Locher Edmund Georg (1910–1978)

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Locher als Jugendlicher in der Chamer Badi; von links: Vater Edmund, Werner, Edy, Elseli, dahinter Klärli Locher
Edmund Georg Locher auf einem Mittelmeerschiff
«Wenn seine Geschäfte ihn an den Hauptsitz der Juvena Holding AG nach Volketswil führen, lebt „Papa“, wie man Locher im Betrieb nennt, in seinem Haus in Oberwil am Zugersee.» (Text und Fotos „Sie und Er“), 1970
Edmund Georg Locher im Pariser Nachtclub Maxims
In nobler Gesellschaft: Edmund Georg Locher im Maxims
Das Château de la Motte, einer der Wohnsitze Lochers, 1979

Der Chamer Edmund Georg Locher, genannt «Edy», machte ausserhalb von Cham Karriere. Er war ein sehr initiativer Unternehmer und gründete unter anderem den Kosmetikkonzern Juvena. Zeitweilig galt er als einer der reichsten Schweizer.


Stationen

1910 Edmund Georg Locher kommt am 22. Oktober als Sohn von Edmund und Anna Locher-Hürlimann in Cham zur Welt. In Abgrenzung zum gleichnamigen Vater wird der Sohn «Edy» genannt. Vater Edmund (1877–1953) stammt aus Appenzell. Mutter Anna (1889–1975) war eine Bäckerstochter aus Zug. [1] Ein Jahr zuvor hatten seine Eltern die Liegenschaft Sinserstrasse 1 am Bärenplatz in Cham übernommen und führten seither das Eisen- und Haushaltswarengeschäft.

1926 Nach der Lehre als Eisenwarenhändler im elterlichen Laden schickt Vater Locher seinen Sohn nach London an die «Swiss Mercantile School». [2] Nach einem halben Jahr soll Edy Locher nach dem Willen seines Vaters nach Paris umziehen. Doch Edy gefällt es so gut, dass er sich widersetzt und ohne Arbeitserlaubnis in London bleibt.

1927 Um in England bleiben zu können, muss sich Edy Locher selbstständig machen. Deshalb übernimmt er im Alter von 17 Jahren die Vertretung von AEG-Schreibmaschinen in London. [3] Weil er nur bescheiden englisch spricht, verkauft er die Maschinen vornehmlich in italienischen Restaurants, deren Inhaber ebenso schlecht englisch sprechen wie er. In einem solchen Restaurant trifft er den berühmten Ernest Oppenheimer (1880–1957), einen schwerreichen Diamanten- und Goldhändler aus Südafrika, und kann ihm gleich serienweise Schreibmaschinen verkaufen. [4] Bereits nach sechs Monaten schickt ihn die AEG als Verkaufsinstruktor nach Irland. [5]

1929 Der weltweite Börsenkrach setzt auch dem Schreibmaschinengeschäft Lochers ein Ende. [6] Er bewirbt sich als Steward bei der Schiffslinie «Cork White Star Line», [7] bekommt aber nur einen Job als Küchenjunge. In kurzer Zeit avanciert er vom Hilfskoch zum Schiffsdolmetscher und verkauft seine letzte AEG-Maschine dem Schiffskapitän.

1930 Locher betätigt sich nacheinander als Versicherungsagent, Verkaufschef, Buchhalter einer Schirmfabrik und AEG-Verkaufschef in Belgien. [8] Schliesslich wird er Direktor einer Fabrik für Haarpflegemittel.

1933 Locher macht sich in Belgien selbstständig. Er gründet eine Firma für die Herstellung den Vertrieb von Kosmetika. Diese finden solchen Absatz, dass Locher bald Zweigstellen im niederländischen Den Haag und in Paris eröffnen kann. [9]

1937 Locher experimentiert mit Büstencrèmen auf Testosteronbasis und wirbt etwas obskur: «Innert 14 Tagen eine schöne Büste, sonst ihr Geld zurück.»

1939 Innerhalb von zwei Jahren verkauft der Busenförderer Hunderttausende von Packungen seiner Crèmen. Er verdient so gut, dass er sich in Brüssel eine Villa kaufen kann. Doch dann bricht der Krieg aus, niemand interessiert sich mehr für Büstensalben. Locher lässt sich von seiner ersten Frau Elisabeth scheiden und zieht nach Paris um. [10]

1940 Paris ist von der Deutschen Wehrmacht besetzt, aber Locher hat bereits die nächste Geschäftsidee. Er druckt einen deutschsprachigen Strassenführer von Paris, den «Deutschen Wegleiter für Paris» und kombiniert diesen mit periodisch aktualisierten Ausgehtipps. Seinen Verlag domiziliert er an der noblen Champs-Elysée. Die Nazis kaufen reihenweise Lochers Verlagsprodukt, die erste Auflage ist sofort ausverkauft. Er gibt auch reich illustrierte Bücher wie «Die schönsten Kathedralen Frankreichs» oder «Die schönsten Schlösser Frankreichs» heraus, die ebenfalls einen reissenden Absatz finden. [11] Die deutsche Besatzungsmacht will ihn zwingen, der NSDAP beizutreten. Daraufhin verkauft er seinen jungen Erfolgsverlag, selbstverständlich zu einem guten Preis. [12]

1944 Nach dem Ende der deutschen Besatzung kauft Locher seinen einstigen Verlag zurück und lässt den Stadtplan ins Englische übersetzen: Er macht gleich das nächste grosse Geschäft. Die Amerikaner übertragen ihm daraufhin die exklusive Drucklizenz für alle Pariser Zeitungen. Das ist den Franzosen zuviel – der Verleger des deutschen Stadtplans ist nun plötzlich Gebieter aller Pariser Zeitungen! Eine Bewegung ehemaliger Widerstandskämpfer stellt sich gegen Locher, so dass er für Monate arrestiert wird. Mit nichts als den Kleidern auf dem Leib flieht Edy Locher in die Schweiz. Dort leiht er sich bei seinem Vater in Cham 20'000 Franken.

1946 Ein Chemiker bietet Locher ein Rezept zur Herstellung eines hochkonzentrierten Vitamins F an. Locher schlägt zu. Seine Divapharm AG produziert nicht nur Kosmetik, sondern auch Pharma. Auch privat bricht er zu neuen Ufern auf: Er lässt sich von seiner zweiten Frau Mado scheiden. [13]

1950 Lochers Vitamin F-99-Präparate sind ein Renner. Um die Palette zu verbreitern, bietet er auch Sulgan 99 und Varef 99 an, beide basieren auf dem Vitamin F 99. Die Divapharm exportiert in 56 Länder, wo sie Vertretungen hat. Das Vitamin F 99 zeigt hervorragende Resultate bei Milchschorf. Im gleichen Jahr heiratet Locher zum dritten Mal: Seine neue Frau heisst Dolores de Candido (1925–2015), ist ein Mannequin und er hat sie an einem Maskenball kennengelernt. [14]

1951 Edy Locher stellt sich freiwillig den französischen Behörden und wird vor ein Militärgericht gestellt. Doch das einzige Vergehen, das man Locher zur Last legen kann: Er hat während des Krieges ziemlich viel Geld verdient. Aber das ist ja kein Vergehen, und überdies hatte Locher stets rechtmässig seine Steuern bezahlt. Deshalb wird Locher nach einer kurzen Verhandlung frei gesprochen. [15]

1952 Lochers Divapharm zieht in Zürich an die Hardturmstrasse um und richtet dort moderne Forschungs-und Fabrikationstätten ein.

1954 Mit den dermatologischen Erfahrungen und Kenntnissen gründet Locher die Kosmetikfirma Juvena. Er legt damit den Grundstein für den Weltkonzern. Seine engsten Mitstreiter sind der Chemiker Dr. Eugen Wyler sowie der Marketingspezialist A. Max Ciola. [16]

1957 Neben der Produktion in der Schweiz folgt die Errichtung einer weiteren Produktionsstätte im deutschen Baden-Baden. [17]

1961 Locher lernt im Flugzeug eine Französin kennen, die ihm den Tipp mit dem Wasserschloss «de la Motte» in Châteaurenard gibt. Doch der Eigentümer gibt sich nicht mit Menschen ab, die ihr Geld durch Arbeit verdienen. Locher lässt nicht locker und kann das Wasserschloss samt 32 Hektaren Umland erwerben. In jahrelanger Kleinarbeit lässt er das Schloss in neuem Glanz erstehen. [18]

1965 Locher eröffnet am Zürichberg in der Nähe des Zoos in einer standesgemässen Villa ein Juvena-Schönheitszentrum. [19] Das «Juvena Beauty Center», eine Pilgerstätte der Reichen und Schönen – er ist damit seiner Zeit weit voraus. Bald folgen weitere solche Centers in Baden-Baden, Barcelona, Berlin, Brüssel, Frankfurt, Hamburg, Köln, Madrid, München, Paris und Rom. [20] Die Juvena expandiert nach Deutschland, Italien, Spanien, Belgien und Australien, sie bringt es als Marke zu «Weltruf». [21]

1966 Die Juvena steht im Begriff, «zur wohl erfolgreichsten europäischen Kosmetikmarke zu werden». [22] Sie beschäftigt 800 Personen, die jährlichen Wachstumsraten betragen bis zu 40 Prozent.

1967 Die Juvena baut in Volketswil ZH ein grosses Verwaltungsgebäude und in Baden-Baden D eine neue Produktionsfabrik. Der Umsatz steigt um 23 Prozent (Juvena Rom sogar um 31 Prozent). [23]

1971 Die Juvena hat ihren Umsatz seit 1967 auf 49,6 Millionen Franken verdoppelt! Sie bietet Cremes, Puder, Gesichtswasser, Lippenstifte, Augen-Makeups und Nagellacke an. Neu hat sie auch eine Produktereihe für reife Frauen mit dem Namen «Juvenance». [24] Die Juvena gründet eine Tochtergesellschaft in Spanien. [25]

1972 Locher hat zehn Tochtergesellschaften zwischen Mailand und Volketswil und beschäftigt rund 1200 Personen. «Das Verhältnis zwischen Patron und Angestellten ist beinahe so perfekt wie in einem kitschigen Courths-Mahler-Roman: Sie lieben ihn, und er liebt sie.» [26] Er lebt die meiste Zeit in seinem Wasserschloss «de la Motte» in Châteaurenard.

1973 Eine Tochtergesellschaft in Australien kommt hinzu. [27]

1974 Die Juvena trudelt in die Krise, die Rezession hinterlässt gerade im Kosmetikmarkt ihre Spuren. Lochers Juvena muss eine Kapitalerhöhung vornehmen: Eine Wandelanleihe bringt nochmals 25,9 Millionen Franken auf. [28]

1975 Edmund Georg Locher muss den Posten des Delegierten des Verwaltungsrates aufgeben. [29] «Das lecke Juvena-Schiff braucht nach den finanziellen Irrfahrten einen Steuermann, dessen Kurssignale nicht auf Expansion, sondern Redimension stehen.» [30]

1976 Der Juvena geht es schlecht, sie schrammt knapp an einem Konkurs vorbei. Edy Locher tritt auch als Verwaltungsratspräsident zurück, nicht ohne Wehmut: «Heute stehe ich am Ende einer leider nicht sehr erfolgreichen Karriere bei Juvena.» [31]

1977 Die Juvena wird in die British American Cosmetics-Gruppe integriert.

1978 Um sein Schloss in Frankreich halten zu können, entwickelt Locher mit seinem Sohn Peter ein neues Modell: Sie öffnen das Schloss für Gäste, die Mitglied in einem exklusiven Verein werden können, im «Club des Amis du Chateau de la Motte» – die NZZ und sogar die «New York Times» berichten darüber. [32] Doch die finanziellen Probleme bleiben, er ist krank und verbittert und stirbt am 5. Dezember 1978 in Montargis bei Loiret, Frankreich. Er hinterlässt einen Weltkonzern und acht Kinder. [33]


Locher, der Lebemann

Locher pflegte auf seinem Schloss ein geradezu höfisches Gehabe. Als er den ehemaligen französischen Fallschirmgeneral Jacques Massu (1908–2002) sowie noble Gäste aus Paris zu sich einlädt, lässt Locher verborgene Scheinwerfer strahlen, Schwäne aus Zürich schwimmen, und der bekannte Tänzer Rudolf Chametowitsch Nurejew (1938–1993) tanzt «Schwanensee» vor der versammelten Gesellschaft. [34]


Sein Geschäftsprinzip

«Locher, oft als Spieler bezeichnet, ist nicht der Mann, der blindlings in ein Unternehmen hineinrennt. Bis in die frühen siebziger Jahre waren seine geschäftlichen Aktionen immer von einem eiskalten und genauen Kalkül begleitet. Locher perfektionierte das in den sechziger Jahren aufgekommene amerikanische Unternehmensprinzip des calculated risk bis ins Letzte.» [35]


Dokumente

Einzelnachweise

  1. Zu Edy Lochers Geschichte. Siehe: Orsouw, Michael van, König der Crèmes, in: NZZ Geschichte, Nr. 14, Februar 2018, S. 56–61, sowie: Montani, Clairelise, Sei lieb mit Klärli, Norderstedt 2017
  2. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 102
  3. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 97
  4. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 102
  5. Huber, Beat, Der Weg zu Diva und Juvena, in: Die Weltwoche, 07.10.1966
  6. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 102
  7. Andernorts heisst die Gesellschaft «Canadien Pacific Lines». Huber, Beat, Der Weg zu Diva und Juvena, in: Die Weltwoche, 07.10.1966
  8. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 103
  9. Huber, Beat, Der Weg zu Diva und Juvena, in: Die Weltwoche, 07.10.1966
  10. Montani, Clairelise, Sei lieb mit Klärli, Norderstedt 2017, S. 379f.
  11. Huber, Beat, Der Weg zu Diva und Juvena, in: Die Weltwoche, 07.10.1966
  12. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 103
  13. Montani, Clairelise, Sei lieb mit Klärli, Norderstedt 2017, S. 384
  14. Montani, Clairelise, Sei lieb mit Klärli, Norderstedt 2017, S. 384
  15. Huber, Beat, Der Weg zu Diva und Juvena, in: Die Weltwoche, 07.10.1966
  16. Huber, Beat, Der Weg zu Diva und Juvena, in: Die Weltwoche, 07.10.1966
  17. Huber, Beat, Der Weg zu Diva und Juvena, in: Die Weltwoche, 07.10.1966
  18. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 100
  19. Speiser, Marcel, Der Über-Luxus für die Haut kommt aus Volketswil, in: Tages-Anzeiger, 04.06.2007
  20. König, H., und Kraft, J., Der goldene Mittelweg der Juvena, in: Neue Zürcher Zeitung, 06.11.1971
  21. Speck, Kurt, Schönheitsschock – der Fall Juvena, in: Schweizerische Handelszeitung, 29.05.1975
  22. Huber, Beat, Der Weg zu Diva und Juvena, in: Die Weltwoche, 07.10.1966
  23. Auch Schönheit kann rentieren, in: Die Tat, 17.10.1968
  24. Schweizer Illustrierte, 45/1971
  25. Juvena of Switzerland, Factsheet zur Geschichte, 2008
  26. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 99
  27. Juvena of Switzerland, Factsheet zur Geschichte, 2008
  28. Speck, Kurt, Schönheitsschock – der Fall Juvena, in: Schweizerische Handelszeitung, 29.05.1975
  29. Mayr, Alexander, Juvena: Jetzt rollen die Köpfe, in: Die Zeit, 03.12.1976
  30. Speck, Kurt, Schönheitsschock – der Fall Juvena, in: Schweizerische Handelszeitung, 29.05.1975
  31. Schweizerische Handelszeitung, 16.12.1976
  32. Club des Amis du Château de la Motte, in: Neue Zürcher Zeitung, 27.07.1978. Lewis, Flora, Chateau owner keeps his way of life – by sharing it, in: New York Times, 22.09.1977. Bilanz, Schweizer WirtschaftsRevue, 5/1978, S. 72f.
  33. Angabe Zivilstandsamt Oberegg, 13.09.2017
  34. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 101
  35. Holliger, Carl M., Die Reichen und Superreichen in der Schweiz, Hamburg 1974, S. 98