Seeburger-Vogel Ellen (1888–1963)

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Portrait von Seeburger-Vogel Ellen (1888–1963)
Portrait von Ellen Seeburger-Vogel (1888–1963)

Vorname: Ellen
Nachname: Seeburger-Vogel
Geschlecht: weiblich
Geburts­datum: 19. April 1888
Geburt­sort: Zürich ZH
Todes­datum: 4. Dezember 1963
Todes­ort: Cham ZG
Beruf: Hausfrau, Hilfswerkpräsidentin, Mutter

Ellen Seeburger-Vogel war Teil der Besitzerfamilie der Papierfabrik Cham. Sie wuchs in der Villa Hammer in Cham auf und wohnte später in der Villa Villette am See.



Carl Vogel (1850–1911) mit seinen Töchtern Olga (unten, 2.v.l.), Alice (Mitte, 1.v.r.) und Ellen (unten), seiner Mutter Carolina Vogel (1825–1902) (sitzend, 1.v.l.), der Hauslehrerin und den Verwandten Sophie und Walter von Meiss (oben)
Emy Naville-Vogel (1885–1981) und Ellen (rechts) Vogel: Die beiden Schwestern mit ihren Hunden in der Villa Hammer, undatiert (um 1910)
Ellen Seeburger-Vogel als junge Frau, undatiert (um 1910)
Ellen Seeburger-Vogel, eine der letzten Bewohnerinnen der Villa Villette
Geburtstagsfeier in der Villette Cham
Die Navilles feiern Silvester im «Hammer». Vorne, von links: Angèle Seeburger, Jacqueline Naville, Reiner Seeburger, Sabine und Ellen Seeburger, Hortense Funk und Robert Naville. Hinten: Robert E. Naville (1913–2006) und Michael Funk, 1955


Stationen

1888 Das fünfte Kind von Carl (1850–1911) und Anna Vogel-von Meiss (1858–1942) wird am 19. April im alten Florhof in Zürich geboren. Die Eltern nennen sie offiziell Anna Helena, aber ihr gebräuchlicher Rufname ist «Ellen». [1] Sie wächst wohlbehütet als Industriellentochter mit Bediensteten mehrheitlich in der Villa Hammer auf. «Sie mag die Stadt, aber sie liebt den «Hammer».[2]

1910 Ellen Vogel heiratet Ernst Max Seeburger (1877–1955), einen Geschäftsmann, der im Textil- und Asienhandel tätig ist. Das junge Ehepaar wohnt in Zürich. Im gleichen Jahr kommt ihr erstes Kind zur Welt, die Tochter bekommt den Namen Florence (1910–1966). Sie wird zweimal heiraten. Zuerst Alex Hagnauer, später Paul Tolnay. Florence hat zwei Kinder, Brigitta Hagnauer (1932–1996) und Peter Tolnay (*1945). [3]

1912 Der erste Sohn erblickt das Licht der Welt: Er heisst Carl Ernst Seeburger (1912–1986). Auch er wird zweimal heiraten: Zuerst Ida Jukiana (Ne) Holenstein, später Trudy Maria Schuler. Carl Ernst hat zwei Kinder, nämlich Alexander (*1944) und Catherine (Katja) Helena (*1947). [4] Ernst Seeburger vertritt den Familienstamm in der Papierfabrik Cham, bei der er Vizepräsident des Verwaltungsrats wird. [5]

1915 Mitten im Ersten Weltkrieg kommt das dritte Kind und der zweite Sohn zur Welt: Er heisst Carl Reiner (1915–1995). Er wird später Angèle Egloff (1920–2005) heiraten und mit ihr zwei Kinder haben, Christoph (*1947) und Sabine (1949–2019). [6]

1916 Das vierte Kind von Ellen und Ernst Seeburger-Vogel heisst Marianne (1916–1998). Diese heiratet später Bruno Eberle (1902–1969) und hat mit ihm zwei Kinder: Rosmarie (*1940) und Gisela (*1944). [7] Doch Ellen Seeburger-Vogel fühlt sich nicht wohl: «Sie findet sich kaum zurecht und sucht verzweifelt ihre Rolle. Gerne wäre sie eine engagiertere Mutter, doch es ziemt sich für eine Frau aus der besseren Gesellschaft nicht, sich dauernd mit den Kindern abzugeben.» [8]

Als ihre jüngste Tochter Marianne so krank wird, dass man um ihr Leben fürchten muss, notiert Ellen: «In diesen langen Stunden ist es mir so recht zum Bewusstsein gekommen, dass ich, wie alle Mütter unseres Standes, eine rechte Sünde an mir selber begangen habe, indem ich zu wenig um die Kleinen bin. Dies soll nun wieder anders werden, und wenn ich die ganze Familie gegen mich habe. Sie nannten mich von jeher Gluggere.» [9]

1933 Weil ein erneuter Krieg Europa wieder verunsichern könnte, sondieren interessierte Kreise für die Gründung eines Hilfswerks für Emigrantenkinder und sprechen dabei auch Ellen Seeburger-Vogel an. Sie kann sich vorstellen, bei einem solchen Hilfswerk mitzuwirken, mehr noch: sie stösst «aus echt schweizerischer Empörung» zum innersten Kreis des Hilfswerks. [10] Ihre eigenen Kinder sind bereits zwischen 17 und 23 Jahre alt, sodass sie sich für Kinder aus weniger gut gestellten Verhältnissen engagieren will.

1935 Ellen Seeburger-Vogel wird einstimmig zur Präsidentin des neu gegründeten Schweizer Hilfswerks für Emigrantenkinder (SHEK) mit Sitz in Zürich gewählt. [11] Das Hilfswerk ist politisch neutral und will «den heimatlosen Kindern des politisch aufgewühlten Europa ohne Unterschied von Konfesssion und Weltanschauung materiell und fürsorgerisch» beistehen. [12] Seeburgers Aufgabe ist die Repräsentanz des Hilfswerks nach aussen: Sie pflegt den Kontakt mit gemeindlichen, kantonalen und eidgenössischen Behörden sowie mit anderen Hilfsorganisationen. [13]

1936 Im Mai reist Ellen Seeburger-Vogel im Namen ihres Hilfswerks nach Paris, um sich dort ein Bild vor Ort von anderen Hilfswerken machen zu können. [14]

1939 An der offiziellen Delegiertenversammlung des Hilfswerks wird Ellen Seeburgers Rolle genauer erwähnt. Die meisten Delegierten wissen, «dass unsere Präsidentin – obwohl sie in den grossen Sitzungen selten das Wort ergreift – eine wirkliche Präsidentin ist und in entscheidenden Fragen ununterbrochen mitdenkt, urteilt, Richtung gibt», meint die Zentralstellenleiterin Nettie Sutro (1889–1967). [15]

1942 Ellen trennt sich von ihrem Ehemann Ernst Seeburger und zieht in die Villa Villette. Sie führt ein offenes Haus, sodass die ganze Verwandtschaft bei ihr ein- und ausgeht. [16]

1943 Aus gesundheitlichen Gründen will Ellen Seeburger-Vogel als Präsidentin des Hilfswerks für Emigrantenkinder zurücktreten. Aber es findet sich keine Nachfolgerin oder Nachfolger. Deshalb wird der Zentralvorstand vergrössert, damit Seeburger etwas entlastet werden kann. [17]

1947 Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, das Hilfswerk für Emigrantenkinder hat seine grosse Aufgabe erfüllt. Es hat seit seiner Gründung rund 10'000 Kinder betreut; die Hälfte kam für Erholungsurlaub in die Schweiz, die andere Hälfte als Flüchtlinge. Jetzt löst sich das Hilfswerk auf. [18]

1955 Ellens Ehemann, der von ihr getrennt in Zürich lebt, stirbt am 17. Oktober nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren. [19]

1963 Ellen Seeburger-Vogel zieht sich immer wieder zurück, sie plagt sich mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Nicht einmal zu ihrer grossen Schar von Enkeln findet sie noch richtig Zugang. Am 4. Dezember stirbt sie im Alter von 75 Jahren. Im Nachruf heisst es: «Eine tiefe Sehnsucht blieb, die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht nach Frieden.»


Würdigung

Ellen Seeburger-Vogel hat die guten Voraussetzungen, die sie von ihren Eltern mitbekommen hat, für ihre Umwelt bestens genutzt: mit dem Grossziehen ihrer vier Kinder, mit ihrem immensen Engagement für das Hilfswerk zugunsten der Emigrantenkinder, mit der offen geführten Villa Villette in Cham. Dennoch fand sie selber nicht zum persönlichen Glück.


Filmdokument

Ellen Seeburger feiert in der «Villa Villette» ihren Geburtstag, ihr Schwager Bruno Eberle-Seeburger bringt die Geburtstagstorte, undatiertes Video.


Einzelnachweise

  1. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, S. 215
  2. Vgl. Anmerkung 1 (Zurfluh), S. 104
  3. Zurfluh, Christoph, Die Familie Vogel in Cham, Cham 2019, Stammbaum Familie Vogel, Stamm Ellen
  4. Zurfluh, Christoph, Die Vogel in Cham, Cham 2019, Stammbaum Familie Vogel, Stamm Ellen
  5. Neue Zürcher Zeitung, 23.05.1912
  6. Zurfluh, Christoph, Die Vogel in Cham, Cham 2019, Stammbaum Familie Vogel, Stamm Ellen
  7. Zurfluh, Christoph, Die Vogel in Cham, Cham 2019, Stammbaum Familie Vogel, Stamm Ellen
  8. Vgl. Anmerkung 1 (Zurfluh), S. 106
  9. Vgl. Anmerkung 1 (Zurfluh), S. 106
  10. Lienert, Salome, «Wir wollen helfen, da wo Not ist», Das Schweizer Hilfswerk für Emigrantenkinder 1933–47, Zürich 2013, S. 47, 51
  11. Vgl. Anmerkung 11 (Lienert), S. 47
  12. Jehle-Wildberger, Marianne, Wo bleibt die Rechtsgleichheit? Dora Rittmeyer-Iselin und ihr Einsatz für Flüchtlinge und Frauen, Zürich und St. Gallen 2018, S. 73
  13. Vgl. Anmerkung 11 (Lienert), S. 50
  14. Vgl. Anmerkung 11 (Lienert), S. 50
  15. Vgl. Anmerkung 11 (Lienert), S. 50
  16. Vgl. Anmerkung 1 (Zurfluh), S. 106
  17. Vgl. Anmerkung 11 (Lienert), S. 53
  18. Vgl. Anmerkung 11 (Lienert), S. 65
  19. Neue Zürcher Zeitung, 18.10.1955