Alpenblick

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Luftaufnahme des «Alpenblicks» kurz vor der Vollendung. Links der Siedlung ist das Einzelhaus von Jean Villiger zu erkennen, darunter das Gebiet Eichmatt/Mugeren mit dem alten Hausbestand. Am rechten Bildrand ist die SBB-Haltestelle Chollermühle: die Autos müssen noch vor der Bahnschranke halten, die Unterführung kommt erst später, 22.06.1967
Vorne die Siedlung Alpenblick, dahinter das Städtlerried, wo erste Industrie- und Gewerbebauten entstehen, 22.06.1967
Der «Alpenblick», fotografiert von der Chollermühle, 1983
Luftaufnahme der Siedlung
Um die Erhaltung des Hauses Nr. 8 ist eine Kontroverse entbrannt, 2015
Die Hochhäuser «One-One», 2014

Die Wohnüberbauung Alpenblick ist eine frühe Hochhaussiedlung, sie entstand in den Jahren 1963 bis 1968 und wurde vom Chamer Architekten Josef Stöckli entworfen. Sie gilt heute als «Meilenstein in der jüngeren Architekturgeschichte». [1]

Chronologie

1959 Der Viehhändler Jean Villiger (1905–1987) wohnt in einem kleinen Bauernhof mit Haus und Scheune namens «Alpenblick». Der Hof liegt westlich der Zugerstrasse. Villiger will sein Land auf der Ostseite der Strasse verkaufen und hat bereits eine Planskizze für den Bau von Einfamilienhäusern erstellen lassen. [2] Die Einwohnergemeinde Cham lehnt die ersten Entwürfe mit zweieinhalbgeschossigen Bauten ab, weil diese sich gegenseitig und den Strassenbenützenden die Sicht auf den Zugersee verriegeln würden. Deshalb empfiehlt die Gemeinde, mit allen Grundeigentümern einen Plan für eine Gesamtüberbauung «für gehobenen Wohnungsstandard» zu erstellen. [3]

1961 Jean Villiger engagiert den Chamer Architekten Josef Stöckli (*1929). Dieser bringt den Vorschlag, die Parzellen mit einer Hochhaussiedlung zu überziehen, die locker gruppiert wird. Zehn Bauten mit maximal elf Geschossen werden in vier Gruppen gebündelt, so sieht es der Plan von Bauherr und Architekt vor. Zudem sei aufgrund der Nähe zum Naturschutzgebiet eine landschaftsverträgliche Gruppierung der Hochhäuser und pflanzliche Einbettung vonnöten. [4] Dies hatten bereits ein Jahr zuvor die Architekten Marti und Blum bei der Quartierplanung so geäussert. [5]

1964 Die erste Etappe der «Alpenblick»-Überbauung entsteht mit 100 Wohnungen. Die zweite, bis 1967 realisierte Etappe umfasst nochmals 120 Wohnungen. Für die Aussenfassaden hat der Architekt bewusst Sichtbackstein ausgewählt. [6]

1965 Für die Landschaftsplanung haben Architekt Josef Stöckli und Gartenarchitekt Adolf Zürcher (1934–2000) beim «Alpenblick» darauf geachtet, «den Baumbestand des Schlosses und des Strandbades im Baugebiet fortzusetzen». «Es liegt in unserer Möglichkeit, (...) dass die Häuser auch in der ungünstigsten Perspektive sich nicht als eine geschlossene Riesenwand zeigen, sondern allseitig in Grün eingebettet werden.» [7]

1967 Die erste und zweite Etappe der «Alpenblick»-Überbauung mit den 220 Wohnungen ist bezugsbereit. Mit der Aussicht und der vielen Grünfläche sind den zahlbaren Wohnungen konkurrenzfähig. Dennoch bekommt die neuartige Siedlung im Volksmund den Übernamen «Chamer Manhattan» und wird, wie Bewohnende berichten, auch «etwas belächelt». Ein Bewohner erinnert sich: «Auch die Chamer schauten auf die Leute dem Alpenblick etwas hinunter. Meine Familie und ich fühlten uns aber von Anfang an wohl hier.» [8]

1969 Die Kleinschulanlage Alpenblick wird eröffnet. Die Gemeindeversammlung hatte dazu 1968 zwei Kredite gesprochen: 300'000 Franken für den Sanitätsposten (unter dem Schulhaus) und 275'000 Franken für die Kleinschulanlage.

2008 An der Urne stimmen die Chamerinnen und Chamer am 30. November dem Bebauungsplan für die nördliche Erweiterung des Alpenblicks mit 2885 Ja- zu 1112 Nein-Stimmen deutlich zu. [9]

2014 Zwischen der Überbauung Alpenblick und den Kantonsstrassen sind auf der nördlichen Seite des Areals zwei weitere Hochhäuser mit 66 Apartments und Penthouses hochgezogen worden: Sie heissen «One-One» und wurden von der Heinz Häusler Real Estate Investment AG realisiert. Die Architektur stammt vom Zuger Dan Semrad. [10] Die Wohnungen kosten zwischen 1.39 und 4.42 Millionen Franken. Die beiden Hochhäuser werden mit einer neuen Einfahrt von der Zugerstrasse her erschlossen. [11]

2018 Der Regierungsrat des Kantons Zug will die Überbauung Alpenblick unter Denkmalschutz stellen. Dabei stützt sich der Regierungsrat auf einen Antrag der Denkmalschutzkommission und auf ein Gutachten der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege. Doch einzelne Eigentümer wollen den Entscheid vor Gericht anfechten. [12]

2019 Bei der Revision des kantonalen Denkmalschutzgesetzes wird von einer «Lex Alpenblick» gesprochen, weil die Mehrheit im Kantonsrat Unterschutzstellungen von Bauten der jüngeren Architekturgeschichte wie dem «Alpenblick» inskünftig verhindern will. [13]


Würdigung

Der «Alpenblick» in Cham ist die erste Hochhaussiedlung im Kanton Zug. Auf Initiative der Gemeinde Cham fanden mehrere Grundeigentümer und Bauherren für das Projekt zusammen. Auch wenn die Überbauung den Übernamen «Manhattan von Cham» [14] erhielt, hat ihre Einbettung in die Landschaft ein besonderes Ensemble geschaffen. «So entstand eine Anlage mit hoher Wohnqualität, deren Entwurf bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. (...) Josef Stöckli hat mit seinen feinfühlig gestalteten Baukörpern eine attraktive Anlage gebaut, die in Zeiten wachsenden Interesses an Hochhausbauten Vorzeigecharakter besitzt. » [15]


Die Siedlung «Alpenblick» der 1960er Jahre zusammengefasst

  • 250 Wohnungen
  • 1- bis 5-Zimmer-Wohnungen
  • Kosten pro Quadratmeter: 540 Franken
  • Nettowohnfläche: 25'000 Quadratmeter
  • Ziel: «Ungestörtes Wohnen, gute Aussicht und Besonnung, parkartige Umgebung mit Fusswegen, nicht allzu hohe Zinsen (4-Zimmer-Wohnung ca. Fr. 400.-)». [16]


Beteiligte Firmen

Die wichtigsten Firmen, die am Bau der Überbauung Alpenblick von 1964 bis 1967 beteiligt waren:

  • Josef Stöckli, Cham/Zug: Architektur
  • Adolf Zürcher, Oberwil bei Zug: Gartenarchitektur
  • Walter Ruprecht, Zürich; Weder, Prim & Schelbert, Zug: Ingenieurwesen
  • Gottfried Baumgartner, Hagendorn: Glaserarbeiten, Innenausbauten
  • Jakob Himmelrich, Cham: Parkett
  • Emil Notter, Zug: Maler und Tapeziererarbeiten
  • Metall Zug: Kücheneinbauapparate
  • Verzinkerei Zug AG: Wasch- und Geschirrspülmaschinen
  • Cesi Canepa, Cham: Licht- und Telefoninstallationen
  • A. Brändle, Zug: Schreinerarbeiten
  • E. Gärtner, Cham: Bodenbeläge in allen Wohnungen
  • Dicht AG, Luzern: Baugrunduntersuchungen, Pfahlfundationen
  • Leo Ohnsorg Söhne AG, Steinhausen: Fassadenverkleidungen, Fensterbänke
  • H. Sieber, Luzern: Zimmerei und Treppenbau
  • E. Scherrer, Cham: Wand- und Bodenbeläge
  • Th. Stalder, Zug: Spannteppiche, Vorhänge
  • E. Tschümperlin, Walchwil: Wandplatten für Küche und Bad
  • H. Manetsch, Zug: Sanitär
  • Gebr. Hodel AG, Zug: Maurer- und Eisenbetonarbeiten
  • Max Schmidli AG, Zug: Gipser [17]


Fotogalerie


Dokumente


Einzelnachweise

  1. Zuger Zeitung, 05.03.2019
  2. Stöckli, Josef, Werkgeschichte eines Architekten, Steinhausen 2017, S. 116
  3. Überbauung Alpenblick in Cham, in: Das Werk. Architektur und Kunst; Band 54, 1967, S. 296ff.
  4. Stöckli, Josef, Werkgeschichte eines Architekten, Steinhausen 2017, S. 116
  5. Stöckli, Josef / Zürcher, Adolf, Überbauung Alpenblick in Cham, in: Anthos, Garten- und Landschaftsarchitektur 4/1965, S. 25–27
  6. Stöckli, Josef, Werkgeschichte eines Architekten, Steinhausen 2017, S. 121
  7. Stöckli, Josef / Zürcher, Adolf, Überbauung Alpenblick in Cham, in: Anthos, Garten- und Landschaftsarchitektur 4/1965, S. 25
  8. Zentralschweiz am Sonntag, 03.02.2019
  9. Zuger Zeitung, 26.01.2013
  10. Neue Zuger Zeitung, 20.09.2014
  11. Neue Zuger Zeitung, 04.09.2014
  12. Zuger Zeitung, 10.12.2018
  13. Zuger Zeitung, 12.02.2019
  14. Steiner, Hermann et al., Vom Städtli zur Stadt Cham. Geschichte und Geschichten einer Gemeinde, Cham 1995, S. 382
  15. Bauforum Zug (Hg.), Zuger Bautenführer. Ausgewählte Objekte 1902–2012, Zug 2013, S. 254
  16. Hochhäuser, Alpenblick Cham, in: Bauen + Wohnen, Heft 9: Wohnungsbau, Nr. 23/1969, S. 330
  17. Luzerner Neuste Nachrichten, 05.12.1967