Von Schulthess-Page Monica (1907–1995)

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Monica von Schulthess-Page verbrachte ihr ganzes Leben im Schloss St. Andreas: Zuerst als Tochter des Besitzers, dann als Mitbesitzerin, zuerst mit ihrem Bruder, dann mit ihrem Mann. Sie hatte drei Kinder und führte den Schlossbetrieb. Aufgrund ihrer ausserordentlichen Bemühungen für das Schloss, für Cham und für Bhutan erhielt sie das Ehrenbürgerrecht von Cham.

Portrait von Von Schulthess-Page Monica (1907–1995)
Portrait von Monica von Schulthess-Page (1907–1995), undatierte Aufnahme

Vorname: Monica
Nachname: von Schulthess-Page
Geschlecht: weiblich
Geburtsdatum: 23. April 1907
Geburtsort: Cham ZG
Todesdatum: 20. März 1995
Todesort: Cham ZG



Gemälde der jungen Monica Page, undatiert
Mit den Skiern unterwegs
Monica Page heiratet am 17. April 1929 Fritz von Schulthess (1902–1991)
Das Brautpaar Fritz und Monica von Schulthess-Page
Die drei Kinder des Ehepaars von Schulthess: Lisina, Cornelia und Adrienne
Das Ehepaar pflegte enge Kontakte zum Königreich Bhuthan
Monica und Fritz von Schulthess-Page erhalten am 22. Juni 1982 das Chamer Ehrenbürgerrecht

Stationen

1907 Monica Theresa Adelheid Page kommt am 23. April als erstes Kind von Lisina (1877–1920) und Fred Harte Page-Martinelli (1877–1930) in Cham zur Welt. [1] Sie wächst in Cham auf Schloss St. Andreas auf. Ihre Grossmutter Adelheid Page-Schwerzmann (1853–1925) wohnt ebenfalls auf dem Schlossgelände im benachbarten Haus Maienrain. Ihr Grossvater George Ham Page war jahrzehntelang die treibende Kraft der Anglo-Swiss Condensed Milk Company; er verstarb 1899. [2]

1910 Monicas kleiner Bruder George Hugh kommt zur Welt. In der Familie wird er Tony genannt. [3]

1920 Ein Schock für die Familie Page: Monicas Mutter Lisina Page-Martinelli erkrankt an Brustkrebs. Ein berühmter Chirurg wird aus London hergeholt und wagt eine Notoperation. Doch es ist vergeblich: Lisina Page stirbt am 23. Oktober, sie ist erst 43 Jahre alt. [4] Monica ist dreizehn Jahre alt und nun «die Hausfrau im Schloss»: «Sie musste sich sehr bald sehr stark einsetzen.» [5] Immerhin wird sie von ihrer Grossmutter Adelheid Page-Schwerzmann tatkräftig unterstützt.

1926 Keinen Spass versteht Fred Page jungen Herren gegenüber, die hinter seiner Tochter Monica her sind. Er lässt Mehl in den Korridor verstreuen, um nächtliche Bewegungen feststellen zu können. [6]

1928 In der Esplanade Bar beim Opernhaus Zürich lernt Monica Fritz von Schulthess (1902–1991) kennen. Er entstammt der alten Zürcher Familie von Schulthess Rechberg. Die Zwei treffen sich anlässlich eines Wohltätigkeitsballs. Als Monica am 23. April ihren 21. Geburtstag mit einem grossen Fest auf Schloss St. Andreas feiert, ist Fritz auch eingeladen. Die Festrede hält Walter Steffen, der Bruder von Fritz’ Schwägerin. [7] Fritz nimmt in der Folge Monica mit auf eine Geschäftsreise nach Wien und Prag – als die beiden zurückkehren, gehen sie zu Monicas Vater Fred Page, um möglichst bald ihre Verlobung bekannt geben zu dürfen. [8]

1929 Am 17. April heiraten Monica Page und Fritz von Schulthess. Die zivile Trauung findet auf der Gemeindekanzlei Cham statt, die kirchliche im Grossmünster in Zürich und das grosse Fest auf Schloss St. Andreas. [9] Nach der Hochzeit und der Hochzeitsreise in Italien hat die Firma Bally Pläne mit dem aufstrebenden Angestellten Fritz von Schulthess-Page: Er soll in England als zweiter Sekretär des Chefs für die «Dolcis Shoe Stores» arbeiten. Monica und Fritz wandern nach England aus – allerdings nur für kurze Zeit. [10]

1930 Monicas Vater Fred Page stirbt, verhältnismässig jung, nämlich im Alter von knapp 53 Jahren. [11] Das junge Ehepaar Fritz und Monica von Schulthess-Page reist sofort von London nach Cham. Monica ist hochschwanger und bringt im Februar das erste Kind zur Welt: ihre Tochter Lisina Monica (1930–2019). Fritz und Monica von Schulthess-Page ziehen ins Schloss St. Andreas in Cham, das jetzt Monica und ihrem Bruder George gehört. Doch genügend Geld für den Unterhalt mit den zehn Hausangestellten ist nicht vorhanden, die Weltwirtschaftskrise hat von Schulthess’ Vermögen schmelzen lassen. [12] Der Testamentsvollstrecker drängt auf einen Verkauf von Schloss St. Andreas, dem sich die Erben Monica und George zusammen mit Fritz von Schulthess vehement widersetzen. Doch sie müssen fortan sparen und jede Ausgabe hinterfragen. [13] Um etwas flüssige Mittel zu genieren, verkaufen die Erben den Feriensitz Horbach auf dem Zugerberg. [14]

1933 Mit Adrienne Elisabeth kommt die zweite Tochter zu Welt. [15] Die Familie macht mit dem Schiff eine grosse Reise nach Brasilien, Argentinien, Chile, Peru und in die USA. [16]

1938 Am 1. April kommt die dritte Tochter, Monica Cornelia (1938–1963), zur Welt. Weil die Wehen sehr plötzlich einsetzen und Fritz noch in Cham ist, steuert Monica ihr Auto trotz Wehen selber in die Klinik Materna in Zürich. [17]

1940 Der Zweite Weltkrieg ist ausgebrochen: Nach der Kapitulation Frankreichs befürchtet man in der Schweiz eine Invasion Hitler-Deutschlands. Das bedeutet, dass Verwandte der von Schulthess-Page aus dem Mittelland auf das Schloss St. Andreas ziehen, um sich in Sicherheit zu bringen. Auch tragen Rotkreuzhelferinnen Verwundete ins Schloss, wo im noblen Schlosssalon eine Art Notlazarett errichtet wird. Zudem beanspruchen Offiziere das Atelierhaus und nutzen es als Clublokal. Schliesslich wird aus dem Schlosspark eine Landwirtschaftszone: Im Rahmen der Anbauschlacht machen auch die Angestellten und Bewohner von St. Andreas beim Anpflanzen von Gemüse mit und ernten während der Kriegsjahre insgesamt 59 Tonnen Kartoffeln und 35 Tonnen Heu. [18]

1942 Monica und Fritz übernehmen «zu einem mässigen Preis» das Schloss St. Andreas definitiv, sie zahlen Monicas Bruder George aus. [19] Aber bei der Aufteilung der alten Möbelstücke und Teppiche kommt es zu Tränen, weil George die besten Stücke abtransportiert. [20]

1948 Hoher Besuch weilt auf dem Schloss: Damalie Nakawombe Kisosonkole (1929–2010) ist befreundet mit Lisina von Schulthess und besucht St. Andreas. Sie wird später Königin im Königreich Buganda (heute eine teilweise unabhängige Provinz von Uganda). [21]

1949 Monicas Ehegatte Fritz von Schulthess wird Entwicklungsexperte für Bhutan, nachdem seine Tochter Lisina in London die zukünftige Königin Bhutans kennengelernt hat. [22] In der Folge kommen verschiedene Mitglieder des Könighauses von Bhutan als Gäste nach Cham. Die Familie von Schulthess besucht in den folgenden Jahren auch wiederholt das Land im Himalaya. [23]

1953 Monica und Fritz von Schulthess schenken dem Kanton Zug die wertvollen Kunstwerke «Zaubergarten» und «Madonna mit Kind» des Zuger Malers Johann Michael Bossard (1874–1950). [24]

1957 Der weltbekannte Geiger Yehudi Menuhin (1916–1999) tritt im Schloss mit dem Kammerorchester Zürich auf; es ist ein Benefizanlass zugunsten von gefährdeten Flüchtlingskindern. Rund 550 Gäste hören zu. [25]

1961 Die amerikanische Filmgesellschaft «Twentieth Century Fox» dreht einen Teil des Films «Tender is the night» auf dem Schlossgelände in Cham; die Hauptrollen spielen Jennifer Jones (1919–2009, Oscar- und Gold Globe-Preisträgerin) und Jason Robards (1922–2000, zweifacher Oscar-Preisträger). Monica von Schulthess verhandelt lange mit der Filmgesellschaft und erreicht, dass diese für die Filmerlaubnis eine grosse Summe einer wohltätigen Institution spenden muss. [26]

1963 Tochter Monica Cornelia Bezolla-von Schulthess stirbt nach schwerer Krankheit im Alter von 25 Jahren. [27]

1964 Der König von Bhutan, Jigme Dorje Wangchuck (1929–1972), weilt mit seiner Frau Ashi Kesang Choden (*1930) in Cham. Als Gäste von Monica und Fritz von Schulthess-Page leben die blaublütigen Gäste während vier Monaten auf Schloss St. Andreas von wo sie, wie der König an einer Pressekonferenz in Zürich betonte, «nur die besten und allerschönsten Erinnerungen mit nach Hause» nähmen. [28] Am 8. April muss sich das Königspaar in Eile verabschieden, weil in der Heimat der Ministerpräsident von Offizieren und Beamten ermordet worden war. [29]

1969 Weil Monica und Fritz von Schulthess seit 25 Jahren auf dem Schloss St. Andreas wohnen, wollten sie 1955 der Gemeinde Cham «ein würdiges Geschenk» machen. Doch es dauert zehn Jahre, bis der Gemeinderat eine umsetzbare Idee mitteilt: ein neuer Brunnen für den Kirchenplatz in Cham. Der Bildhauer Franco Annoni (1924–1992) liefert ihn, aber die Zuleitung und die Umgebungsarbeiten brauchen Zeit. 1969 wird er schliesslich feierlich eingeweiht. [30]

1973 Das religiöse Oberhaupt des von den Chinesen besetzten Tibet, der Dalai-Lama Tenzin Gyatso (*1935), besucht auf seiner ersten Europareise im September und Oktober auch die Schweiz. In Genf trifft er UN-Flüchtlingskommissar Prinz Sadruddin Aga Khan (1933–2003), in Cham weilt der Dalai Lama im Schloss St. Andreas. [31]

1982 Monica von Schulthess ist 75 Jahre alt, Fritz 80. Aus Anlass dieser runden Geburtstage verleiht ihnen die Bürgergemeinde Cham am 22. Juni das Ehrenbürgerrecht, wobei sich Fritz von Schulthess gegen «eine zu überschwengliche Ehrung» wehrt. Die Auszeichnung sei «nicht nur als Dank für lokales, sondern auch als Anerkennung für nationales und internationalen Wirken im humanitären Bereich zu verstehen». [32] Fritz von Schulthess selber meint später: «Dies geschah in erster Linie in Anerkennung unserer Bemühungen um die Pflege und Erhaltung von Schloss und Anlagen St. Andreas und auch für den sorgfältigen Unterhalte der Strasse zur Kapelle.» [33]

1991 Fritz von Schulthess Rechberg-Page stirbt am 7. Juli im Alter von 89 Jahren. [34]

1995 Monica von Schulthess-Page stirbt am 20. März in Cham im Alter von 88 Jahren. [35]


Anekdote

1981 besucht der junge Chamer Journalist Thomas Gretener (*1957) im Auftrag des «Zuger Tagblatts» das Schloss St. Andreas: «Mit Herzklopfen bat der damals blutjunge Reporter um Einlass an der Pforte. Staunend ging es aufwärts durch die geschmackvoll eingerichteten Herrschaftszimmer in ein salonähnliches Gemach, wo mich Fritz von Schulthess mit warmer Freundlichkeit empfing. (...) Dann kam sie, die Schlossherrin persönlich, fragt nach meinem Befinden und vor allem, ob ich einen Kaffee wünschte. Nach gut zehn Minuten kam Monica von Schulthess-Page mit Silbertablett, Porzellangedeck, einem Krug kochendem Wasser – und einem Glas Nescafé zurück. Und da wurde mir klar: Frau von Schulthess ist eine Page, die als wahrscheinlich letzte ihrer Familie noch eine tiefe Verbundenheit hatte mit der Firma ihres Grossvaters George Ham Page, der Anglo-Swiss Condensed Milk Co., aus der später die Nestlé hervorging. Sie richtete den Kaffee an und zog sich zurück.» [36]


Würdigung

Monica von Schulthess-Page war eine echte «Grande Dame» und mit ihren Umgangsformen eine würdige Schlossherrin. Sie verbrachte ihr ganzes Leben auf Schloss St. Andreas und führte eigenständig den Schlossbetrieb mit den bis zu zehn Angestellten in Haus und Garten.


Einzelnachweise

  1. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 18
  2. Orsouw, Michael van / Stadlin, Judith / Imboden, Monika, Adelheid, Frau ohne Grenzen, das reiche Leben der Adelheid Page-Schwerzmann, Zürich 2003, S. 160
  3. Orsouw, Michael van / Stadlin, Judith / Imboden, Monika, Adelheid, Frau ohne Grenzen, das reiche Leben der Adelheid Page-Schwerzmann, Zürich 2003, S. 198
  4. Orsouw, Michael van / Stadlin, Judith / Imboden, Monika, Adelheid, Frau ohne Grenzen, das reiche Leben der Adelheid Page-Schwerzmann, Zürich 2003, S. 190
  5. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 75
  6. Steiner, Hermann et al., Vom Städtli zur Stadt Cham. Geschichte und Geschichten einer Zuger Gemeinde, Cham 1995, S. 260
  7. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 17
  8. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 19
  9. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 19
  10. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 22
  11. Orsouw, Michael van / Stadlin, Judith / Imboden, Monika, Adelheid, Frau ohne Grenzen, das reiche Leben der Adelheid Page-Schwerzmann, Zürich 2003, S. 190
  12. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 31
  13. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 80
  14. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 81
  15. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 38
  16. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 39
  17. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 42
  18. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 91, 96
  19. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Lehrjahre in Amerika, Heirat und Niederlassung in Cham, Cham 1980, S. 25
  20. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 89
  21. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 113
  22. Deutsche Bhutan Himalaya Gesellschaft, Chronik einer erfolgreichen Entwicklung, 1995, S. 8
  23. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Bhutan, Cham o. D.
  24. Zuger Woche, 27.03.2013
  25. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 117
  26. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 122
  27. Die Tat, 04.06.1963
  28. Zuger Kalender, Chronik 08.04.1964
  29. Zuger Volksblatt, 10.04.1964
  30. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 129–131
  31. Zuger Neujahrsblatt, Chronik 06.10.1973
  32. Zuger Tagblatt, 24.06.1982
  33. Schulthess, Fritz von, Erinnerungen: Schloss St. Andreas, Cham 1986, S. 146
  34. Deutsche Bhutan Himalaya Gesellschaft, Chronik einer erfolgreichen Entwicklung, 1995, S. 8
  35. Zuger Nachrichten, 24.03.1995
  36. Zuger Nachrichten, 24.03.1995