Das Chamer Milchmädchen

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Auf der Etikette und als Marke: das Chamer Milchmädchen
Das Milchmädchen auf einer Kondensmilchbüchse als Motiv auf einer Emaille-Tafel
Spanische Werbung: das Milchmädchen auf einer fiktiven Anhöhe über Cham
150320 Nestle & Anglo-Swiss, Condensed Milk a milkmaid leant on a cow in mountain meadow over a valley and a condensed milk factory, ca. 1920, CH AHN CSP5 D.4.1-HI100252 a4.jpg
Je nach Land, varierte die Nestlé die Darstellung des Chamer Milchmädchen: In der Niederlande (oben) sieht sie komplett anders aus als im angelsächsischen Raum (unten)
Das Milchmädchen als Puppe und auf den Konservendosen: eine Aufnahme aus dem Nestlé-Verwaltungsgebäude in Cham.
Die Schauspielerin und Autorin Judith Stadlin in einer Milchmädchen-Tracht, 2014
Am Festumzug zur 1100-Jahr-Feier Chams dürfen die «Milchmädchen» nicht fehlen, 13.07.1958
«Milchmädchen» tanzen auch an der Eröffnung des Schulhauses Städtli, 06.09.1959


Der Weltkonzern Anglo-Swiss Condensed Milk Company verwendet als Marke und Werbesignet ein Milchmädchen, das für die Natürlichkeit der Kondensmilch werben soll. Diese Werbefigur, die auf einen Archetyp in der Kunst zurückgreift, hat sich bis heute gehalten.


Chronologie

1866 Die Anglo-Swiss Condensed Milk Company wird offiziell am 9. August gegründet. Die Firma will aus Milch aus der Region Cham Kondensmilch herstellen und diese weltweit vertreiben. [1]

1867 Bereits im ersten Produktionsjahr produziert die Milchfabrik in Cham 136'800 Büchsen mit Kondensmilch, dazu liefern 43 Bauern täglich die Milch von 263 Kühen in Cham ab. [2] Bald nach der ersten Herstellung erkennt Anglo-Generaldirektor George Ham Page (1836–1899), dass er den luftdicht verschlossenen Blechbüchsen ein natürliches Symbol zieren muss, um erfolgreich zu sein. Deshalb wirbt Page auf Etiketten und in Zeitungsinseraten mit dem Milchmädchen. Zuerst ist das Mädchen eine Werbefigur auf den Etiketten und Werbemitteln, dann sogar eine eigene Marke, nämlich als «Milkmaid Brand». [3]

Wie kommen Page und seine Anglo-Swiss auf das Milchmädchen? Johanna Spyris «Heidi» kann sie nicht inspiriert haben, denn Spyri schreibt ihr «Heidi» erst später, nämlich 1879. Sonntags sieht Page in Cham Mädchen in Trachten. Diese setzt man gemeinhin mit Ländlichkeit und Verwurzelung in der Heimat gleich und mit Tüchtigkeit und Sauberkeit. Die Tracht von Pages Milchmädchen ist jedoch keine Tracht, die man örtlich eindeutig zuordnen kann, sondern eher der Prototyp einer Tracht. Das Milchmädchen erscheint bei Page immer mit zwei Holzkübeln: Einen trägt es in der Hand, den anderen balanciert es auf dem Kopf. Zu Pages' Zeit werden allerdings gar keine Holzkübel mehr für den Transport von Milch benützt. Und zwar aus Hygienegründen und auf rigorose Anweisung von George Ham Page hin.

Auf dem Werbebild steht das Milchmädchen inmitten einer hochalpinen Berglandschaft auf einer schönen Alpwiese, im Hintergrund weiden Kühe. Auch dies entspricht nicht der Realität des Produktionsortes Cham, wo nach der Industrialisierung Fabriken das Dorfzentrum prägen. Aber er ist ein geschickter Trick von Page, um Gesundheit und Naturverbundenheit seiner Kondensmilch vorzugaukeln. [4]

1880 Die Schweiz führt ein «Eidgenössisches Amt für Fabrik- und Handelmarken» ein (ab 1888 «Eidgenössisches Amt für Geistiges Eigentum», ab 1979 Eidgenössisches Bundesamt für Geistiges Eigentum). Page und die Anglo-Swiss lassen das Milchmädchen unverzüglich als Werbemarke eintragen, um sich gegen unliebsame Nachahmer wehren zu können. Das «Milchmädchen» bekommt vom Amt die Nummer 19, ist also eine der ersten Werbemarken der Schweiz. [5]

1958 Ganz Cham feiert das Jubiläum «1100 Cham 858/1958»: Selbstverständlich sind bei dieser grossen Feier auch Frauen mit dabei, die sich mit der «Milchmädchen-Tracht» kleiden. [6]

1983 Auch beim Zuger Burgfest ziehen beim Festumzug «Milchmädchen« als Vertreterinnen Chams auf. [7]

2014 Im Kunstkubus Cham wird eine Ausstellung zum Thema Milchmädchen gezeigt. Die Nestlé (als Nachfolgerin der Anglo-Swiss) setzt noch immer das Milchmädchen als Werbeträgerin ein. Besonders in Indien kommen Milkmaid-Produkte gut an, vor allem Kondensmilch und verschiedene Süssspeisen. [8]

2016 Die Nestlé feiert ihren 150. Geburtstag und besinnt sich ihrer Chamer Wurzeln, unter anderem mit einer Illumination des Verwaltungsgebäudes an der Zugerstrasse 8 sowie mit der sehr gefragten Theatertour «De Südi-Schorsch». Dabei tritt neben George Page und einem Erzähler auch das Milchmädchen auf, dargestellt von Christine Schiess. [9]

2021 Die Nestlé verkauft noch immer Produkte unter den Namen «Milchmädchen», «La Lechera», «La Laitière» oder «Milkmaid. [10]


Das Milchmädchen als Archetyp

Das Milchmädchen kommt in der Kunstgeschichte häufig vor und ist eine Art Archteyp. In der Normandie ist das Milchmädchen eine wichtige Figur in Mythologie und Geschichte, und auch in der hinduistischen Tradition und der indischen Kunst gibt es eine Art Milchmädchen: Es sind Kuhhirtinnen namens Gopi oder Gopika. Eine dieser Gopis stellt in der hinduistischen Mythologie die wichtigste Gefährtin des Gottes Krishna dar.

George Page wusste vielleicht davon, aber möglicherweise kannte er auch die europäischen Ikonen der Kunstgeschichte, etwa das Bild «Dienstmagd mit Milchkrug» (1660) von Jan Vermeer (1632–1675) oder auch das bekannte Bild «Milchmädchen von Bordeaux» (1827) von Francisco de Goya (1746–1828). [11]


Bildergalerie

Die Milchmädchen-Postkarten der Public Library Boston

Die Public Library Boston ist im Besitz einer Sammlung von Werbekarten mit Motiven des Milchmädchen-Motivs. Produziert wurden die Karten in Paris zwischen 1870 und 1900.


Verschiedene Werbeplakate


Milchmädchen als Motiv eines chinesischen Kalenders, Shanghai, 1902


Die Ausstellung Milchmädchen im KunstKubusCham

Vom 22. August bis zum 6. September 2014 ist der «berühmtesten Chamerin», dem Milchmädchen, im KunstKubusCham eine Ausstellung gewidmet.


Einzelnachweise

  1. Orsouw, Michael van / Stadlin, Judith / Imboden, Monika, George Page, Der Milchpionier. Die Anglo-Swiss Condensed Milk Company bis zur Fusion mit Nestlé, Vevey / Zürich 2005, S. 59
  2. Orsouw, Michael van / Stadlin, Judith / Imboden, Monika, Adelheid, Frau ohne Grenzen. Das reiche Leben der Adelheid Page-Schwerzmann, Zürich 2003, S. 65
  3. Stadlin, Judith / Orsouw, Michael van, Das Milchmädchen, die reine Jungfer – ideal für Verkaufszwecke, Typoskript für die Ausstellung Milchmädchen im Chamer Kunstkubus, Oktober 2014
  4. Stadlin, Judith / Orsouw, Michael van, Das Milchmädchen, die reine Jungfer – ideal für Verkaufszwecke, Typoskript für die Ausstellung Milchmädchen im Chamer Kunstkubus, Oktober 2014
  5. Orsouw, Michael van / Stadlin, Judith / Imboden, Monika, George Page, Der Milchpionier. Die Anglo-Swiss Condensed Milk Company bis zur Fusion mit Nestlé, Vevey / Zürich 2005, S. 77
  6. Orsouw, Michael van, Cham – Menschen, Geschichten, Landschaften, Cham 2008, S. 256
  7. Orsouw, Michael van, Cham – Menschen, Geschichten, Landschaften, Cham 2008, DVD, 24:35
  8. Stadlin, Judith / Orsouw, Michael van, Das Milchmädchen, die reine Jungfer – ideal für Verkaufszwecke, Typoskript für die Ausstellung Milchmädchen im Chamer Kunstkubus, Oktober 2014
  9. Zuger Presse, 20.01.2016
  10. www.nestle.de [Stand: 27.01.2021]
  11. Stadlin, Judith / Orsouw, Michael van, Das Milchmädchen, die reine Jungfer – ideal für Verkaufszwecke, Typoskript für die Ausstellung Milchmädchen im Chamer Kunstkubus, Oktober 2014