Papierigleisweg
Auf der Trasse der ehemaligen Papieribahn in Cham befindet sich heute ein einzigartiger Raum, der Geschichte, nachhaltige Mobilität und ökologische Vielfalt verbindet. Wo einst Industriegüter transportiert wurden, verläuft heute eine lebendige Nord–Süd-Achse für Menschen, Tiere und Pflanzen.
Chronologie

1920 Die Papierfabrik Cham nimmt den Betrieb der betriebseigenen Eisenbahnlinie auf. Das Papieribähnli «Marie» mit Elektromotor führt vom Bahnhof Cham zur Papierfabrik. Die Bahnstrecke von insgesamt vier Kilometern (inkl. die Anlagen auf dem Fabrikgelände) überquert zwei Kantonsstrassen und eine Gemeindestrasse, auf denen der Verkehr kurz gestoppt wird. Das Transportvolumen steigt von Jahr zu Jahr bis zu rund 80'000 Tonnen pro Jahr. [1] Das Land für das Bahntrassee kann die Papierfabrik unter anderem von Landwirt Josef Boog-Husistein (1872–1957) für sieben Franken pro Quadratmeter kaufen. [2]
2014 Das Papieribähnli fährt das letzte Mal durch Cham. Die Papierfabrik schenkt die Lokomotive, die seit 1920 ununterbrochen im Einsatz gewesen ist, der Museumsbahn Etzwilen-Singen in der Ostschweiz.
Bis 2014 fährt die Papieribahn durch das Neudorf-Quartier, 31.05.2007
2018
In Cham wird der erste Velo-Highway geplant: Das geplante Papieri-Quartier soll für den Velo- und Fussgängerverkehr mit dem Ortszentrum verbunden werden. Der Weg für den Langsamverkehr wird auf dem Trassee des ehemaligen Papieribähnlis geplant. [3]
2019 Die Chamerinnen und Chamer genehmigen an der Gemeindeversammlung vom 17. Juni der Realisierungskredit von 1,396 Millionen Franken für den Neubau des Wegs auf rund 600 Metern vom Papieri-Areal bis zur Nestléstrasse. Wo immer es der Platz zulässt, soll ein vier Meter breiter Fuss- und Radweg entstehen. Das Bauprojekt enthält auch ökologische Aufwertungsmassnahmen für Insekten und kleinere Säugetiere, die im Chamer Ortszentrum leben. [4]
2021 Das Projekt ist realisiert: Die Einwohnergemeinde will das hundertjährige Schotterbett der Papierbahn, diese wichtige Verkehrsverbindung des industrielle Zeitalters erhalten und baut auf den einstigen Bahngeleisen die neue Verbindung für den Langsamverkehr. Am 14. Dezember übergibt die Gemeinde den neuen Weg der Öffentlichkeit. [5]
Gemeinderat Drin Alaj (*1990, rechts) und Projektleiter Antonio Milone bei den in die Fahrbahn des Papierigleiswegs eingelassenen Solarzellen aus rezykliertem Kunststoff, 14.10.2021
2025
Am südlichen Ende des Papierigleis entsteht auf rund 3200 m² ein artenreiches Wildbienenparadies und ergänzt die Achse um einen wertvollen Naturraum welcher nur teilweise für Menschen zugänglich ist. Realisiert hat es der Verein Lebensraum Landschaft Cham (LLC) am 14. Juni 2025. Freiwillige haben rund 360 Kubikmeter Wandkies und 50 Kubikmeter Sand auf dem Schotter eingebracht. Die Einwohnergemeinde stellte das Grundstück zur Verfügung. [6]
Viele Freiwillige richten das Bienenparadies im südlichen Teil des Papierigleises ein, 14.06.2025
Papierigleis Nord – Fuss- und Radweg
Der nördliche Abschnitt wurde als rund 550 Meter langer Fuss- und Radweg realisiert und bildet heute eine zentrale Verbindung im Siedlungsgebiet. Das historische Gleis bleibt dabei sichtbar und prägt den Charakter des Weges: Schienen und Schwellen wurden erhalten und in die Gestaltung integriert. Ein ergänzender Asphaltstreifen sorgt für Komfort im Alltag, während neue Querungen und eine energieeffiziente Beleuchtung die Sicherheit erhöhen. Entlang des Wegs entstand zudem ein «grünes Band» mit einheimischen Pflanzen, Totholzstrukturen und Lebensräumen für Insekten der von Schulklassen unter Anleitung des Werkhofs mitgestaltet wurde. Ein besonderes Highlight ist die Integration von Solarpflastersteinen – eine Premiere in der Schweiz. Sie erzeugen Strom für eine E-Bike-Ladestation und machen den Weg selbst zum Teil der Energiezukunft.
2021 wird das Gleis ab Nestléstrasse in einen Fuss- und Fahrradweg umgestaltet, der quer durch das Zentrum von Cham zum Papieri-Areal führt, 26.10.2022
Papierigleis Süd – Wildbienenparadies
Der südliche Abschnitt setzt bewusst einen naturnahen Schwerpunkt. Auf dem ehemaligen Zubringergleis wurde durch den Verein LLC einvielfältiges Wildbienenparadies geschaffen, das als Rückzugsraum, Nistplatz und Vernetzungskorridor dient. Das Grundstück wurde dafür von der Einwohnergemeinde zur Verfügung gestellt. Wildbienen sind für die Bestäubung unverzichtbar, doch viele Arten sind bedroht. Das Projekt schafft gezielt neue Lebensräume: Auf nährstoffarmem Boden entwickelt sich eine artenreiche Wildblumenwiese. Diese dient den Wildbienen als Nahrungsquelle. Sandflächen, Kiesbereiche und Totholz sind hingegen ideale Nist- und Rückzugsorte. Rund 75 Prozent der Wildbienen nisten im sandigen Boden und profitieren von sonnigen und vegetationsfreien Standorten.
In diesen Biotopen im Raum Papierigleis sind folgende Wildbienenarten heimisch:



- Glatthaferwiese
– Zaunwicken-Sandbiene (in vegetationsarmer Umgebung) - Sandige Ruderalfläche
– Auen-Lockensandbiene (in vegetationsarmer Umgebung, mag sandigen Boden und Weiden)
– Frühe Weiden-Sandbiene (mag feinkiesigen Boden)
– Grosse Weiden-Sandbiene
– Rotbauch-Sandbiene
– Punktierte Maskenbiene (zieht blütenreiche Wiese vor) - Gut besonntes Totholz
– Spätes Scherenbienchen (mag blütenreiche Wiese, im Besonderen Glockenblumen)
– Frühes Scherenbienchen
– Glockenblumen-Scherenbienchen - Vegetationsarme Sandfläche
– Efeu-Seidenbiene - Trockene Magerwiesen, blütenreiche Magerwiesen
– Rainfarn-Seidenbiene
– Kurze Düsterbiene (mag Königskerze)
– Punktierte Düsterbiene (mag Asteraceen) - Gut besonnte Waldränder
– Blaue Mauerbiene (bevorzug Totholz) [7]
Auch andere Arten finden hier Lebensraum: Schmetterlinge, Käfer und Libellen nutzen das Blütenangebot, während Igel, Eidechsen und Blindschleichen in Ast- und Steinhaufen Unterschlupf finden. Sträucher und Wildrosen bieten Nahrung und Schutz für Vögel. Kleine Tümpel liefern Wasser für alle Arten. Ein Teil des Gebiets ist vom Weg aus erlebbar, der grössere Bereich bleibt jedoch bewusst unzugänglich – als geschützter Raum für die Natur mitten im Siedlungsgebiet.
Der Verein LLC schuf auf dem Areal Papierigleis Süd ideale Bedingungen für Insekten aller Art, 07.05.2026
Der Plan für das Insektenparadies auf Areal Papierigleis Süd, 08.2024
Ein Projekt mit Wirkung
Gemeinsam bilden Papierigleis Nord und Süd ein zukunftsweisendes Gesamtprojekt. Es verbindet industrielle Geschichte mit moderner Mobilität und stärkt gleichzeitig die Biodiversität. So entsteht ein Ort, der nicht nur Wege schafft, sondern auch neue Perspektiven – für Mensch und Natur.
Filmdokument
Der Film «Marie – der Zeit voraus» ist ein Auftragswerk von Cham Tourismus für das «Zug Fäscht 2022» vom 3. September 2022. Der Film dokumentiert die Eisenbahnlinie von «Marie», wie die Papieribahn auch genannt wurde. Der Film wird von Lukas Schnurrenberger, avp Media-Design, Cham, produziert.
Fotogalerie
Abschnitt Adeleid-Page-Strasse–Zugerstrasse 2022
Abschnitt Zugerstrasse–Papieri-Areal 2022
Situation kurz vor dem Papieri-Areal 2017
Einzelnachweise
- ↑ Hauszeitung Papierfabrik Cham AG, Nr. 30, 1971, S. 26
- ↑ Werder, Charly, Wer? der Charly, Familienchronik über drei Generationen mit angegliederter Biografie und illustren Kurzgeschichten zum Zeitgeschehen der vergangenen 170 Jahre, Cham 2017, S. 254
- ↑ Zuger Zeitung, 28.06.2018
- ↑ Zuger Zeitung, 28.03.2020
- ↑ Medienmitteilung der Einwohnergemeinde Cham, 07.12.2021. Zuger Zeitung, 07.12.2021
- ↑ Zuger Zeitung, 15.06.2025
- ↑ www.bee-finder.ch, aufgerufen am 08.05.2026