernen Portals angebracht. [14]

um 1719 Kaplan Johann Kaspar Keiser (1668–1744) stiftet einen barocken Hochaltar mit einem Bild mit der Muttergottes Maria sowie den Heiligen Sebastian und Ursula des Zuger Barockmalers Johannes Brandenberg (1661–1729). Auf dem Bild sind auch Schloss und Kapelle von St. Andreas von der Zuger Seite her gemalt. [15]

1855 In der Kapelle wird der Altar klassizistisch vereinfacht und sie erhält eine neue Gipsdecke.

1908 Der Zuger Architekt Dagobert Keiser (1879–1959), der mit Umgestaltung des Schlosses St. Andreas beauftragt ist, baut eine neue Vorhalle. Die Vorhalle ist von Seitenmauern mit vergitterten Bogenöffnungen versehen. [16]

1927–1929 Östlich an den Chor wird die Gruftkapelle der Familien Page und von Schulthess angebaut.

1942 Der Chamer Geschichtsforscher Emil Villiger (1904–1981) leitet eine aufwändige Ausgrabungs- und Restaurierungskampagne: Die Ausstattung aus dem 19. Jahrhundert wird wieder aus der Kapelle entfernt. Hinter dem Hochaltaraufbau kommen das ursprünglich zweigeteilte gotische Ostfenster und die Reste der spätgotischen Fresken zum Vorschein. Die Gipsdecke wird durch eine neue Holzdecke ersetzt. [17]

1991 Das Innere der Kapelle wird renoviert und gereinigt. Das Kirchenschiff erhält neun erhaltene Stationenbilder auf Leinwand, ebenfalls von Johannes Brandenberg. Die Stationenbilder stammen wahrscheinlich aus der 1785 abgebrochenen alten Pfarrkirche St. Jakob. [18]


Grundriss der Kapelle [19]

150350 St.Andreas Plan.jpg

Dunkelgrüne Einfärbung

Nicht-kirchliche Bauelemente, 11./12. Jahrhundert

  • 1 Westliche Mauer
  • 2 nördliche Mauer
  • 3 östliche Mauer
  • 4 Fundament der Treppe?


Hellgrüne Einfärbung

Hochmittelalterliche Kirche, 12./13. Jahrhundert

  • 5 Apsis
  • 6 Südmauer des Schiffes
  • 7 Spannmauer unter dem Apsisbogen


Dunkelblaue Einfärbung

Erneuerung der Apsis, 13. Jahrhundert

  • 8 Apsis


Mittelblaue Einfärbung

Kapelle von 1485/86–1489

  • 9 Westmauer des Schiffes
  • 10 teils bis ins alte Fundament erneuerte Nordmauer des Schiffs
  • 11 teils bis ins alte Fundament erneuerte Südmauer des Schiffs
  • 12 nordseitiger Teil des Triumphbogens
  • 13 südseitiger Teil des Triumphbogens
  • 14 Nordmauer des Altarhauses
  • 15 Ostmauer des Altarhauses
  • 16 Südmauer des Altarhauses
  • 17 Turm
  • 18 Vorhalle von 1908
  • 19 Grabkapelle der Familien Page und von Schulthess von 1927–1929

Unbekannte Zeitstellung

  • 20 Quermauer östlich der Apsis der hochmittelalterlichen Kapelle

Die Krypta


Bildergalerie

Schloss und Kapelle St. Andreas in alten Ansichten

Die Kapelle im Laufe der Zeit

Die Familiengruft der Familie Page

150320 Fam Page Familiengruft St.Andreas.jpg

Im Schlosspark, östlich an die Kapelle angebaut, befindet sich die Gruft der Familie Page. Hier ruhen die sterblichen Überreste von Adelheid Page-Schwerzmann (1853–1925), stellvertretend das Relief, welches sie von der Seite zeigt. Die Büste von Ehemann George (1836–1899) steht daneben.


Karten

Aktueller Kartenausschnitt

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Einzelnachweise

  1. Boschetti-Maradi, Adriano / Eggenberger, Peter / Holzer, Peter, Bauuntersuchung Kapelle St. Andreas Cham, in: Tugium 22, 2006, S. 26
  2. Boschetti-Maradi, Adriano / Eggenberger, Peter / Holzer, Peter, Bauuntersuchung Kapelle St. Andreas Cham, in: Tugium 22, 2006, S. 26
  3. Quellenwerk zur Entstehung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Abteilung 1, Urkunden, Bd. 1, Nr. 1388 (29.09.1282)
  4. Quellenwerk zur Entstehung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Abteilung 1, Urkunden, Bd. 3, Nr. 772 (24.05.1348)
  5. Eggenberger, Peter / Glauser, Thomas / Hofmann, Toni, Mittelalterliche Kirchen und die Entstehung der Pfarreien im Kanton Zug, Zug 2008 (Kunstgeschichte und Archäologie im Kanton Zug 5), S. 178f.
  6. Eggenberger, Peter / Glauser, Thomas / Hofmann, Toni, Mittelalterliche Kirchen und die Entstehung der Pfarreien im Kanton Zug, Zug 2008 (Kunstgeschichte und Archäologie im Kanton Zug 5), S. 178
  7. Eggenberger, Peter / Glauser, Thomas / Hofmann, Toni, Mittelalterliche Kirchen und die Entstehung der Pfarreien im Kanton Zug, Zug 2008 (Kunstgeschichte und Archäologie im Kanton Zug 5), S. 179
  8. Eggenberger, Peter / Glauser, Thomas / Hofmann, Toni, Mittelalterliche Kirchen und die Entstehung der Pfarreien im Kanton Zug, Zug 2008 (Kunstgeschichte und Archäologie im Kanton Zug 5), S. 183
  9. Das Andreaskreuz ist ein Kreuz mit zwei diagonal verlaufenden und sich kreuzenden Balken. Der Apostel Andreas soll in Patras, Griechenland, an einem solchen Kreuz gekreuzigt worden sein
  10. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 66
  11. Urkundenbuch von Stadt und Amt Zug vom Eintritt in den Bund bis zum Ausgang des Mittelalters 1352–1528, 2 Bde., Zug 1952–1964. UBZG I, Nr. 2486
  12. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.2, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1641–1650, fol. 232r (08.08.1648)
  13. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 61–63
  14. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 61f.
  15. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 61, 67
  16. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 61f.
  17. Villiger, Emil, Der heilige Bischof ohne Namen in Cham, Zug 1944
  18. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 61f.
  19. Boschetti-Maradi, Adriano / Eggenberger, Peter / Holzer, Peter, Bauuntersuchung Kapelle St. Andreas Cham, in: Tugium 22, 2006, S. 180