Hirsechilbi

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Schloss und Park St. Andreas um 1910; der vordere Teil ist der heutige Hirsgarten
Eine Aufnahme aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg mit der Villette im Vordergrund, dahinter Hirsgarten und Schloss St. Andreas

In Cham wurde sicher vom frühen 17. bis ins späte 18. Jahrhundert am «hirs-tag», auch Hirsekirchweihe («hirskilchwye»), also Hirsechilbi genannt, Brei mit Rispenhirse (lat. panicum miliaceum) gekocht und als Almosen an die Armen verteilt. Dies geschah meist am Festtag der 10'000 Ritter am 22. Juni. Dem Zuger Stadtrat war diese Tradition und insbesondere der Zustrom von auswärtigem Bettlervolk ein Dorn im Auge. Im späten 20. Jahrhundert erlebt das Hirsebrauchtum an der Chamer Fasnacht eine kleine Renaissance. [1]


Chronologie

1417 Hirse wird in Cham bereits im Spätmittelalter angebaut und gegessen. Im Gebiet nördlich von St. Andreas sind im 15. Jahrhundert mehrere Hirsgärten belegt. [2]

1625 In den Zuger Stadtratsprotokollen findet sich ein erster Hinweis zum Chamer Hirsebrauchtum: Der Stadtrat beschliesst, dass die Chamer «wol den hirß khochen mögendt», also dass sie Hirsebrei kochen dürfen, wenn sie aber davon ausgiebig essen wollen, sollen sie es auf eigene Kosten tun. [3]

1628 Das Hirsekochen in Cham soll am Dreifaltigkeitstag [4] stattfinden. Jeder Priester erhält einen halben Gulden Lohn. Sonst dürfen keine Kosten anfallen. [5]

1652 Der Zuger Stadtrat will das Chamer Hirseverteilen abschaffen. Der eingesparte Betrag soll für andere Almosen verwendet werden. Eine Woche später bestätigt der Stadtrat seinen Beschluss. Das Austeilen von Hirsebrei wird verboten. Es soll jeweils am Fest der 10'000 Ritter jenen Geistlichen, die Messen lesen, die Präsenzgelder gegeben werden. Der Bevölkerung soll Brot ausgeteilt werden. Weitere Unkosten sollen vermieden werden. Der Rest der Zinsen soll zwischen Weihnachten und dem St. Johannestag [24. Juni] im Sommer den einheimischen Armen ausgeteilt werden. Offensichtlich sind der Stadtzuger Obrigkeit die fremden, d.h. ausserhalb der Stadt und ihrer Vogteien stammenden Armen suspekt. Zudem gab es an Kirchweihen immer eine hohe Wahrscheinlichkeit von Ausschweifungen und Krawall. [6]

1657 Das Verbot scheint nicht lange gehalten zu haben. Bereits fünf Jahre später muss sich der Stadtrat erneut mit den hohen Kosten der Chamer Hirsechilbi (und auch mit der Rischer Kirchweihe) beschäftigen: Künftig sollen die städtischen Beamten – der Gross- und der Unterweibel und die beiden Läufer – abwechslungsweise für Ordnung schauen. Um die Kosten tief zu halten, sollen jedoch nie mehr als zwei Bedienstete an einer der beiden Chilbinen teilnehmen, nämlich jeweils ein Weibel und ein Läufer. [7]

1675 Den Chamern und Hünenbergern wird bewilligt, an der am 22. Juni gefeierten «kirchweÿung» wieder Hirse auszuteilen. Die Chamer hatten – zum Ärger des Zuger Stadtrates – vorgebracht, sie würden den Brauch wieder einführen, um durch ihre Mildtätigkeit «etwan von Gotth besser wetter zuo erlangen». Der Stadtrat willigt zähneknirschend ein, verlangt aber, dass die Eltern künftig «besser Obsicht ihrer kinderen halten [sollten], damith die liechtstupeten undt andere upikeithen [Ausschweifungen] abgestelt werden.» [8]

1711 Die Bettlerproblematik scheint sich im 18. Jahrhundert weiter zu verschärfen: Der Zuger Stadtrat befiehlt dem Unterweibel, er solle die fremden Bettler scharf ermahnen, nach der Hirseausteilung schleunigst zu verschwinden. Aufgegriffene Bettler würden ohne Gnade in die elsässische Festung Hüningen deportiert. [9]

1736 Der Zuger Stadt-und-Amt-Rat, also die oberste Gewalt im Stand Zug (mit Vertretern der Stadt Zug und der Gemeinden Baar, Menzingen und Ägeri) ordnen für den Tag vor der Chamer Hirsechilbi eine allgemeine Betteljagd in allen Gemeinden an. Fremde Bettler werden an die Kantonsgrenzen verfrachtet. [10]

1771–1773 Die Untervögte von Cham und Hünenberg bitten im Namen der Geschworenen, die zum Austeilen des Almosens abgeordnet sind, der Zuger Stadtrat solle erlauben, die Hirse auch an Fremde zu verteilen. Der Stadtrat duldet aber keine fremden Bettler und will Almosen nur einheimischen Bedürftigen geben. Die Fremden sollen unverzüglich an die Reussbrücke geführt werden. Widerspenstige oder verdächtige Individuen sollen «abgeprügelt» und nach Zug gebracht werden. Die Chamer und Hünenberger argumentieren, es sei besser, wenn die Hirse nach altem Brauch ausgeteilt werde, und überdies hätten die Zuger «nichts an diß almusen gestiftet, mithin nichts hieran zu befehlen» Zwei Jahre später bekräftigt der Stadtrat aber noch einmal, fremden Bettlern solle man in Cham keine Hirse geben, sondern sie wie früher aus dem Land weisen. [11]

1783 Der Zuger Stadtrat nimmt einen neuen Anlauf: Es dürfe keine Hirse mehr ausgeteilt werden. Das eingesparte Geld soll für den Neubau der Pfarrkirche St. Jakob verwendet werden. [12]

1798 Gemäss dem Zuger Arzt und Lokalhistoriker Franz Karl Stadlin (1777–1829) verschwindet die Tradition der Hirsechilbi 1798 mit dem Einmarsch der Französischen Truppen und mit dem Untergang der alten Vogtei Cham. Stadlin berichtet über den Brauch: «1798 ist das Hirsaustheilen an 10000 Rittertage abgegangen. 13 Kessel wurden voll gesotten. Die vom [Kirchen-]Pfleger als die beste anerkannte Köchin erhielt 1 Paar rothe Strümpfe. Dieses Hirsaustheilen trifft in der Tradition auf viele hist. Berührungspunkte: Hirsmondtag, Hirsnarren, Hirssäen, Hirsgarten, das Hirskochen im Spital der Stadt am Vorabend der 4 Festen.» Die knappe Überlieferung lässt aber viele Fragen offen: Was wurde am Hirsmontag gefeiert? Wer waren die (Chamer?) Hirsnarren? [13]

1897 Noch Ende des 19. Jahrhunderts gelten die Chamer im Volksmund als «Hirsefresser». Die Volkskundlerin Anna Ithen (1858–1925) aus Oberägeri schreibt in ihrem Überblick über das Zuger Brauchtum würdevoller «Hirseesser» (bezüglich der Hirsechilbi verwendet sie in ihrer Publikation die Überlieferung von Franz Karl Stadlin). [14]

Hirsefressen am traditionellen Hirsekochen auf dem Schulhausplatz beim Schulhaus Kirchbühl

1961 Fasnachtsaktivisten lancieren die Hirselariusfasnacht mit der Hauptfigur «Hirselarius» und stellen so einen Bezug zum alten Hirsebrauchtum her. Umzüge und öffentliches Hirsekochen gehören für einige Jahrzehnte fest zur Chamer Fasnacht (bis 2003).

2014 Die neu gegründete IG Hirse setzt sich zum Ziel, mit lokalen Produkten und Aktivitäten der Hirse wieder ein Platz in den Köpfen und auf den Tellern der Chamer Bevölkerung zu schaffen. Die Brauerei Baar lanciert das Zuger Hirsebier mit Hirse aus Bibersee.


Einzelnachweise

  1. Gruber, Eugen et al., Geschichte von Cham, Bd. 1, Cham 1958, S. 289f. Dittli, Beat, Zuger Ortsnamen. Lexikon der Siedlungs-, Flur- und Gewässernamen im Kanton Zug. Lokalisierung, Deutung, Geschichten, Zug 2007, Bd. 2, S. 461f., insbesondere der Exkurs auf S. 462
  2. Urkundenbuch von Stadt und Amt Zug vom Eintritt in den Bund bis zum Ausgang des Mittelalters 1352–1528, 2 Bde., Zug 1952–1964. UBZG I, Nr. 570, S. 272–278 (Urbar der Stadt Zug in Cham)
  3. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.0, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1624–1626, fol. 42r
  4. lat. Trinitatis, gefeiert am ersten Sonntag nach Pfingsten, also am 18.06.1628
  5. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.1, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1627–1631, fol. 56v
  6. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.3, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1650–1660, fol. 45v, fol. 46r
  7. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.3, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1650–1660, fol. 141v
  8. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.5, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1669–1681, S. 341
  9. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.14, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1709–1712, fol. 94r
  10. Staatsarchiv Zug, A 101/31, Protokoll Stadt-und-Amt-Rat, S. 58 (Juni 1736)
  11. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.32, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1768–1772, S. 279; A 39.26.33, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1773–1779, S. 25
  12. Bürgerarchiv Zug, A 39.26.34, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1780–1787, S. 168
  13. Stadlin, Franz Karl, Die Geschichten der Gemeinden Chaam, Risch, Steinhausen u. Walchwyl. Des ersten Theils zweiter Band, Luzern 1819, S. 277f., Anm. 35
  14. Ithen, Anna, Volkstümliches aus dem Kanton Zug, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 1, 1897, S. 115–126, hier S. 125