JUFO-Disco

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Von 1972 bis 2015 gab es in Cham die JUFO-Disco, die aus dem Jugendforum Cham (JUFO) hervorging. Sie verstand sich als Alternative zu den kommerziellen Discotheken und hatte während den ersten zehn Jahren grossen Zulauf.

Das Original JUFO-Disco-Logo von 1972, gestaltet von Werner «Ricky» Rickenbacher (1954–1979)
Wenn die JUFO-Disco läuft, herrscht im Pfarreiheim eine einzigartige Stimmung
Nik Oswald war der erste JUFO-Discjockey (DJ)
Der Getränketisch wird vorbereitet
JUFO-Leute der ersten Stunde (v.l.n.r.): Dani Suter (?), James Brändli (?), Nik Oswald, Ruedi Jans, unbekannt, Roli Steiner
Werner «Mö» Müller, Katechet und JUFO-Mitglied, links von ihm Ruedi Jans und rechts Roli Steiner
An der Eintrittskasse im Pfarreiheim: Ruedi Jans, Imelda Corrent, Nik Oswald, Franco Milani
Eintrittskontrolle im Pfarreiheim; (v.l.n.r.): unbekannt, unbekannt, unbekannt, Ruedi Jans, Margrit Gretener
JUFO-Tanzpublikum im Pfarreiheim-Saal
Schwungvoller Tänzer, Max Baumgartner
Die JUFO-Disco feiert am 2. Februar 1979 mit einer Jubiläums-Disco das Sieben-Jahr-Jubiläum in der Aula Röhrliberg


Chronologie

1971 Drei Jahre nach den Jugendunruhen von 1968 gründen Chamer Jugendliche das Jugendforum (JUFO) Cham als informelle Vereinigung. Die meisten dieser jungen Leute kennen sich bereits aus den katholischen Jugendverbänden Jungwacht und Blauring. Während Jungwacht und Blauring geschlechtergetrennt funktionieren, arbeiten im Jugendforum junge Frauen und junge Männer zusammen. Das Jugendforum organisiert gemeinsame Treffen, Weekends und kleine Partys. Als dauerhaft erweist sich die Initiative, im Pfarreiheim eine JUFO-Disco aufzuziehen. Das schlägt ein wie eine Bombe und zieht von Anfang an über hundert Jugendliche aus Cham und Umgebung an.

1972 Am 5. Februar geht die erste JUFO-Disco im katholischen Pfarreiheim über die Bühne. Das Jugendforum will so für die Jugendlichen von Cham einen selbstbestimmten und nicht kommerziellen Treffpunkt schaffen. [1] Die Preise sind moderat: Ein Eintritt kostet zu Beginn nur 1.50 Franken und für 1 Franken gibt es ein 3-dl-Getränk. Es wird kein Alkohol ausgeschenkt. Plattenspieler, Verstärker und Schallplatten bringen die JUFO-Leute selbst mit. Die Werbung muss mit einfachen und kostengünstigen Mitteln auskommen. Eigenhändig gestaltete Flyer im A5-Format und eine kleine Anzeige im Zuger Amtsblatt genügen.

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Werner «Ricky» Rickenbacher, Grafiker (1954–1979), gestaltet ein JUFO-Logo, das über all die Jahre bestehen bleibt. Nik Oswald ist während den ersten drei Jahren Discjockey. Franz Waller kümmert sich von Beginn an um die Infrastruktur und Logistik zuständig.

Während der Disco wird im Untergeschoss des Pfarreiheims das «Tee-Kaffee-Stübli» betrieben. Ins Untergeschoss darf man direkt, auch ohne Eintritt zu bezahlen. Es ist weniger laut, so dass die Jungen an einem Discoabend auch diskutieren oder jassen können.

1973/1974 Neben dem regelmässigen Discobetrieb im Pfarreiheim geht die JUFO-Disco zweimal «fremd»: Einmal in den Kanton Aargau und einmal an die Kantonsschule Zug. Aber die einmalige «Chomer Stimmig» kommt dort nicht auf.

1975 Franz Waller löst Nik Oswald als Discjockey ab und legt die nächsten vier Jahre auf. Die JUFO-Disco bleibt in Cham der einzige altersgerechte und bezahlbare Anlass für Jugendliche.

1976 Die JUFO-Disco vom 21. August wird von 460 zahlenden Gästen besucht. In der Nacht kommt es auf dem nahegelegenen Friedhof zu Grabschändungen. Obwohl nie nachgewiesen werden kann, dass JUFO-Teilnehmende die Gräber geschändet haben, widerruft der Kirchenrat die erteilten Bewilligungen. Die Disco vom 11. September muss abgesagt werden. [2]

1977 Nach acht Monaten mit zähen Verhandlungen wird der Discobetrieb am 23. April wieder aufgenommen. Den Neubeginn feiert das JUFO-Team mit einem Abendessen vor der Disco. Eingeladen werden auch die Verhandlungsteilnehmer der Gegenseite. Kirchenratspräsident Paul Sidler (1929–2003) und Kirchenschreiber Werner Schwander (1935–1997) nehmen die Einladung an.

1978 Im Juni 1977 stürzt in der Pfarrkirche St. Jakob ein Teil des Deckenbilds vor dem Chorbogen herunter. Eine sofortige Innenrestaurierung ist unumgänglich. [3] So wird der Pfarreiheimsaal für das Feiern der Messe benötigt. Das JUFO richtet ein Gesuch an den Gemeinderat, ob die Aula im Schulhaus Röhrliberg oder eine andere Räumlichkeit als Veranstaltungsort genutzt werden kann. [4] Der Gemeinderat geht auf das Gesuch ein. Die JUFO-Disco zügelt im Mai in die Aula des Schulhauses Röhrliberg. Vor und nach jeder Disco erfolgt ein Materialtransport vom Pfarreiheim in die Aula und zurück. Dieser Mehraufwand ist ein richtiger «Chrampf».

Gemeindepräsident Heinrich Baumgartner (1923–2013) lädt die Jahrgänge 1958 und 1959 an die Jungbürgerfeier vom 3. Mai ein. Für den gemütlichen Teil hat er die «Discothek von Franz Waller» besorgt. [5] «Die imposante Diskothek Franz Wallers gab dem Anlass ein besonderes Gepräge.» [6]

1979 Am 10. Februar feiert die JUFO-Disco die ersten sieben Jahre ihres Bestehens. Bisher haben insgesamt rund 20‘000 Jugendliche die Discos besucht. Franz Waller übergibt an diesem Abend seine Funktion als Diskjockey an Balz Koch. Über diesen Jubiläumsanlass schreibt das Zuger Tagblatt : «Am letzten Samstagabend feierte man in der Aula des Schulhauses Röhrliberg das Sieben-Jahre-Jubiläum. Es verlangt schon eine grosse Portion Teamgeist, dass man während sieben Jahren unentgeltlich und mit grossem Idealismus an dieser Idee festhalten konnte. Nicht zuletzt gebührt den Abwarten des Pfarreiheims und des Schulhauses Röhrliberg Dank, die durch ihre unkomplizierte Art den JUFO-Leuten viel Arbeit abnahmen. Anhand von Dias und Tondokumenten wurden noch einmal die alten Zeiten heraufbeschworen und viele Ehemalige erzählten sich aus den alten JUFO-Zeiten. Franz Waller, der seit Anfang mit dabei ist, gab bekannt, dass die Discothek von jüngeren Leuten weitergeführt werde.» [7]

1980 Am 29. März findet die letzte JUFO-Disco im Provisorium der Aula Röhrliberg statt. Am 3. Mai kehrt sie ins Pfarreiheim zurück. Die nächste Ära des JUFO beginnt.

1982 Das Jubiläum «10 Jahre JUFO» wird am 24. April gefeiert. [8] Zehn Jahre nach ihrer Gründung ist die JUFO-Disco bereits legendär. So schreibt der spätere Generalsekretär der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion, Gianni Bomio, in einer Broschüre über das Freizeitverhalten der Jugend im Kanton Zug: «Eine der ältesten Discotheken des Kantons besteht heute immer noch, das JUFO-Disco-Team umfasst heute noch 10 bis 20 Junge, die für ihre Altersgruppe Tanzanlässe organisieren. Besonders gefragt sind jene Discos, an denen nicht nur neueste Hits abgespielt werden, sondern auch Hits der 60er und 70er Jahre zu hören sind.» [9]

2009–2013 Im Rahmen des «Tanzchollers» erlebt die JUFO-Disco ihr Revival im 21. Jahrhundert. In den Jahren 2009 bis 2013 legen DJ Balz & VJ Vizzy in der Zuger «Chollerhalle» jeweils an einem Freitag oder Samstag im November unter dem Label «JUFO-Disco – Die legendäre Party» auf. Bewusst wird an die alten Zeiten erinnert: «Endlich ist sie wieder da, die JUFO-Party, die das Herz der Zuger Jugendlichen in den 70er Jahren höherschlagen liess – und dies auch jetzt wieder tut.» [10]

2015 Anlässlich des 10-Jahre-Jubiläums der Konzertreihe «Live in Cham» findet im September 2015 im «Kreuz-Saal» des Restaurants Steirereck die vorläufig letzte REMEMBER JUFO-Disco mit den Chamern DJs Balz und Vizzy statt.


Die Idee der JUFO-Disco

Von Beginn an versteht sich die JUFO-Disco als Alternative zu den kommerziell ausgerichteten Discos, die regelmässig in der Aula des Stadtzuger Schulhauses Loreto oder ausserkantonal stattfinden. Das JUFO-Team ist auch mit anderen Gleichgesinnten in Kontakt, beispielsweise mit der «Arbeitsgruppe für ein autonomes Jugendhaus», oder mit den Organisatoren der fast zeitgleich in Zug entstandenen «Peacehorse-Disco». Zum antikommerziell ausgerichteten Charakter der Disco gehört auch, dass alle Sorten Mineralwasser mit Absicht unter dem Bier-Preis im Restaurant verkauft werden. So kommt es, dass 3-dl-Mineral in der JUFO-Disco für einen Franken erhältlich sind, während das Bier und erst recht das Mineralwasser nebenan im Café Plaza viel mehr kosten.


Die Organisation

Die JUFO-Disco findet in ihren Anfangsjahren regelmässig alle vier bis sechs Wochen statt. An der Organisation eines Disco-Abend beteiligen sich jeweils bis zu fünfzehn Freiwillige. Der Aufbau beginnt am Samstag am Nachmittag um ein Uhr mit mindestens fünf bis sieben Jugendlichen. Es gilt die Anlage zu transportieren und aufzubauen, die Lichtboxen mit Hilfe einer Leiter an der Decke zu installieren, die Räume einzurichten die Kassen für die Eintritte und den Getränkeausschank mit einem «Stock Münz» zu bestücken und die Kühlschränke aufzufüllen. Während der ganzen Dauer der Disco muss der Empfang, der Getränkeausschank und die Betreuung des «Tee-Kaffee-Stüblis» gewährleistet sein. Die Discobetreiber haben für einen reibungslosen Ablauf mit pünktlichem Ende um 24.00 Uhr zu sorgen. Sobald der Song «Bye, bye Love» von Simon & Garfunkel ertönt, wissen regelmässige Besucher und Besucherinnen der JUFO-Disco, dass für heute Schluss ist. Nach der Disco muss aufgeräumt und sauber gemacht werden. Das gilt auch für die WCs. Meistens dauert das eine Stunde, so dass um 1.15 Uhr das Pfarreiheim «besenrein» geschlossen werden kann. Die Schallplattenkisten werden jeweils erst am Sonntag aufgeräumt und geordnet und dann wird auch der zweite Plattenspieler mit bestem Dank seinem Besitzer, Renato H. zurückgebracht. Zwar treten gegenüber der Öffentlichkeit vor allem die Diskjockeys in Erscheinung, was aber nicht heisst, dass nicht auch viele andere junge Männer und Frauen im JUFO-Team einen grossen Beitrag an das Gelingen der Veranstaltungen leisten. Das JUFO-Team erarbeitet sich selbstständig einen organisatorischen Ablauf, der in einer Checkliste die wesentlichen Punkte festhält, denn es gibt nirgends eine Anlaufstelle, auch keine Jugendarbeiter mit Erfahrung im Organisieren von Festen.

Nicht nur am Abend selbst, sondern auch im Vorfeld wird sehr viel Freiwilligenarbeit geleistet, zum Beispiel bei der Gestaltung, Produktion und Verbreitung der Werbe-Flyer, bei der Pressearbeit, beim Buchen der Pulte, beim Einkauf der Getränke und Guetzli, beim Besorgen von «Jasskarten» und Spielen für das Tee-Kaffee-Stübli oder beim Einholen der verschiedenen Bewilligungen (Saal- und Tanzbewilligung, Billettsteuer, Wirtepatent, Musikurheberrechte SUISA). [11]

Obwohl alle Beteiligten stets unentgeltlich arbeiten, muss der Eintrittspreis stufenweise auf drei Franken erhöht werden, um alle Ausgaben für die obligatorischen Bewilligungen decken zu können. Nur einmal gibt es einen Versuch mit einer freiwilligen Abendkasse. Da aber leider nur die Hälfte der Besucher den Eintritt auf freiwilliger Basis bezahlt, wird das nicht wiederholt.

Anfangs gibt es einen blauen JUFO Stempel als «Zahlbeleg». Die Farbe bleibt aber, trotz mehrmaligem Händewaschen, oft noch bis am Montag leicht sichtbar. Später organisiert das JUFO eine spezielle, fluoreszierende Stempelfarbe, die nur noch unter «Schwarz- oder Blaulicht» sichtbar wird. Ein feiner Parfümduft wird dazu gemischt und die «blaue Sorge» ist erledigt!


Die Resonanz

Anfänglich kommen 50 bis 100 Personen, später 300 und zur Spitzenzeit einmal sogar 600 an einen Discoabend, nicht nur junge Leute aus Cham, sondern auch Freunde und Freundinnen aus der nahen Umgebung. Nicht alle freuen sich mit den Jugendlichen über diesen grossen Publikumserfolg. So häufen sich die Klagen von Anwohnerinnen und Anwohnern über den «Töfflilärm» auf dem Kirchenplatz. Ein Teil der Bevölkerung misstraut den Jungen in Bezug auf den Umgang mit Alkohol und anderen Drogen. Auch zirkulieren wilde Gerüchte, z.B. dass in der Disco nackt getanzt werde. Neben diesen Herausforderungen gibt es ab und zu auch Unstimmigkeiten unter den JUFO-Engagierten vor allem, weil die ganze Arbeit für die Disco immer auf denselben wenigen Leuten lastet und sich ausser ihnen kaum jemand für das gute Gelingen verantwortlich fühlt. [12]


Reglementierter Discobetrieb

Bereits zwei Monate nach der Durchführung der ersten JUFO-Disco erlässt der Kirchenrat am 27. April 1972 ein «Reglement über das Bewilligungsverfahren und die Durchführung einer Discothek im Pfarreiheim in Cham». Dieses enthält zahlreiche Vorschriften. Für die Durchführung einer Disco ist eine Bewilligung des Kirchenrats erforderlich. Gesuche sind mindestens fünf Wochen vor der Veranstaltung einzureichen. Nur ortsansässige Organisationen und Vereine dürfen eine Disco veranstalten. Jugendliche, welche die Disco besuchen wollen, müssen mindestens siebzehn Jahre alt sein. Für den Verkehrs- und Ordnungsdienst haben die Veranstalter auf eigene Kosten einen Securitas-Wächter anzustellen.

Minutiös werden im Reglement Vorschriften für die Parkierung der Mopeds, für ein Betretungsverbot von Kirche und Friedhof, für die Saalbeleuchtung usw. aufgelistet. Eine Ausschank- und Polizeibewilligung haben die Veranstalter jeweils selbst einzuholen. Pro Anlass kann der Kirchenrat eine Kaution von 200 Franken verlangen. Für die Einhaltung aller Vorschriften und für die seriöse Durchführung des Anlasses sind einzig und allein die Veranstalter verantwortlich. [13]


Der Konflikt von 1976

Am Discoabend vom 21. August hat das JUFO 460 zahlende Gäste. In derselben Nacht kommt es auf dem nahegelegenen Friedhof zu Grabschändungen. In der Folge erhält Franz Waller einen Brief des Kirchenrats der einen sofortigen Widerruf sämtlicher bereits erteilten Bewilligungen für Diskothekenveranstaltungen enthält. Auch weist der Kirchenrat in seinem Schreiben darauf hin, dass die Ruhestörungen im Zusammenhang mit den Discoveranstaltungen zu einer Plage für sämtliche Anwohner des Kirchbühls geworden seien. Die kürzlich erfolgte Friedhofschändung sei der traurige Höhepunkt einer Kette von Ausschreitungen. Die Vorkommnisse zeigten deutlich, dass die Organisatoren der Disco den Ablauf nicht unter Kontrolle hätten. [14]

Franz Waller beschliesst, nicht selbst auf diesen Brief zu reagieren oder allein etwas zu unternehmen, sondern zuerst einige interessierte Jugendliche zusammenzubringen. Ausserdem lässt er sich von der unentgeltlichen Rechtsberatung der Gewerkschaft beraten. Auch sucht er den persönlichen Kontakt mit Anwohnerinnen und Anwohnern des Pfarreiheims. Er will von ihnen wissen, ob sie sich durch die Discos wirklich so massiv, wie behauptet, in ihrer Ruhe gestört fühlen. Im persönlichen Gespräch stellt sich heraus, dass die meisten Befragten das Ausmass der Lärmbelästigung während und nach einer JUFO-Disco weniger schlimm empfinden als befürchtet. An anderen Festen gehe es wegen dem Autolärm («Türenschletzen» und Motoren starten) schlimmer zu und her und erst noch später nachts, nach Mitternacht bis ein Uhr.

Es folgen Sitzungen und Verhandlungen der beteiligten Kontrahenten. Neben dem Kirchenrat wird auch der Pfarreirat in die Diskussion einbezogen. Er zeigt sich gegenüber den Jugendlichen offener. Obwohl niemand nachweisen kann, dass Disco-Besucher für die Vorkommnisse auf dem Friedhof verantwortlich waren, entzieht der Kirchenrat den Betreibern während acht Monaten die Saalbewilligung. Nach diesem Tiefpunkt glätten sich aber die Wogen zwischen Behörden, Bevölkerung und JUFO-Team wieder.

Zur Delegation, die das JUFO-Team an den Sitzungen vertritt, gehört auch Brigitta Raimann. Sie ist damals Schülerin an der Weiterbildungsschule (WS) in Zug. Sie verfasst ihre Diplomarbeit über den Konflikt zwischen JUFO und Kirchenbehörden. Im Schlusswort dieser Arbeit schreibt sie folgendes: «Wir waren mit dem Ausgang dieser Geschichte zufrieden. Wir sprachen den guten Entscheid doch hauptsächlich unserer Ausdauer und Korrektheit zu, besonders der Art des Kirchenrates gegenüber. Er liess uns doch immer lange warten und behandelte uns nicht unbedingt anständig. Weiter merkten wir, dass es auch Leute gibt, die sich für die Jungen einsetzen. Ihnen möchte ich danken für ihr Verständnis.» [15]


Drei Discjockey’s

Von 1972 bis 1983 legten drei DJ’s in der JUFO-Disco die Platten auf:


Anekdoten

Es darf geraucht werden!

In der Disco, aber nicht auf der Tanzfläche, wird damals von einigen gequalmt, was das Zeug hält. Das ist in den 70ern und 80ern gang und gäbe und fällt nicht speziell auf. Das Leeren der Aschenbecher gehört zu den Jobs des JUFO-Teams.


Der Umgang mit Alkohol

In der JUFO-Disco selbst wird kein Alkohol ausgeschenkt, im nahegelegenen Café Plaza hingegen schon. Natürlich gibt es Besucherinnen und Besucher der Disco, die sich während des Abends ein- oder mehrmals dort Alkoholisches genehmigen. Die Bierpreise im Restaurant sind damals günstiger als der Preis von Mineralwasser. Ein Grund mehr, sich bei kleinem Portemonnaie eine «Stange» zu bestellen.


Die Möblierung, die Technik und das Licht

Möblierung, Technik und Licht sind von Beginn an Markenzeichen der JUFO-Disco. Franz Waller, JUFO-Aktivist der ersten Stunde, der die Anlage viele Jahre betreut hat, beschreibt diese drei Faktoren wie folgt:

Die Möbel

«Da sich die ersten Möbel bewährten, hatten wir die ganze JUFO Zeit die gleichen Stehpulte, mit Spickel, die zu einem «U» zusammengestellt wurden, im Einsatz. In der Mitte stand das grösste und auch schwerste Pult. Dieses musste von vier bis sechs Männern unten herum bis zur Bühne getragen werden. Links und rechts stand je ein Plattenspielerpult und links noch ein Universalpult. Mit den Spickeln sah das nicht nur gut aus, es war auch top stabil. Es war auch einfach JUFO! - In der Mitte befanden sich alle Verstärker, das Mischpult mit Mikrofon und die Stromverteilung.

Die Musikanlage

Die ganze Technik war entweder professioneller Eigenbau oder im Fall des Mischpults ein RIM-Bausatz. Wir mussten das Vorhören selbst einbauen und der Preis dafür, war einiges teurer als was heute ein fertiges DJ-Mischpult kostet. Der Hauptverstärker bestand aus zwei Mono-Stufen und die wurden im harten Betrieb sehr heiss. Zwei Ventilatoren bei den Kühlblechen haben diese Wärme für immer weggeblasen.

Im gleichen Holz-Ton wie die Pulte, aber mit dickeren Platten, waren die zwei grossen Hauptlautsprecher gebaut («Super HECO-Bass»). Für einen kraftvolleren Sound stellten wir zusätzlich zwei kleinere Lautsprecher auf diesen auf. Das absolute Maximum erreichten wir später mit zwei guten Kugelboxen, montiert an der Decke über der Tanzfläche. Die mittleren und hohen Töne kamen so besser in den ganzen Raum und nun war für alle der Sound mehr als exzellent.

Die Plattenspielermöbel hatten gefederte Tablare und eigneten sich gut für zwei DUAL-Direktdrive-Plattenspieler. Diese hatten tolle SHURE-VIII-Zellen und wir erhöhten während der Disco den Diamantnadeldruck von 1.5 auf 2.5 Gramm. Mit Bleiplatten unter den Tablaren wurden die Plattenspieler ins Lot gerichtet. Damit hatten wir das gefürchtete «Rillenhüpfen» über all die Jahre sehr gut im Griff. Im hintersten Möbel war oft ein Revox-Tonbandgerät für Aufnahmen oder Echo. Hinter den Stehpulten standen zwei Tische übereinander für die vielen Schallplattenkisten.

Für die ersten zwei Discos mieteten wir Licht, aber dieses surrte als Hintergrundgeräusch aus den Boxen. So bauten wir eine eigene Lichtorgel mit einem Stroboskopblitz. Jeder Lichtkanal wurde mit grossen Drosseln gegen Störungen abgeblockt. Dazu bauten wir drei Lichtboxen mit je vier grossen Spotlampen. Diese wurden mit stabilen Drähten an der Decke über der Tanzfläche montiert und mit 6pol-Kabeln verbunden. ROT war Bass-, GRÜN war Mitten- und BLAU war für Hohe-Töne. Exklusiv war je die vierte 100 Watt Spotlampe GELB, die bei Stille, z.B. während dem Saallüften, viel Helligkeit ergab. Das ganze Saallicht war typisch auf DIA-Licht reduziert. Als einziges kauften wir die bekannte DISCO-Spiegelkugel, die während langsamen Musiktiteln eingeschaltet wurde und schöne wandernde Punkte an Decke, Wände und Boden malte. Während dem Lüften wurden Ansagen für andere Veranstaltungen gemacht, EVZ-Resultate bekanntgegeben und Hinweise für das korrekte Parkieren der «Töfflis» auf dem Bahnhofplatz gegeben.» [16]


Der Saal

Der Saal des Pfarreiheims wird jeweils von Tischen und Stühlen leergeräumt. Der hintere Teil des Saales wird mit Teppichen ausgelegt, auf denen diejenigen, die gerade eine Tanzpause machen, sitzen oder liegen können. Die vordere Hälfte des Saals dient als Tanzfläche oder dazu, sich frei nach der Musik zu bewegen. Die Discoanlage und ein grosses JUFO-Plakat stehen auf der Bühne. Möbel und Teppiche können während zehn Jahren im unteren Bühneneingang und hinter der Wendeltreppe im Pfarreiheim gelagert werden.

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Der Pfarreiheimsaal war der Ort der JUFO-Disco


Die Musik

Auch in diesem Abschnitt kommt der langjährige DJ Franz Waller selbst zu Wort: «Die Musik kam ab Schallplatten (LP), den runden schwarzen Scheiben. VYNIL hat aktuell ein Revival! Die Grossen, ca.30 cm, waren die Langspielplatten (LPs 33 Umdrehungen pro Minute) auf jeder Seite mit mehreren Titeln. Sicher war der gewünschte Song nicht am Anfang und mit Vorhören und Tonarmlift musste die Pause vor dem Wunschtitel mühsam gesucht werden. Oft wurde die Platte mit einem Fiber-Antistatikcleaner von Staubteilen befreit. Einige LPs hatten wunderschöne Umschläge (z.B. diejenigen von YES) und oft auch gute Künstler-Infos.

Wir hatten fünf grosse, schwere Kisten LPs, also rund 95 Prozent, was sicher eine optimale Musikauswahl ergab. Die kleinen Scheiben (Singles 45 Umdrehungen pro Minute) hatten nur je ein Stück auf der A-Seite und der B-Seite. Damit die Hitparade nicht fehlte, bekamen wir von Guido und Claudia Richenberger jeweils rund zwölf aktuelle Hits aus den Musikboxen. Dazu gehörten Singles, wie die schönen Hits von BACCARA Yes Sir, I can Boogie oder die vielen Boney M.-Hits.

Der Jufo-Musik-Teppich war breit: Rock, Pop, Reggae, Blues, Jazz … und bekannt auch für lange Musikstücke, die fünf bis zehn Minuten dauern konnten! Es durften Musikstücke gewählt werden. Wer das Stück selbst suchte, konnte oft diesen Titel gleich selbst ansagen. Es gab zwei Jahre eine «QUO-Fan-Gruppe» und diese liess nie locker, bis ein Titel der Status Quo gespielt wurde und sie in Reihe «Luftgitarre» spielen konnten. Da waren drei Typen für drei Monate in London und haben in vielen grossen Plattengeschäften sicher 50 LPs gekauft und nach Hause transportiert. Dabei waren zwei LPs von Wishbone Ash; diese Band kannte damals kaum jemand in der Schweiz.

Einige Bands und Musikperlen in alphabetischer Reihenfolge:

10CC AWB – Cut the Cake
BARBARA THOMSON’S Paraphernalia BARCLEY JAMES HARVEST – Hymn (5:20)
BEACH BOYS – Barbara Ann BEE GEES – mit drei grossen Erfolgsserien
BILLY COBHAM – Crosswinds BLONDIE
BLOOD SWEAT AND TEARS BOB DYLAN
CANNED HEAT – Let’s work together CAT STEVENS – My Lady d’Arbanville
CCR Creedence Clearwater Revival CHER
CHICAGO CLIMAX BLUES BAND
COLOSSEUM – Valentine Suite (9:36) CREAM – White Room
DEEP PURPLE – Smoke on the Water – Child in Time (10:18) DOORS – Riders on the Storm
EAGLES – Hotel California ELO Electric Light Orchestra
ELTON JOHN – viele Hits EMERSON LAKE & PALMER
ERIC CLAPTON – Cocaine FLEETWOOD MAC
GENESIS GINGER BAKER’S AIR FORCE
GRAND FUNK RAILROAD JANIS JOPLIN
JETHRO TULL Jan Anderson an der Q-Flöte – Locomotive Breath JIMMY CLIFF – Vietnam – You can get it if you really want
JIMMY HENDRIX JOE COCKER mit tollen Coversongs
JOHN MAYALL KLAUS DOLDINGERS PASSPORT
LED ZEPPELIN – Stairway to Heaven LEONARD COHEN – Marianne
LINDA RONSTADT – It’s so easy MANFRED MANN'S EARTH BAND
MOODY BLUES – Nights in White Satin PAUL SIMON + ART GARFUNKEL – Bridge over troubled water – Bye Bye Love!
PETER FRAMPTON – Live PINK FLOYD
QUEEN – We will … – We are the champions SANTANA – slow and fast
SAVAGE ROSE STEELEYE SPAN
STEPPENWOLF – Born to be wild STEVIE WONDER
THE ALLMAN BROTHERS BAND THE BEATLES – Hey Jude (lang und langsam)
THE ROLLING STONES – Satisfaction – Wild Horses THE WHO
TINA TURNER URIAH HEEP – Lady in Black
WOODSTOCK … YES


Auch Musik von Schweizer Bands wurde gespielt:

TOAD

KROKODIL

RUMPELSTILZ

POLO HOFER + HANERY AMMAN – Alperose

SPAN

TONI VESCOLI

BETTY LEGLER

MINSTRELLS – Grüezi wohl Frau Stirnimaa

PEPE LIENHARD BAND – Swiss Lady

HAZY OSTERWALD – Kriminal Tango, oder als Abwechslung, einen IRISCHEN VOLKSTANZ und dazu wurde eine Tanzschlange gebildet!

NB.: DJ verdienten damals nichts, heute gibt es mehrere DJ-Grossverdiener, darunter auch Frauen.» [17]


Fotogalerie

7 Jahre Jufo-Disco, 2. Februar 1979


Die Werbung

Für jeden Discoabend wird ein Flugblatt im Format A5 von Hand gestaltet.

Eine Auswahl der zahlreichen, individuell gestalteten Flugblätter sind hier zu finden!


Dokumente

Bewilligungen

Checkliste

Zeitungsartikel


Einzelnachweise

  1. Flugblatt «Die Profit-Discothek ist tot», 05.02.1972
  2. Amtsblatt des Kantons Zug, 10.09.1976
  3. Grünenfelder, Josef, Die Pfarrkirche St. Jakob in Cham am Zugersee, (Schweizerische Kunstführer GSK), Bern 2010, S. 10
  4. Brief von Franz Waller, 10.04.1978
  5. Brief von Heinrich Baumgartner, 21.04.1978
  6. Zuger Nachrichten, 08.05.1978
  7. Zuger Tagblatt, 16.02.1979
  8. Flugblatt «10 Jahre JUFO», 1982
  9. Bomio, Gianni, Jugend im Kanton Zug. Das Freizeitverhalten 1982/83, Zug 1983
  10. Kulturkalender 11/2012
  11. Einige Namen zu diesem Kreis: Sylvia, Babs, Kathrin, Imelda, Moni, Gigi, Gritli, Erle, Margrith, Luzia, Josy, Ruth, Rita, Marianne, Brigit, Prisca, Nudle, Bernadette, Brigitta, Franz, Franco, Rolf, Ruedi, Märk, Johnny, Max, Pfindi, Josef, Jo, Durri, Balz, Kudi, Bröö, Peace I und II, Pius, Urs, Thomas, Beda, Gogi, Stichel, Sony, Meck, Albin, Dani, Thomi, Matthias, Wädi. Die Aufzählung ist nicht abschliessend.
  12. Info Bulletin Zug, Nr. 13, April 1973
  13. Reglement über das Bewilligungsverfahren und die Durchführung einer Discothek im Pfarreiheim in Cham, 27.04.1972
  14. Brief des Kirchenrats an Franz Waller, 27.08.1976
  15. Raimann, Brigitta: «discothekverbot, hintergründe, geschichte und lösung eines problems», Diplomarbeit Weiterbildungsschule Zug, 1977
  16. Freundliche Mitteilung von Franz Waller, 11. 03.2020
  17. E-Mail von Franz Waller, 11.03.2020