Chomer Märt

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Der «Chomer Märt» findet jeweils am letzten Mittwoch vor dem ersten Adventssonntag in Cham statt. Zwischen Bahnhof und Rigistrasse stehen viele Marktstände und Jahrmarktattraktionen, der Schwerpunkt liegt heute im Gebiet Schulhaus Kirchbühl, Rigiplatz und Bärenplatz. Die Chamer Schulkinder haben an diesem Tag schulfrei. Tagsüber dominiert der Marktbetrieb unter freiem Himmel; abends klingt der Markttag in den Chamer Restaurants aus, wobei oft eine Chomer Märt-Rösti serviert wird.

Markttreiben am «Chomer Märt» vor 1910: Gasthaus Raben mit Lastenwaage, Rabenscheune, dahinter die Rabenmatt, auf der Viehmärkte und Viehausstellungen abgehalten wurden.
Chomer Märt
Chomer Märt
Chomer Märt
Illustrationen (Holzschnitte) von Godi Hofmann (1934–2011) aus dem Zuger Kalender 1962 zu den Erinnerungen von Heinrich Bütler


Chronologie

1360 Bei der Beurkundung der Chamer Stadtrechte wird explizit auch das Recht erwähnt, in Cham am Montag einen Wochenmarkt abzuhalten. Weil Cham Vogtei der Stadt Zug war, dürfte sich der Chamer Markt nicht gegen den Stadtzuger Markt durchgesetzt haben. [1]

1824 Die Gemeindeversammlung beschliesst, jährlich im Kirchbüel einen Jahr- und Viehmarkt abzuhalten, nämlich jeweils am Katharinentag, also am 25. November. Verschiedene Massnahmen sollen helfen, den Markt zu etablieren: Chamer Bauern, die daran teilnehmen möchten, werden gleich zur Teilnahme auf vier Jahre verpflichtet. Wer drei bis sieben Stück Grossvieh besitzt, muss mindestens ein Stück auf dem Markt anbieten; wer acht oder mehr besitzt, deren zwei. Zu jedem Tier gehört ein Gesundheitsschein. Um zusätzlich fremde Händler anzulocken, bezahlen diese in den ersten Jahren kein Standgeld, und auch das Vieh von ausserhalb bleibt abgabefrei. Werbung für den Chomer Märt macht die Gemeinde in der Wochenzeitung.

1835 Die Gemeinde überprüft aus Anlass des Chomer Märts das Vieh, das von ausserhalb nach Cham kommt: Die Gesundheitsscheine kontrollieren Ratsherr Doggwiler und der Polizeidiener bei der Bärenbrücke über die Lorze, Gemeindeschreiber Heinrich Gretener (1810–1838) auf der Strasse gegen Chämleten, Vizepräsident Gretener auf der Strasse Richtung Enikon und Sattler Kaufmann auf dem Weg zum Rörliberg. [2]

1848 Cham hat 1300 Einwohner und acht Kramläden.

1914 Der Vieh- und Warenmarkt wird am Mittwoch 25. November 1914 - knapp vier Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs - wie gewohnt durchgeführt. Die Gasthäuser Bären, Neudorf, Raben und Kreuz bieten musikalische Unterhaltung. Auf eine Fortführung des Warenmarktes am 26. November wird aber verzichtet. [3]

1941 Der Chomer Märt findet auch während des Zweiten Weltkriegs statt, in diesem Jahr am 26. November. Obwohl der Mittwoch aufgrund der Rationierung fleischlos ist und abends der ganze Markt ebenso verdunkelt sein muss wie die Häuser und Strassen, wird der Markt gut besucht. [4]

1947 Der Markt wird von der «Hauptstrasse» (Luzernerstrasse) auf die Schulhausstrasse verlegt – der Wechsel scheint sich zu bewähren, wie aus dem Protokoll der Marktkommission 1948 hervorgeht: «Die Verlegung des Marktes von der Hauptstrasse auf die Schulhausstrasse, Gemeindehausplatz bis Raben hat sich verkehrstechnisch gut bewährt. Auch der grösste Teil der Marktverkäufer hat sich über diese Regelung günstig ausgesprochen, so dass kein Anlass besteht, für die Zukunft eine Änderung zu treffen. Im weiteren erhält Standmeister Franz Abt zwei Gemeindearbeiter, welche vor und nach dem Markt, sowie am Markttag von ca. 20.00 Uhr an ihn unterstellt werden und seinen Anordnungen Folge zu leisten haben. Man hofft, dass dadurch die Unkosten für den Markt reduziert werden können. Die Firma Häseli in Wettingen beabsichtigt, mit der Autobahn und eventuell mit weiteren kleinen Attraktionen den Markt zu bereichern.» [5]

1956 Das Restaurant Bären verzichtet aufgrund der «tragischen Ereignisse in Ungarn» (Ungarischer Volksaufstand vom 23. Oktober bis 4. November 1956) auf den Tanzanlass anlässlich des Chomer Märts. [6]

2014 Während 30 Jahren organisierte Marktchef Franz Bellmont, Gemeindeweibel und Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung, den Markt. Im September 2014 geht er in Frühpension.


Zeitungsartikel

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Eine Beschreibung des Chomer Märts von 1898

Die Schriftstellerin Marie Schlumpf (1853–1907) aus Buonas schrieb 1898: «Eine fröhliche, bunte Volksmenge drängte sich zwischen den Krambuden, die auf dem prächtigen Platze vor der Kirche und dem Gasthofe zum „Raaben“ sowie den nächstliegenden Strassen des „Kirchbühles“ errichtet waren. Da standen die Bäuerinnen vor den „Ständen“ der israelitischen Tuchhändler und markten und zankten mit diesen um die vielfach geprüften Stoffe, dort las sich ein Bauernknecht ein Paar dicksohlige Winterschuhe oder ein Paar Werktagshosen aus, ein ländlicher Backfisch kauft verschämt ein Büchli Rosabriefpapier und lässt die Anfangsbuchstaben ihres Namen darauf pressen. (...) Elegante Zugerdämchen ziehen Arm in Arm dahin, schäckernd (sic!) und lachend, ohne von den ausgelegten Herrlichkeiten viel zu nehmen.» [7]


Eine Beschreibung des Chomer Märts von 1918

Heinrich Bütler (1907–1976) war vom Chomer Märt so angetan, dass er seine Kindheitserinnerungen von 1918 niederschrieb: «Am Abend zuvor nahm der Vater die Geldverteilung vor: einen Zehner jedem für jedes Lebensjahr. In diesem Jahr reichte es bei mir zu einem Franken zehn. Soviel eigenes Kapital hatte ich sonst das ganze Jahr nie. (...) Am besten gehe man ein paar Mal den Markt auf und ab, ehe man sich zu einem Kauf entschliesse, sonst könnte man eine noch günstigere Gelegenheit vielleicht verpassen. (...) Die ganze Hauptstrasse hinauf und hinunter waren damals die Jahrmarktbuden aufgestellt. Beim „Kreuz“ hatte der billige Jakob seinen schirmbeschützen Stand. Er kannte viel, und ihn kannten die meisten, war er doch alle Jahre da. (...) Die Novitäten der diesjährigen Marktsaison hatte ich indes schon entdeckt und überall herumgesprochen. Am erregendsten war sicher der universale Musiker, der mit den Händen Handorgel spielte und mit dem einen Fuss einen Hebel betätigend die Tschinellen und die Pauke bediente, indes auf dem Kopf so etwas wie ein Schellenbaum durch Schütteln zum Klingen gebracht werden konnte. Vor dem Mund hielt eine am Leib befestigte Stange eine Mundharmonika, in die das Universalgenie blies. Unterhört! Und dass dieser unser Dorf einer solchen Weltsensation für würdig hielt! Da, wo die Strasse beim Kirchplatz vorbeiführt, bei Schwerzmanns Laden, da hatte die Magie ihren Schauplatz. Es hatte da ein Mann auf dem Wägelchen einen Papageienkäfig mit einem Vogel, und der holte mit dem Schnabel aus einem Behälter ein Briefchen heraus, in dem haargenau das Schicksal dessen beschrieben war, der eben für das Briefchen eine Münze einbezahlt hatte. 20 Mal oder mehr habe ich die Kontrolle gemacht – und jedesmal stimmte es: Sie sind eine Dame – stimmt! – Sie sind im noch jugendlichen Alter – stimmt! Sogar die bestandene Frau Schellhammer rief es bei ihrem Briefchen. Sie sind ein strebsamer Mann – stimmt! (Der Mann, dem der Zauberkäfig gehörte, hatte vorher zweimal auf dem Käfig geklopft.) (...) Mir blieb dieser Profetenvogel noch lange ein Rätsel, auch als beim Nachtessen mein Vater mit etwelchem aufgeklärten Rationalismus dem Wundertier moralisch den Hals umdrehte. Ach, mochte er’s! Damit konnte er auch die Dame ohne Unterleib, die bei der Rabenscheune gegen 30 Centimes zu sehen war, nicht wieder ganz machen, sah man doch deutlich, wie die Taille auf dem Spitzendeckchen aufgesetzt war. (…) Bei Dr. Ritters Haus längs dem Gartenhag waren in vier und mehr Reihen die Oeldrucke an Wäscheklammern aufgehängt. So Wunderseliges sah ich nur am Jahrmarkt, sonst nie. Da ging auf sechs Bildern der Heiland mit den Aposteln durchs Kornfeld, einmal von rechts nach links vorn, einmal mittendurch, dann wieder trat er eben aus den letzten Halmen am Rand. Auf andern Bildern flogen, da sie selber auf dem schmalen Steg nicht mehr Raum hatte, weissgewandete Schutzengel neben einem Buben mit Matrosenkragen oder hinter einem Mädchen, das eine Blindschleiche zu belecken drohte. Aus einem Bildrand äugten Engelsköpfe schräg aufwärts mit derartiger Verdrehung der Augäpfel, als ob ihnen ein unsichtbarer böser Bube die Flügel ausdrehte. (…)» [8]


Eine Beschreibung des Chomer Märts von 2001

Der Chamer Historiker Dr. Peter Hoppe (*1946) beschreibt in seinem Aufsatz zu den öffentlichen Märkten in Zug den Chomer Märt 2001 wie folgt: «Mittwoch, 28. November 2001: Chomer Märt. Für die kurze Dauer eines einzigen Tages ersteht mitten in Cham eine Gegenwelt zu Einkaufszentren, Grossverteilern und modernen Ladengeschäften - ein dörflicher Jahrmarkt unter freiem Himmel. Etwa 120 Marktstände – vom altmodischen Bretterverschlag bis zum topmodernen mobilen Verkaufswagen – reihen sich auf dem Platz und den Strassenstücken zwischen Schulhaus Kirchbüel, Mandelhof, Wirtschaft Schiess und Bärenkreisel. Das Warenangebot reicht von Kuschelsocken bis zu Urner Käse, von Gewürzen über das obligate Magenbrot bis zu einem überraschend breiten Bekleidungssortiment. Beim Schulhaus sind die Schauersteller untergebracht: eine Schiessbude, für die Jugendlichen eine Scooter-Autobahn und für die Kleinen eine Art Karussell - früher wäre es vielleicht eine Rössliriiti gewesen, heute heisst das Ding "Fantasy road"; die Fahrt im Plastikauto kostet Fr. 2.50. Trotz Regen ist der Markt gut besucht. Die Kinder haben schulfrei. Am Abend sind die Stände schon wieder verschwunden. In den Restaurants hingegen herrscht Hochbetrieb, vielerorts verbunden mit musikalischer Unterhaltung. Man trifft sich am Chomer Märt. [9]


Einzelnachweise

  1. Hoppe, Peter, Märkte unter freiem Himmel. Funktion, Häufigkeit und wirtschaftliche Bedeutung der öffentlichen Märkte in Zug, in: Zug erkunden. Bildessays und historische Beiträge zu 16 Zuger Schauplätzen, Zug 2002, S. 88–111
  2. Hoppe, Peter, Märkte unter freiem Himmel. Funktion, Häufigkeit und wirtschaftliche Bedeutung der öffentlichen Märkte in Zug, in: Zug erkunden. Bildessays und historische Beiträge zu 16 Zuger Schauplätzen, Zug 2002, S. 106f.
  3. Zuger Volksblatt, 21.11.1914
  4. Zuger Kalender 1943, Chronik 26.11.1941
  5. Chomer Bär 150, November 2010
  6. Zugersee-Zeitung, 23.11.1956
  7. Schlumpf, Marie, Chomer Märt, in: Zuger Kalender 1898, S. 49–51
  8. Bütler, Heinrich, Wie ich damals den Chamer Jahrmarkt erlebte, in: Zuger Kalender 1962, S. 52–54
  9. Hoppe, Peter, Märkte unter freiem Himmel. Funktion, Häufigkeit und wirtschaftliche Bedeutung der öffentlichen Märkte in Zug, in: Zug erkunden. Bildessays und historische Beiträge zu 16 Zuger Schauplätzen, Zug 2002, S. 97