Hirsgarten, Schiffstation Cham

Aus Chamapedia

Der Hirsgarten und die Villette am Zugersee, undatiert (1908–1915)
Blick von Nordwesten: Zuhinterst das Castellino mit der Hafenanlage von Schloss St. Andreas, dann der begrünte Wellenbrecher, die vielen Wasserpflanzen, die Badeanstalt mit Schiffhütte und, von Bäumen verdeckt, die Schiffstation Cham, 1919
Flugaufnahme von Walter Mittelholzer (1894–1937): die Anlegestelle, in der Mitte des Bildes, befindet sich am heutigen Standort, undatiert (vor 1935)
Beliebtes Fotomotiv: das Dampfschiff Rigi vor dem Schloss St. Andreas
Die Schifflände bei Hochwasser, Mai 1999
Morscher Leitpfahl, der ersetzt werden muss, 2011
Hirsgarten, Schifflände, Ansicht Süd-Nord, 29.06.2023
Hirsgarten, Schifflände, Ansicht Nord-Süd, 29.06.2023
Hirsgarten, Schifflände, Anlegesteg mit Bootshütte Villette, 29.06.2023
Hirsgarten, Schifflände, Ortstafel mit Sturmwarnleuchte, 29.06.2023
Hirsgarten, Schifflände, massives Mauerwerk, 29.06.2023
Hirsgarten, Schifflände, Ansicht Ost-West, 29.06.2023
Ankunft der MS Zug, 29.06.2023
Die MS Zug legt an, der Anlegesteg wird bereitgemacht, 29.06.2023

Im 19. Jahrhundert wandelte sich auf dem Zugersee die Schifffahrt von der Transporteinrichtung zum touristischen Angebot. Doch musste sich Cham lange gedulden, bis es ab 1906 regelmässig von den Dampfschiffen angefahren wurde.


Chronologie

1798 Mit der Helvetischen Republik und der Verselbstständigung der Gemeinde Cham ändern sich auch die Fahrrechte auf dem Zugersee: Das Fahr ist nicht mehr ein konzessioniertes, von der Stadt Zug vergebenes Recht, sondern ein freies Schifffahrtsrecht. Die Familie Störchlin besass nun nicht mehr exklusiv die Rechte für den Güterverkehr auf dem Wasser, vielmehr konnte jedermann die Transporte übernehmen, sofern er die geforderten Zölle ablieferte. [1]

1850 In der ersten eidgenössischen Volkszählung erscheint ein einziger «Schiffmann». [2]

1852 Die Dampfschifffahrt auf dem Zugersee nimmt ihren Betrieb auf. Das Dampfboot Rigi mit 180 Plätzen fährt täglich auch Cham an, nämlich morgens um 09.00 Uhr und nachmittags um 15.15 Uhr. Damit beginnt die touristische Nutzung des Zugersees. Wo genau das Dampfschiff in Cham Halt macht, ist nicht bekannt. Vermutlich peilt das Kursschiff die Haltestelle beim alten Fahr des Schlosses St. Andreas an. [3] Im ersten Betriebsjahr kostet die Fahrt von Zug nach Cham in der II. Klasse 25, in der I. Klasse 55 Rappen (mit Rückfahrt 35 respektive 75 Rappen). [4]

1861 Die «Dampfschiffahrt auf dem Zugersee» fährt nach wie vor auch Cham an. Allerdings nicht mit einem regelmässigen Fahrplan; es werden nur Sonderfahrten für Chilbinen, Viehmärkte usw. angeboten. [5]

1863 Bei den täglichen Fahrten auf dem Zugersee wird die Haltestelle Cham nicht mehr aufgeführt. Nur bei der regelmässigen Marktfahrt am Dienstag wird Cham auf der Rückfahrt von Zug angesteuert. [6]

1864 Die Eisenbahn erreicht das Zugerland: Cham erhält einen Bahnhof und damit einen Anschluss an die neue Eisenbahnverbindung Zürich–Zug–Rotkreuz–Luzern. Dennoch fährt das Dampfschiff weiter. Cham zählt 493 einsteigende und 654 aussteigende Gäste (die Stadt Zug zum Vergleich 22'727 Einstiege und 16'235 Ausstiege). [7]

1866 Eine weitere «Spazierfahrt» am 8. September fährt Cham an, allerdings nur bei «günstiger Witterung». [8] Im regulären Fahrplan ist Cham nicht enthalten.

1887 Anlässlich einer grossen Viehausstellung vom 8. bis zum 10. Oktober fährt das Schiff «ausnahmsweise» Cham an. [9]

1898 Das Dampfschiff fährt Cham laut regulärem Fahrplan nach wie vor nicht an. Dennoch verzeichnet die Jahres-Statistik für den Monat Mai 118 Ein- und 188 Austritte, wahrscheinlich während einer Extrafahrt. [10]

1903 Bei der Suche nach Geldern für ein neues Dampfschiff spricht Hermann Stadlin-Graf (1872–1950), der Präsident der Dampfschiffahrtgesellschaft, auch von der geplanten Haltestelle in Cham, diese sei «längst in Erwägung gezogen». [11]

1904 Trotz gelungener Erhöhung des Aktienkapitals und der Beschaffung des neuen Dampfschiffs «DS Rigi» wird Cham weiterhin nicht von der Schiffahrtsgesellschaft angefahren. [12] Der Chamer Architekt Hans Miesch (1880–1941) liefert detaillierte Pläne für die Ausbaggerung einer Schifffahrtsrinne im Seebecken, aber auch für die Platzierung des Schiffsstegs, der Werft, der Badehütte und des strukturierten Hirsgartens. [13] Diese Pläne werden nicht realisiert.

1905 Die Einwohnergemeinde Cham nimmt erste Arbeiten vor, damit Cham nicht länger vom Schiffsverkehr abgeschnitten wird. Sie vergibt Baggerarbeiten bei der Ausmündung der Lorze, im sogenannten Lorzenschlund. Die Bagger sollen viele tausende Kubikmeter Fluss- und Seeschlammerde ausheben. [14]

1906 Der Zuger Regierungsrat gestattet dem Chamer Gemeinderat die Erstellung einer Terrasse zum Landen des Dampfschiffs, mit einer Breite von 10 Metern und einer Länge von 9 Metern. [15] Die Brüstung für die Terrasse liefert das Architektur- und Baugeschäft von Hans Miesch für 1300 Franken. [16] Doch im Sommerfahrplan sucht man fahrplanmässige Halte in Cham weiterhin vergebens. [17] Dafür finden ab dem 6. Mai erste Sonntags- und Festtagsfahrten statt, die die Haltestelle Cham ansteuern.

Dazu ein Zeitungsausschnitt: «Die erste Anlegung des Schiffes vom letzten Sonntag gestaltete sich äusserst festlich. Eine Menge Volk fand sich bei der am Lorzenausfluss plazierten Brücke ein, die Chamer Musik intonierte mit bekannter Meisterschaft einen Begrüssungsmarsch, die Kanonen donnerten das frohe Ereignis der Schiffsverbindung in die Ferne und die schöne Dekoration gab Zeugnis vom Interesse, das die Milchstädtler dem Unternehmen entgegenbringen.» [18]

1915 Der Regierungsrat erteilt dem Gemeinderat Cham die Konzession, den See vor dem Landungssteg ausbaggern zu lassen. Es geht um einen reibungsfreien Schiffsverkehr im Seebecken. [19]

1921 Die Dampfschiffahrtsgesellschaft für den Zugersee will den Chamer Landungssteg erneuern, um mit dem neuen Schiff, dem Dampfschiff Schwan, auch Cham ansteuern zu können. Die Pläne gehen nach Bern und kommen mit Änderungsvorschlägen zurück, die der Schifffahrtsgesellschaft zu teuer sind. [20] Schliesslich wird ein einfacher Landungssteg als Eisenkonstruktion erstellt, inklusive einer Drahtseilverankerung mit Spannschloss, zum Preis von 2290 Franken. Die Konstruktion stammt von der Firma Bosshard & Cie in Näfels GL. [21] Hinzu kommen Schlosserarbeiten von Josef Dogwiler über 364 Franken und Baumeisterarbeiten von Wilhelm Hauser (1874–1943) über 2623 Franken. [22] Der neue Landungssteg kostet demnach 5277 Franken.

1963 Die Seepflanzen bei der Schiffstation haben dermassen gewuchert, dass der Schiff- und Bootsverkehr beeinträchtigt sind. Die Gemeinde wird beim Kanton Zug in dieser Sache vorstellig, damit die Pflanzen zurückgeschnitten werden. [23]

1991/1992 Cham erhält am 22. Juni vom Schweizer Heimatschutz den Wakkerpreis in der Höhe von 10‘000 Franken zugesprochen. Dieser wird unter anderem dazu eingesetzt, die Schiffsanlegestelle Hirsgarten im Jahr 1992 aufzuwerten. Die Kosten werden auf 45‘000 Franken geschätzt, ohne die Eigenleistungen des Werkhofs. [24]

2011 Sieben morsche Leitpfähle für die Schifffahrt müssen ersetzt werden. Dazu geht ein Baugesuch bei der Gemeinde Cham ein. Die Ersatzpfähle sind 12 Meter lang, überragen den mittleren Wasserspiegel um 2,5 Meter und weisen einen Durchmesser von 30 bis 35 Zentimeter auf. Dabei fällt den bearbeitenden Beamten auf, dass weder für die Pfähle noch für die Steganlage eine Konzession besteht! [25]

2012 Die Gemeindeversammlung vom 18. Juni genehmigt einen Baukredit von 4,5 Millionen Franken für die Sanierung der Seeufermauern und der Schiffstation im Hirsgarten. Im Zuge der Planungsarbeiten werden auch die Schiffstation und die Leitpfähle ordnungsgemäss konzessioniert. [26]

2014 Die Sanierung von Schiffstation und Seeufermauern ist abgeschlossen. Die stolze Schiffstation mit massivem Mauerwerk empfängt die Schiffsgäste von nah und fern.


Das Original

Der pensionierte Papierfabrik-Arbeiter Franz Herrmann (1893–1979) wohnte an der Seehofstrasse 4. 1959 stellte er sich für das Amt des Anlage- und Schiffwarts im Hirsgarten zur Verfügung. Er sorgte für Ordnung in der Parkanlage und half den Kursschiffen beim Landen. Herrmann erhielt dafür eine jährliche Entschädigung von 350 Franken – weniger als einen Franken am Tag, wie er gerne betonte. [27] Anlagen- und Schiffwart Herrmann arbeitete zwölf Jahre im Hirsgarten. Bei seiner Tätigkeit trug er jeweils eine Schiffermütze und saugte meistens an der Pfeife. Um dennoch beide Hände zum Arbeiten zur Verfügung zu haben, sicherte er seine Pfeife mit dem Gummiring einer Bierbügelflasche im zahnlosen Mund. Regelmässig liess er sein akustisches Markenzeichen ertönen: ein tief aus der Kehle geknurrtes «Brr…!», für das er schon in der Papierfabrik bekannt gewesen war. [28]


Filmdokument

Ankunft und Abfahrt der MS Zug, 29.06.2023


Pläne

150212 schifflaende-cham-plan-1904.jpg

Pläne von Architekt Hans Miesch: Er plante die Schiffsstation wie das Ausbaggern des Seebeckens.


Fahrpläne


Inserate


Karten

150212 1887-schiffstation-karte.jpg

Gut zu sehen auf der Siegfried-Karte von 1887: Chams einzige Schiffstation liegt südlicher als die heutige Landungsstelle.

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Einzelnachweise

  1. Steimer, Emil, Die alten Schiffahrtsrechte im Kanton Zug, Linz 1922, S. 61
  2. Glauser, Thomas / Hoppe, Peter / Schelbert Urspeter, 12 Bevölkerungsporträts: eine Auswertung der Volkszählung von 1850, in: Der Kanton Zug zwischen 1798 und 1850, Bd. 2, Zug 1998, S. 118
  3. Orsouw, Michael van, Sonne, Molke, Parfümwolke, Zug 1997, S. 123, 150
  4. Neue Zuger Zeitung, 12.06.1852
  5. Neue Zuger Zeitung, 12.10.1861
  6. Neue Zuger Zeitung, 06.06.1863
  7. Neue Zuger Zeitung, 29.04.1865
  8. Neue Zuger Zeitung, 08.09.1866
  9. Zuger Nachrichten, 05.10.1887
  10. Staatsarchiv Zug, P 232.1.14, Dampfschiffahrt auf dem Zugersee 1898–1906 (Personenfrequenz 1898 sowie Sommer-Fahrplan 01.05. bis 30.09.1898)
  11. Staatsarchiv Zug, P 232.1.14, Dampfschiffahrt auf dem Zugersee 1898–1906
  12. Staatsarchiv Zug, P 232.1.14, Dampfschiffahrt auf dem Zugersee 1898–1906
  13. Staatsarchiv Zug, D 7.39.2 (Landungsplatz und Seesteg in Cham, 1904); D 7.39.3 (Zugersee: Landungsplatz und Seesteg in Cham, Baggerung, 1904); D 7.38.1 (Zugerung: Ausbaggerung eines Zufahrtkanals in Cham, 1906)
  14. Zuger Nachrichten, 21.12.1905
  15. Einwohnergemeindearchiv Cham, Zugersee-Lorze, Brief Regierungsrat an den Einwohnerrat Cham, 11.04.1906
  16. Einwohnergemeindearchiv Cham, Zugersee-Lorze, Brief von Hans Miesch an die Baukommission Cham, 10.04.1906
  17. Staatsarchiv Zug, P 232.1.14, Dampfschiffahrt auf dem Zugersee 1898–1906 (Sommer-Fahrplan 01.05. bis 30.09.1906)
  18. Staatsarchiv Zug, P 232.1.14, Dampfschiffahrt auf dem Zugersee 1898–1906 (undatierter Zeitungsartikel)
  19. Einwohnergemeindearchiv Cham, Zugersee-Lorze, Brief Regierungsrat an den Einwohnerrat Cham, 24.07.1915
  20. Einwohnergemeindearchiv Cham, Zugersee-Lorze, Briefe der Dampfschiffahrtsgesellschaft an den Einwohnerrat Cham, 21.02.1921 sowie 28.07.1921
  21. Einwohnergemeindearchiv Cham, Zugersee-Lorze, Offerte Bosshard & Cie., 03.06.1921
  22. Einwohnergemeindearchiv Cham, Zugersee-Lorze, Offerten 27.04.1921
  23. Einwohnergemeindearchiv Cham, Zugersee-Lorze, Brief Einwohnergemeinde Cham an die Baudirektion des Kantons Zug, 18.04.1963
  24. Einwohnergemeindearchiv Cham, D1-51868
  25. Einwohnergemeindearchiv Cham, D3-56460, Baugesuch Nr. 2011/097
  26. Einwohnergemeindearchiv Cham, D3-56460, Baugesuch Nr. 2011/097
  27. Luzerner Neuste Nachrichten, 14.02.1976
  28. Orsouw, Michael van, Der Zellstoff, auf dem die Träume sind. 350 Jahre Papieri Cham, Cham 2006, S. 102