Zehnder Bernhard Jakob (1843–1895)

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Der aus Neuheim stammende Beat Jakob Zehnder wirkt 16 Jahre als Kaplan in Niederwil. Er unterrichtet in Niederwil und in der Kinderarbeitsanstalt in Hagendorn, wird kantonaler Erziehungsrat und Feldprediger in der Armee. 1887 wird er wegen Sittlichkeitsvergehen zu 18 Monaten Arbeitshaus verurteilt. Der Strafe entzieht er sich durch Flucht ins Ausland.

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Vorname: Bernhard Jakob
Nachname: Zehnder
Geschlecht: männlich
Geburtsdatum: 29. Oktober 1843
Geburtsort: Neuheim ZG
Todesdatum: 17. April 1895
Todesort: Kralup (Böhmen)
Beruf: Geistliche, Lehrer
Religion: römisch-katholisch




Stationen

1843 Bernhard Jakob Zehnder kommt am 29. Oktober im Hof Winzenbach bei Neuheim zur Welt. Seine Eltern sind Adelrich und Regina, geborene Röllin. Sein Vorname wird wahrscheinlich vom Taufpaten Bernhard Oswald Brandenberg (1813–1860), Professor an der Oberschule in Zug, übernommen. [1]

1870 Noch vor seiner Priesterweihe erhält Zehnder die Stelle als Kaplan in Niederwil. [2]

1871 Am 30. April ist ganz Neuheim auf den Beinen: Der 27-jährige Zehnder kann seine Primiz in der Pfarrkirche Maria Geburt feiern. Im Schulhaus am Dorfplatz wird das Festmahl gehalten: «Der junge Priester, dem das Fest galt, verspricht durch seine natürliche Befähigung und wissenschaftliche Bildung, sowie durch sein bescheidenes Auftreten in dem Wirkungskreise, für den er sich bestimmt hat, viel Gutes zu wirken.» [3] Anfang Mai zieht er in Niederwil im Kaplanenhaus als Kaplan und Dorflehrer ein. Er sollte der letzte Priester sein, der in Niederwil unterrichtet.

Kaplan Zehnder unterrichtet im Kaplanenhaus Niederwil, undatierte Fotografie (1. Hälfte 20. Jahrhundert)

1873 Neben dem Schuldienst in Niederwil erteilt Zehnder auch den Kindern und Jugendlichen der Kinderarbeitsanstalt Hagendorn Religionsunterricht. [4]

An der kantonalen Lehrerkonferenz auf dem Gubel referiert Kaplan Zehnder über die Einführung eines obligatorischen siebten Schuljahrs. Zehnder lehnt die Reform ab, «indem bei besserer Ausnutzung der jetzigen sechs Schuljahre die Leistungen wohl genügen müssten. Und wenn dennoch ein 7. Kurs ins Leben gerufen werden sollte, so sein die Unterrichtsgegenstände nicht zu vermehren, sondern die jetzt obligatorisch eingeführten gründlicher zu lehren und zu lernen.» [5] Die Konferenz ist uneinig, spricht sich aber letztlich knapp mit 13 und 11 Stimmen für die Einforderung eines siebten Schuljahres beim Zuger Erziehungsrat. Kaplan Zehnder wird in den Vorstand der Konferenz gewählt. [6] Er engagiert sich auf kantonaler Ebene in Bildungsfragen in der Primarschule. [7]

1880 Bernhard Jakob Zehnder wird in den Zuger Erziehungsrat gewählt. [8]

1882 Anna Helena Elisabetha Zehnder (1837–1882), die ältere Schwester und Köchin von Bernhard, stirbt am 12. Dezember. [9]

1883 Der Schweizerische Bundesrat besetzt die in 60 in 1874 verabschiedeten Militärorganisation für Feldprediger in den 45 Infanterieregimetern und 15 Feldlazaretten. [10] Kaplan Zehnder wird Feldprediger im Hauptmanngrad im Feldlazarett Nr. 4. [11]

1887 Als die Niederwiler am 24. April die Frühmesse besuchen wollen, «wollte sich trotz langem Warten kein Geistlicher einfinden ... Kaplan und Erziehungsrath Zehnder von Niederwil war verschwunden.» [12] Umgehend werden Mutmassungen und Gerüchte über Sittlichkeitsvergehen von Zehnder in Niederwil und Liebschaften mit einer «geistlichen Schwester» publiziert. Der Fall erregt in den liberalen Zeitungen im In- und Ausland Aufsehen. [13]

Eine Rechtfertigung auf der katholisch-konservativen Seite folgt umgehend: Ein Einsender in den konservativen Zuger Nachrichten will den Sachverhalt, «wie er uns von zuverlässiger Seite mitgetheilt wird, der Wahrheit gemäß offen mitzutheilen: Hr. Kaplan Zehnder hat sich seit längerem eines leichtfertigen Benehmens gegenüber Mädchen während der Schulzeit schuldig gemacht. Die Sache war sowohl dem Ortspfarrer [ Franz Michael Stadlin (1835–1908)] als dem bischöflichen Kommissar [Johann Baptist Hürlimann (1819–1893)] in Walchwil gänzlich unbekannt, da keinerlei Beschwerden angebracht wurden. Vor etwa 14 Tagen gelangte die Mittheilung dann an die Polizeidirektion, welche hievon dem bischöflichen Kommissar Anzeige machte. Derselbe wies den Hrn. Kaplan Zehnder an, nach Ordnung der nothwendigsten Angelegenheiten seine Entlassung zu nehmen. Das ist alles, was wir von dieser fatalen Geschichte in Erfahrung bringen. Von «schweren sittlichen Vergehen» und von irgend welchen ungehörigen Beziehungen zu einer «geistlichen Schwester» oder zu Insaßen «eines nahen Klosters» ist an kompetenter Stelle nichts bekannt. Wir wollen dieses unziemliche Benehmen des Hrn. Kaplan Zehnder keineswegs entschuldigen; aber protestiren müssen wir dagegen, daß man seine Schuld größer darzustellen sucht, als sie thatsächlich ist, und daß man ohne irgend welche Beweise dritte Personen und sogar ganze Genossenschaften in diese Affaire hineinziehen will.» [14]

Doch die Affäre zieht weitere Kreise. Zehnder wird zu 18 Monaten Arbeitshaus (Zwangsarbeit) verurteilt, aber er bleibt verschwunden und kehrt nie mehr nach Niederwil zurück. Als dann in der Stadt Zug ein einfacher Schreiner zu fünf Jahren Zuchthaus wegen Sittlichkeitsvergehen verurteilt wird, wettert ein anonymer Einsender im Zuger Volksblatt: «Wenn die Strafe gegenüber diesem Wüstlinge nicht zu hoch ist, so steht sie doch nicht im Einklange mit dem Urtheil des flüchtigen Vikars von Niederwil, der wegen Verführung seiner Schulkinder 18 Monate Arbeitshaus erhielt, die dieser, trotzdem er nicht weit von uns wohnen soll, nie absitzen wird. Jedermann sollte es klar sein, dass ein roher, ungebildeter Mensch Gnade und Mitleid verdienen muss, während ein gebildeter Geistlicher, Erziehungsrath, dem das Wohl seiner Kinder am Herzen liegen sollte, der trotz mehrfachen Verwarnungen seit mehreren Jahren im Sündenpfuhl sein Laster treibt, keine Gnade verdienen.» [15] In den Zuger Nachrichten wird dieser Vorwurf umgehend als «tendenziös», «ungerechtfertigt» und «unklug» bezeichnet. [16]

1888 (?) Zehnder zieht ins Ausland. Er lässt sich in Böhmen der Stadt Kralup [17] nieder. Er wird Spiritual in einem Pensionat. [18]

1895 In Kralup stirbt Bernhard Jakob Zehnder am 17. April. [19]


Einzelnachweise

  1. Iten, Albert, Tugium Sacrum. Der Weltklerus zugerischer Herkunft und Wirksamkeit bis 1952, Stans 1952, S. 171, 451
  2. Pfarrarchiv / Kirchgemeindearchiv Cham, A 1/500, Kaplaneipfrund Niederwil: Wahl von Kaplan Bernhard Jakob Zehnder, 21.11.1870
  3. Neue Zuger Zeitung, 03.05.1871
  4. Neue Zuger Zeitung, 26.03.1873
  5. Zuger Volksblatt, 31. Mai 1873
  6. Zuger Volksblatt, 31. Mai 1873
  7. Neue Zuger Zeitung, 22.04.1874. Neue Zuger Zeitung, 03.06.1876
  8. Iten, Albert, Tugium Sacrum. Der Weltklerus zugerischer Herkunft und Wirksamkeit bis 1952, Stans 1952, S. 171, 451
  9. Neue Zuger Zeitung, Band 77, Nummer 100, 16. Dezember 1882
  10. Kilian, Dieter E., Bibel-Kirche-Militär. Christentum und Soldatsein im Wandel der Zeit, Norderstedt 2018, S. 468
  11. Zuger Volksblatt, 03.02.1883
  12. Zuger Volksblatt, 27.04.1887
  13. Beispiel: «Das Luzerner Tagblatt meldet das Verschwinden des kantonalen Erziehungsrathes und Kaplans Zehnder in Niederwyl bei Cham, welcher sich sittlicher Vergehen schuldig gemacht haben soll.» Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 28.04.1887
  14. Zuger Nachrichten, 30.04.1887
  15. Zuger Volksblatt, 25.01.1888
  16. Zuger Nachrichten, 01.02.1888
  17. Kralupy nad Vltavou an der Moldau in Mittelböhmen oder Kralupy u Chomutova, ein durch den Bergbau zerstörtes Dorf in Nordböhmen
  18. Iten, Albert, Tugium Sacrum. Der Weltklerus zugerischer Herkunft und Wirksamkeit bis 1952, Stans 1952, S. 171, 451
  19. Iten, Albert, Tugium Sacrum. Der Weltklerus zugerischer Herkunft und Wirksamkeit bis 1952, Stans 1952, S. 171, 451