Zugerstrasse 19 «Neudorf»

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Der Gebäudekomplex des «Neudorfs»
Das Gasthaus Neudorf mit Theater, Kinoeingang und Bühnenhaus im Hintergrund
Das «Neudorf» im Vollbrand in der Nacht vom ersten auf den zweiten August 1978
Das «Neudorf» mit der Pizzeria und dem Tierlibrunnen nach dem Brand von 1978


An der Zugerstrasse 19 befand sich einst die Häusergruppe «Neudorf», mit Restaurant, Kino, Saal und Bühnenhaus. Darin fanden unter anderem auch Gemeindeversammlungen und Generalversammlungen der Nestlé SA statt. Nach einem Brand 1978 wichen die zerstörten Gebäude dem Einkaufszentrum Neudorf, das 1983 und 1990 in zwei Etappen entstand.


Chronologie

1872 Das Dorf Cham wächst stark: An der Zugerstrasse entstehen viele Bauten, unter anderem das «Neudorf» an der Zugerstrasse 19. [1] Bauherr des Riegelhauses ist Jakob Sennrich.

1881 Weil die Chamer Theaterkultur in Cham aufblüht, entschliesst sich «Neudorf»-Wirt und Zimmermeister Jakob Sennrich (1835–1900) dazu, seine Wirtschaft um einem Theatersaal mit Bühne zu erweitern. [2] Das Bühnenhaus wird später erhöht und von weitem sichtbar.

1891 Der Männerchor Cham konzertiert am 19. April unter Mitwirkung bewährter Musikkräfte im Theatersaal im «Neudorf». [3]

1895 Das Patentgesuch für das «Neudorf» geht auf Zimmermeister Jakob Sennrich, der seit 20 Jahren in Cham anwesend ist. [4]

1900 Jakob Sennrich ist verstorben. Jetzt reichen seine Erben das Patentgesuch ein. Es lautet auf Architekt Josef Jakob Sennrich (1869–1945). Das «Neudorf» weist ein Tanzlokal und fünf Gastzimmer auf. [5]

1908 Die Sektion Zug des Schweizerischen Lehrervereins hält am 13. Dezember seine Jahresversammlung im «Neudorf» ab. Sekundarlehrer Josef Müller hält einen Vortrag über drahtlose Telegrafie. [6] Nach zahlreichen Theaterbränden im In- und Ausland wurden in allen Theatern die Notausgänge überprüft. Auch im «Neudorf» geben sie zu Beschwerden Anlass und führen zu einer Einschränkung des Betriebs. Verschiedene Um- und Anbauten erhöhen die Sicherheit, der hohe Bühnenturm ist weit herum sichtbar.

1915 Nach der feierlichen Einweihung der protestantischen Kirche in Cham am 21. November 1915 findet das Festbankett im «Neudorf» statt. [7]

1916 Mitten im Ersten Weltkrieg pachtet Berta Bisch-Schellhammer (*1879), verheiratet und Mutter von drei Kindern, das Restaurant Neudorf. [8]

1922 Die Wirtschaftskrise zu Beginn der 1920er Jahre zeigt ihre Spuren auch im Neudorf: Weil Besitzer Josef Jakob Sennrich als Bauführer arbeitslos geworden ist, übernimmt er zusammen mit Witwe Schellhammer-Dogwiler die Gastwirtschaft. [9]

1923 Cham erhält sein erstes Kino: Die ersten Kinoaufführungen finden im Saal des «Neudorfs» statt.

1935 Bildhauer Wilhelm Schwerzmann (1877–1966) von Minusio TI, der Chamer Ortsbürger ist, schenkt der Gemeinde Cham am 29. Juli einen Brunnen mit Tierformen. Der Trog zeigt in Hochreliefs Ziege, Rind, Pferd und Schwein. Auf der Säule im Mittelteil steht: «Unsern lieben Haustieren für ihre treue Mitarbeit». Der Brunnen wird beim «Neudorf» aufgestellt. [10]

1936 Kaufmann Hans Stutz-Meier (*1907) übernimmt das «Gasthaus zum Neudorf». [11]

1939 Theodor Burri-Buss (*1907), Bürger von Kriens LU, kauft das «Neudorf» und führt es mit seiner Frau Bertha. [12]

1944 Der Saal mit dem Gasthof geht an die Theatergesellschaft Cham über, die zur besseren Finanzierung ein Geschäftslokal und einen kleinen Kinosaal einrichtet.

1945 Im Alter von 76 Jahren stirbt am 1. Februar in Cham Jakob Sennrich, der frühere Wirt zum «Neudorf». Während über 35 Jahren stand er als Architekt bei der Firma Nestlé in Stellung. Als begeisterter Schütze und Sänger erwarb er sich für das Schiesswesen wie auch um die Pflege des Gesanges geschätzte Verdienste. Sennrich war auch Oberleutnant bei den Genietruppen gewesen. [13]

1947 Eugen Keiser-Frei (*1899) pachtet das «Neudorf» von Theodor Burri. [14]

1948 Die Einwohnergemeindeversammlung genehmigt am 19. Dezember das Budget für 1949 und behandelt als Haupttraktandum die Frage des vorgesehenen Saalbaus im «Neudorf». Sie lehnt einen Beitrag an die Theatergesellschaft ab. [15]

1950 Max Kaufmann (1912–1989), von Beruf Chauffeur, verheiratet mit Maria Thürig (*1914) führt zuerst als Gerant der Theatergesellschaft Cham, dann als Pächter das «Neudorf». [16]

1954 Im Gasthof Neudorf wird ein Fernsehapparat aufgestellt, der sich «grosser Anziehungskraft» erfreut. Mit seinem 43 Zentimeter langen Bildschirm ist er der grösste Fernseher im Kanton Zug. Jeden Abend um 20.30 Uhr werden die Sendungen übertragen. [17]

1957 Margaretha Vetter-Mark (1926–2014) von Entlebuch LU, verheiratet mit Metzger Hans (1924–2004) führt das «Neudorf». [18]

1964 Der Gebäudekomplex Neudorf geht von der Theatergesellschaft an die «A.G. Liegenschaft Neudorf, Cham» über.

1967 Annemarie Lussi-Wirz (*1925) von Sarnen OW ist die neue Pächterin des «Gasthaus Neudorf». [19]

1969 Anton Armando Krummenacher-Pfrunder (*1935), Bürger von Schüpfheim LU, wirtet im Restaurant Neudorf. [20]

1970 Das Kino Neudorf in Cham schliesst Ende August seine Pforten. Seine Zukunft ist noch ungewiss. [21]

1972 Der Gebäudekomplex Neudorf geht von der «A.G. Liegenschaft Neudorf, Cham» an die Hammer AG über, an die Tochterfirma der Papierfabrik Cham. Die Frauenzentrale Zug mit ihrer Präsidentin Ursula Iselin plant im «Neudorf» die Errichtung eines Brockenhauses. Die Frauenorganisation erhält vom Gemeinderat die Bewilligung, die Liegenschaft mit «Brockehus, Frauenzentrale des Kantons Zug» anzuschreiben. Die Schrifthöhe darf nicht mehr als 60 Zentimeter betragen.

1974 Die Gastwirtschaft im «Neudorf» wird von der Aktiengesellschaft Rochiotto AG gepachtet. Das Restaurant ist auch ein Geschäft für Tessiner Spezialitäten. Hauptaktionäre sind das Treuhandbüro Oswald Bühler, Luzern, sowie die Firma Lentini Bellinzona. Rolf Semmler (*1943) von Kreuzlingen TG ist der Geschäftsführer. Nach einem Konkurs der AG übernimmt Lentini das Lokal und stellt Semmler als Geschäftsführer des Restaurants an. [22] Das «Neudorf», in dem sich viele Jahre ein wesentlicher Teil des Chamer Kulturlebens abspielte, wird im Februar geschlossen. [23]

1975 Wirt Rolf Semmler modernisiert die Räume der «Trattoria Baffo». [24] Die Frauenzentrale Zug richtet im Saal des «Neudorfs» ein Brockenhaus ein. Am 12. Juni öffnen sich die Türen gleichzeitig im «Brockehus» Cham wie im «Brockehus» am Reiffergässli in Zug.

1976 Jean-Pierre Pitton (*1946) von Oppens VD ist zusammen mit seiner Frau Annemarie (geb. Kruse) der Betreiber der Pizzeria «da Baffo» im Chamer Neudorf. [25]

1978 Klaus Glarner-Fuchs (*1947), Bürger von Schänis SG, ist zusammen mit seiner Frau Theres der Betreiber der Pizzeria «da Baffo» im Chamer Neudorf. Er war zuvor Koch im Restaurant Kollermühle in Zug und wohnt im Alpenblick. [26] Ein Grossbrand am 2. August zerstört den Neudorf-Komplex mit der Pizzeria da Baffo, dem Coiffeurgeschäft Weber und dem Brockenhaus. Die vierteilige alte Überbauung ist abbruchreif. Zusammen mit der Brandbrache wird das ganze Gebiet inmitten des «Städtlis» einer Gesamtplanung unterzogen. [27]

1981 Spatenstich am 2. September für den Bau des Neudorfcenters. Mit einer schlichten Feier wird der Bau des Ladenzentrums eingeleitet, das «zu einem Markstein in der Erneuerung des Chamer Dorfkerns werden» soll. [28]

1983 In Cham wird das Zentrum Neudorf am 27. April festlich eröffnet. [29] Der Gebäudekomplex weist ein Bauvolumen von 70'530 m³ auf, eine Bruttogeschossfläche von 10'331 m², 16 Maisonette-Wohnungen zu 4 ½ Zimmern, eine Lagerfläche von 3800 m² und 180 gedeckten Parkplätzen. 22 Geschäfte bieten unter anderem die wichtigsten Artikel des täglichen Gebrauchs an. Ein Restaurant, ein Café und ein Dancing laden zur Begegnung ein. Bank und Post bringen Leben in die neue Überbauung. [30] Für die Fassade wählte Architekt Hanspeter Ammann Sichtbackstein – quasi als Referenz an die industrielle Vergangenheit des Ortes mit der nahen Milchsüdi.

1986 Die Filiale Cham der Zuger Kantonalbank zieht in das Neudorfcenter um. Die Filiale Kirchbüel am Kirchenplatz besteht als Agentur weiterhin. [31]

1990 Die zweite Etappe des Einkaufzentrums Neudorf ergänzt die erste Etappe um sieben Geschäfte und 16 Wohnungen.


Anekdote

Am 30. Mai 1944 – im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs – wird (vor allem) den Chamerinnen im «Neudorf» etwas ganz Besonderes geboten: Der Modedienst des Ringierverlags lädt Abonnenten und Interessierte aus Cham und Umgebung zu einem «bunten Modeabend» ein, also zu einem Unterhaltungsabend mit Modeschau. Lustige Verse des Zürcher Heimatdichters Gobi Walder (1901–1965) und eine Kapelle vor Ort umrahmen die Modeschau. Am folgenden Tag bieten Ringier-Schneiderinnen vor Ort Gratisberatungen mit praktischen Tipps an («kleine Winke zum Selberschneidern»). [32]


Dokumente

Inserate


Bildergalerie

Abbruch des «Neudorfs» durch die LS Kp I/28 am 19. Mai 1981


Einzelnachweise

  1. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 154
  2. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 154
  3. Zuger Neujahrsblatt 1894, Chronik 19.04.1891
  4. Staatsarchiv Zug, CD 27, Wirtepatente 1892–1918, Mappe Neudorf (Gesuch vom 18.05.1895)
  5. Staatsarchiv Zug, CD 27, Wirtepatente 1892–1918, Mappe Neudorf (Gesuch vom 03.01.1900)
  6. Zuger Neujahrsblatt 1911, Chronik 13.12.1908
  7. Zuger Neujahrsblatt 1922, Chronik 21.11.1915
  8. Staatsarchiv Zug, Wirtschaftswesen, CE 80.3, Mappe Neudorf (Gesuch vom 28.11.1916)
  9. Staatsarchiv Zug, Wirtschaftswesen, CE 80.3, Mappe Neudorf (Gesuch vom 30.08.1922)
  10. Zuger Neujahrsblatt 1937, Chronik 29.07.1935. Zuger Kalender 1937, Chronik 29.07.1935
  11. Staatsarchiv Zug, Wirtschaftswesen, CE 80.3, Mappe Neudorf (Gesuch vom 10.12.1935)
  12. Staatsarchiv Zug, Wirtschaftswesen, CE 80.3, Mappe Neudorf (Gesuch vom 15.04.1939)
  13. Zuger Neujahrsblatt 1947, Chronik 01.02.1945. Zuger Kalender 1946, Chronik 01.02.1945
  14. Staatsarchiv Zug, Wirtschaftswesen, CE 80.3, Mappe Neudorf (Gesuch vom 07.05.1947)
  15. Zuger Kalender 1950, Chronik 19.12.1948
  16. Staatsarchiv Zug, Wirtschaftswesen, CE 80.3, Mappe Neudorf (Gesuch vom 17.06.1950)
  17. Zugersee-Zeitung, 18.06.1954
  18. Staatsarchiv Zug, Wirtepatente, G 468, Mappe Pizzeria Da Baffo (Erneuerungsgesuch vom 28.03.1962)
  19. Staatsarchiv Zug, Wirtepatente, G 468, Mappe Pizzeria Da Baffo (Gesuch vom 17.04.1967)
  20. Erneuerungsgesuch Wirtepatent 19.05.1970, in: Staatsarchiv Zug, Wirtepatente, G468, Mappe Pizzeria Da Baffo
  21. Zuger Kalender 1972, Chronik August 1970
  22. Leumundsbericht 28.06.1976, in: Staatsarchiv Zug, Wirtepatente, G468, Mappe Pizzeria Da Baffo
  23. Zuger Kalender 1975, Chronik Februar 1974
  24. Baugesuch 30.09.1975, in: Staatsarchiv Zug, Wirtepatente, G468, Mappe Pizzeria Da Baffo
  25. Staatsarchiv Zug, Wirtepatente, G 468, Mappe Pizzeria Da Baffo (Gesuch vom 18.10.1976)
  26. Staatsarchiv Zug, Wirtepatente, G 468, Mappe Pizzeria Da Baffo (Gesuch vom 16.01.1978)
  27. Steiner, Hermann et al., Wasser und Feuer. 100 Jahre Feuerwehr Cham 1888–1988, Cham 1988, S. 86f. Zuger Neujahrsblatt 1980, Chronik 02.08.1978
  28. Zuger Neujahrsblatt 1983, Chronik 02.09.1981
  29. Zuger Neujahrsblatt 1984, Chronik 27.04.1983
  30. Zuger Kalender 1984, Chronik 27.04.1983
  31. Zuger Kalender 1988, Chronik 24.11.1986
  32. Zuger Nachrichten, 26.05.1944