Ritter («Blech»)

Aus Chamapedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Restaurant Ritter, genannt «Blech», im Winter
Das «Blech» links neben der Bushaltestelle
Hildi und Walter Rickenbacher, das letzte Wirtehepaar des Restaurants Ritter

Anfangs der Luzernerstrasse und nahe des Bärenplatze stand von 1861 bis 1989 die Wirtschaft Ritter. Im Volksmund hiess die Gastwirtschaft «Blech». Dies deshalb, weil die Wirtschaft zeitweilig mit der dahinterliegenden Spenglerei betrieben wurde. In der Liegenschaft befand sich einst auch die erste Chamer Niederlassung der «Zuger Kantonalbank».

Das «Blech» war viele Jahrzehnte lang der Treffpunkt vieler Chamerinnen und Chamer und speziell des Chamer Gewerbes. Legendär waren der «blaue Saal» [1] und die mächtigen Linden der Gartenwirtschaft. Die Spenglereiwerkstatt war hinter der Gastwirtschaft, auf dem Gelände des heutigen Dorfplatzes und des Lorzensaals. Im Vorgarten stand ein Sodbrunnen, dahinter befanden sich die Spenglerei Ritter sowie der Laden mit Haushalts- und Eisenwaren von Fräulein Ritter, der Schwester des Spenglers.


Chronologie

1854 Die Luzernerstrasse führt neu auf direktem Weg vom Bärenplatz zum Rabenplatz.

1861 An der Luzernerstrasse 5 lässt Franz Josef Meyer die kleine, dreigeschossige Liegenschaft erstellen. [2] Meyer ist damals erst 25 Jahre alt. Später wird er Gemeindeschreiber, Kirchenschreiber, Ersatz-Oberrichter und FDP-Kantonsrat.

1866 George Ham Page (1836–1899), der Generaldirektor der «Anglo-Swiss Condensed Milk Company», wohnt im Obergeschoss des «Blech».

1872 Karl Josef Ritter (1849–1924) übernimmt von seinem Vater Balthasar Liegenschaft, Beiz und Werkstatt. Hinter dem Haus betreibt seine eigene Spenglerwerkstatt. [3] Dazu lagert er häufig Blech um das Haus, was der Gastwirtschaft ihren Spitznamen gab. Bald bietet Ritter in seiner Werkstatt auch Eisen- und Haushaltsartikel zum Verkauf an. [4]

1873 Das Nachbarhaus, die Luzernerstrasse 9, wird erstellt. Das dreigeschossige Haus bleibt bis zu seinem Abbruch im Jahre 1989 «weitgehend im Ursprungszustand erhalten». [5]

1877 Am 23. Januar kommt Fred Page (1877–1930) im Obergeschoss des «Blech» zur Welt, der Sohn von George Ham Page und von Adelheid Page-Schwerzmann. Fred wird später Architekt und übernimmt verschiedene Funktionen in der Anglo-Swiss und in der Nestlé-Anglo-Swiss.

1909 Generationenwechsel: Carl Emil Ritter (1880–1951) übernimmt das väterliche Geschäft der Spenglerei und die Wirtschaft (bis 1951). [6]

1934 Die zweite Frau von Karl Josef Ritter, Wirtin Verena Ritter-Hübscher, die mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter wirtete, stirbt im Alter von 70 Jahren. [7]

1936 Die Zuger Kantonalbank von der Luzernerstrasse 5 zieht in einen Neubau am Kirchenplatz. [8]

1949 Louise Ritter (*1882) aus Cham führt das Restaurant Ritter. [9]

1951 Spenglermeister Carl Emil Ritter-Lustenberger stirbt «nach längerem Leiden». Er war auch Bürgerrat (1926–1941) und «spielte im gewerblichen und gesellschaftlichen Leben seiner Heimat eine führende Rolle». [10]

1956 Geschäftsübergabe: Das Restaurant Ritter geht per 31. März von Louise Ritter auf Pächter Walter Rickenbacher-Felber (*1925) über. Zusammen mit seiner Frau Hildi (1927–2016) führt er die Beiz. Obwohl kein Mitglied der Familie Ritter das Gasthaus leitet, behält es seinen Namen. [11]

1967 Die Zuger Kantonalbank kauft in Cham die zwei Liegenschaften Ritter an der Luzernerstrasse, um einen Filialneubau zu erstellen. Der «Zuger Kalender» prophezeit: «Damit wird das Restaurant Ritter, im Volksmund “s`Blech” genannt, verschwinden.» [12] Doch es besteht noch weitere 22 Jahre.

1984 Die Spenglerei Ritter bekommt die Rechtsform einer Aktiengesellschaft.

1989 Abbruch der Liegenschaft zugunsten der Gesamtüberbauung Dorfplatz und Lorzensaal.


Anekdote

Das «Blech» sei die gescheiteste Wirtschaft von Cham – denn es besass kein Telefon. So konnte Dr. med. Fritz Bossard (1863–1931) von seiner Frau nicht erreicht werden ...! [13]


Die Ledermesse

«Kundenliste» der Ledermesse

Im «Blech» fand auch die «Lädermäss» statt, ein Treffen unter Chamer Gewerbetreibenden, bei denen die anstehenden Offerten diskutiert wurden. Der Name «Lädermäss» stammte von den ebenfalls am Treffen teilnehmenden Schuhmachern. [14]


Bildergalerie

Bilder aus der Sammlung von Walter Rickenbacher

Diese Bilder stammen aus einer Bildmappe von Walter Rickenbacher-Felber, dem letzten Wirt auf dem «Blech». Die Mappe ist signiert von Ueli Strebel und trägt das Datum: «Do, 2. März 1989». Ob es sich auch um das Aufnahmedatum handelt, ist unbekannt.


Die Fällung der Linde im Jahr 1989

Die Linde beim «Blech» war einer der mächtigsten Bäume im Dorf. Am 30. März 1989 wurde sie gefällt.


Video

Wie alles begann

Walter Rickenbacher im Gespräch mit Werner Gattiker. Er erzählt aus seinem Leben im Restaurant Ritter. Aufnahmedatum: 24. Juni 2016.

weitere Videos mit Walter Rickenbacher


Einzelnachweise

  1. Steiner, Hermann et al., Vom Städtli zur Stadt Cham. Geschichte und Geschichten einer Zuger Gemeinde, Cham 1995, S. 200
  2. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 156
  3. Gruber, Eugen et al., Geschichte von Cham, Bd. 2, Cham 1962, S. 115
  4. Gruber, Eugen et al., Geschichte von Cham, Bd. 2, Cham 1962, S. 116
  5. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 126
  6. Gruber, Eugen et al., Geschichte von Cham, Bd. 2, Cham 1962, S. 105
  7. Zuger Kalender 1935, Chronik 01.03.1934
  8. Zuger Neujahrsblatt 1938, Chronik 09.11.1936
  9. Staatsarchiv Zug, G 468, Wirtepatente, Mappe Ritter, Erneuerungsgesuch Wirtepatent vom 30.06.1949
  10. Zuger Neujahrsblatt 1953, Chronik 04.03.1951
  11. Zugersee-Zeitung, 29.03.1956
  12. Zuger Kalender 1968, Chronik März 1967
  13. Steiner, Hermann et al., Vom Städtli zur Stadt Cham. Geschichte und Geschichten einer Zuger Gemeinde, Cham 1995, S. 161
  14. Steiner, Hermann et al., Vom Städtli zur Stadt Cham. Geschichte und Geschichten einer Zuger Gemeinde, Cham 1995, S. 212