Pavatex

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Fein säuberlich aufgereiht: Holz für die Schleiferei, 1942
Holzarbeiter, 1942
Neubau der Pavatex an der Knonauerstrasse, 1965
Hackschnitzel, 2010
Plattenproduktion, 2010
Plattenproduktion
Detail aus der Produktion – Befinden der Arbeiter am Montag und am Freitag …

Während 87 Jahren stellt die Firma Pavatex in Cham aus Holzfasern Dämmmaterialien für den Bau her – die sogenannten Pavatexplatten sind zeitweilig sehr beliebt, zum Beispiel an der «Landi 1939». Nach einigen Handänderungen wird die Fabrikation an der Knonauerstrasse im Jahr 2019 geschlossen.


Chronologie

1932 Bei der Herstellung des Holzschliffs fallen in der Papierfabrik Cham viele Abfälle an. Weil zu Beginn der 1930er Jahre die Auswirkungen der grossen Weltwirtschaftskrise auch in der Schweiz spürbar sind, beginnt die «Papieri» mit der Nutzung ihrer Holzabfälle, indem sie daraus Holzplatten formt. Die erste solcher Platten entsteht am 17. November 1932. Sie bekommt den Namen Pavatex. [1]

1933 Die Papierfabrik erkennt das Marktpotential der neu erfundenen, damals noch porösen Faserplatten. Die Direktion beschliesst zu investieren und kauft eine Hartplattenpresse für die Fabrikation. In der Folge stellt die «Papieri» Hart-, Halbhart- und Extrahartplatten her. Eine Erfolgsgeschichte nimmt ihren Anfang. In diesem Jahr produziert die Papierfabrik Pavatexplatten im Umfang von 34'000 m2. [2]

1936 Die Papierfabrik verselbständigt den Geschäftsbereich der Faserplattenproduktion. Die Pavatex AG bekommt eine eigene juristische Form, bleibt aber zu 100 Prozent eine Tochterfirma der Papierfabrik Cham AG. Die Produktion steigt von Jahr zu Jahr. [3] Die Holzresten – Schnitzel und Schwartenbretter – werden zerfasert. Ab diesem Jahr setzt dazu die Pavatex einen Defibrator ein, dessen Mahlmesser die Zerfaserung rationell ermöglichen.

1939
 An der Schweizerischen Landesausstellung in Zürich ist die Pavatexplatte aus Cham der heimliche Star. Nicht weniger als eine Fläche von 60'000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist mit den Pavatexplatten ausgekleidet. Weil die Platten rauh, glatt oder geschliffen eingesetzt werden können, sind sie ideale Ausstellungsträger und heimsen viel Lob bei Architekten, Dekorateuren und Standbauern ein. Die Jahresproduktion beträgt 1939 rund 348'000 m2. Damit hat sich der Absatz bereits seit dem Start mehr als verzehnfacht. [4]

1939–1945 Obwohl im Zweiten Weltkrieg die Bautätigkeit praktisch zum Erliegen kommt, verdreifachen sich die Absatzzahlen nochmals innert dreier Jahre. Der Absatz beträgt jetzt 910'000 m2. Die Firma wirbt mit folgendem Reim: «Willst im Sommer du nicht schwitzen und zur Winterzeit nicht frieren, lass mit Pavatex die Stube, Fach und Schlafraum isolieren.» [5]

1944 Am 8. April erlebt die Pavatex einen Rückschlag: Die Fabrik brennt lichterloh. Doch bereits nach vier Wochen nach dem Brand ist die Fabrik mit einem provisorischen Dach aber wieder in Betrieb. [6]

1946 Nach dem Zweiten Weltkrieg kommt ein weiterer Betrieb hinzu, die Pavafibres SA in Fribourg, für die Produktion von Weichfaserplatten. Diese weicheren Platten dienen ebenfalls zur Isolation, aber zudem auch als Akustikplatten. [7]

1964 Die Pavatex AG investiert weiter: Sie kauft eine moderne Fabrikationsanlage für das Werk in Cham. [8] Zudem erstellt sie an der Knonauerstrasse einen Neubau, der im kommenden Jahr vollendet wird. [9]

1968 Neuerdings stellt die Pavatex AG auch Platten aus Mineralfasern her; dadurch kann sie ihr Sortiment sinnvoll erweitern. Sie bietet jetzt auch Pavaroc an, den unbrennbaren Mineralfaser-Baustoff, und Pavafloor, einen Unterlagsboden. [10]

1969 Die Holzfirmengruppe HIAG erwirbt von der Papierfabrik Cham 50 Prozent der Aktien an der Pavatex AG und Pavafibres SA. [11]

1977 Als die Papierfabriken Cham-Tenero ihren Betrieb restrukturieren, verkaufen sie verschiedene Tochterfirmen, darunter auch die Pavatex AG. Der Verwaltungsrat der Papierfabrik sieht sich zu diesem Schritt gezwungen, «da mindestens kurz- und mittelfristig auf dem Bausektor in der Schweiz keine interessanten Entwicklungsmöglichkeiten gesehen werden.» Auch die anderen 50 Prozent der Pavatex-Aktien gehen an die HIAG. [12] Die Papierfabrik Cham und die Pavatex sind jetzt nur noch Nachbarn auf dem gleichen Industrieareal – und betreiben eine gemeinsame Feuerwehr. [13]

1993 Das Institut für Baubiologie und Ökologie hat die Pavatexplatten eingehend untersucht: Weil sie kein Formaldehyd enthalten und weil kein schädigender Einfluss auf das Zellwachstum bestehe, seien die Platten «baubiologisch wertvoll» und «gesundheitlich undenklich». [14]

2006 Die Pavatex lanciert die neuen Produkte Pavaclay, eine Trockenbauplatte aus Holzfasern und Lehm, sowie Pavadentro, eine Holzfaserdämmplatte mit mineralischer Funktionsschicht für Isolationen im Innern. [15]

2007 Die Pavatex ist im Besitz der Chemolio Holding der Zürcher Familie Wenger und des Pavatex-CEOs Martin Brettenthaler. [16] Mit ihren vielfältig einsetzbaren Bauplatten ist die Pavatex gut positioniert: Ihre Produkte bieten Schutz vor Kälte, Hitze und Lärm, finden Einsatz in den Bereichen Dach, Wand, Fassade und Boden – und sind angesichts des immer wichtiger werdenden Themas Energiesparen bestens verwendbar. 
[17]

2008 Als erste Firma des Kantons Zug wird die Pavatex AG in die «WWF Climate Group» aufgenommen, weil sie ökologisch produziert. Dazu hat sie einen neuen Heizkessel installiert, der mit Biomasse gespeist wird. [18]

2011 Weil der Schweizer Franken so stark ist, stockt der Geschäftsgang bei der Pavatex AG in Cham. Die Firma muss zehn Stellen streichen, zudem verzichtet das Kader auf 10 Prozent seines Lohns. [19]

2016 Die französische Firmengruppe Soprema mit Sitz in Strassburg übernimmt die Pavatex AG. Die Soprema ist eine weltweit tätige Spezialistin für Abdichtung und Wärmedämmung von Gebäuden. [20]

2019 Die Soprema beschliesst, die Fabrikation der Pavatex in Cham im ersten Quartal 2019 zu schliessen. 50 Angestellte verlieren ihre Stelle. [21] Damit gehen 87 Jahre Chamer Industriegeschichte zu Ende.


Der Name

Weil die Papierfabrik Cham zu Beginn die Platten auch für die Verpackung von Papierrollen einsetzt, steht der Namensbestandteil «Pava» für Papierverpackung. Der Name stammt aus der Erfinderzeit von 1932 und ist damit älter als die Firma von 1936.


Das Verfahren

Die Holzresten wie Schnitzel und Schwartenbretter werden unter Einwirkung von heissem Dampf zerfasert. Die Pavatex setzt dazu ab 1936 einen Defibrator ein, dessen Mahlmesser die Zerfaserung rationell ermöglichen. Anschliessend kommt der Faserbrei in die Plattenformmaschine und wird unter Druck und mit grosser Kraft gepresst. Die Beigabe von synthetischem Leim ist nicht nötig. Denn das holzeigene Harz, das Lignin, wirkt als natürliches Bindemittel. Zuletzt erfolgt die Trocknung der Platten mittels Warmluft. [22]


Fotogalerie

Der Neubau von 1965

Beilage der Schweizer Bauzeitung vom 1. Juli 1965 zum Neubau der Pavatex AG


Besuch der FDP Cham bei der Pavatex, 1980


Einzelnachweise

  1. Orsouw, Michael van, Der Zellstoff, auf dem die Träume sind. 350 Jahre «Papieri» Cham, Cham 2007, S. 78
  2. Orsouw, Michael van, Der Zellstoff, auf dem die Träume sind. 350 Jahre «Papieri» Cham, Cham 2007, S. 78
  3. Orsouw, Michael van, Der Zellstoff, auf dem die Träume sind. 350 Jahre «Papieri» Cham, Cham 2007, S. 78
  4. Die Abteilung «Unser Holz» der Schweizerischen Landesausstellung Zürich 1939, in: Schweizerische Zeitschrift für Forstwesen 90, 1939
  5. Die Tat, 03.08.1950
  6. Die Tat, 14.04.1944
  7. Pavatex, Firmengeschichte, Factsheet, 2010
  8. Zuger Nachrichten, 17.02.1995
  9. Schweizerische Bauzeitung, Heft 26, Band 83, 1965, S. 457–460
  10. Pava-Flash, Oktober 1984, S. 10
  11. Pava-Flash, März 1983, S. 4
  12. Orsouw, Michael van, Der Zellstoff, auf dem die Träume sind. 350 Jahre «Papieri» Cham, Cham 2007, S. 78
  13. Hauszeitung Papierfabriken Cham-Tenero 2, 1977, S. 3
  14. Zuger Nachrichten, 31.03.1993
  15. Pavatex, Firmengeschichte, Factsheet, 2010
  16. Pavatex, Firmengeschichte, Factsheet, 2010
  17. Schweizer Bauer, 22.08.2007
  18. Neue Zuger Zeitung, 13.08.2008
  19. 20 Minuten, 07.09.2011
  20. Pavatex, Firmengeschichte [Stand: 18.01.2019]
  21. Zuger Zeitung, 08.01.2019
  22. Gruber, Eugen et al., Geschichte von Cham, Bd. 2, Cham 1962, S. 136