Gartenstrasse 2–24, Riegelhäuser

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Blick von der Schluecht auf die fast vollendendeten Häuser der Gartenstrasse, undatiert (ca. 1924)
Die Ständerkonstruktion ist beendet, undatiert (ca. 1923)
Postkarte mit Haus Gartenstrasse, 29.09.1925
Die Gartenstrasse, undatiert (zwischen 1980 und 1990)
Ansicht aus dem Jahr 1991
Das Löbernquartier 1991: Im Vordergrund entsteht die Neubausiedlung Löbern auf dem ehemaligen Landwirtschaftsbetrieb der Familie Boog. Dahinter die sechs Riegelhäuser der Gartenstrasse
Aussenrenovation am Haus Gartenstrasse 10/12, 1992
Walter Scheuber legt selber Hand an, als sein Haus an der Gartenstrasse 10 renoviert wird, undatiert (ca. 1990)
Die Wohnhäuser der Gartenstrasse prägen das Löbernquartier, 12.07.2015
Das Haus Gartenstrasse 2/4, 13.09.2019

Die sechs Riegelhäuser an der Gartenstrasse wurden für die Werkmeister der Papierfabrik erbaut. Sie sind das bau- und sozialgeschichtlich wichtigste erhaltene Zeugnis für die vielen Bauten, welche die Papierfabrik für ihre Mitarbeiter errichten liess. [1]


Chronologie

1923/1924 Der Chamer Baumeister Wilhelm Hauser (1874–1943) – «Hofarchitekt» der Papieri – baut im Auftrag der Papierfabrik sechs Doppeleinfamilienhäuser für die Werkmeister in der zuvor nicht überbauten Löbern. [2] Jedes Haus bietet Platz für zwei Familien. Die Häuser sind in der Mitte geteilt. Die Wohnungen haben ein überirdisches gemauertes Sockelgeschoss mit Lagerräumen, Heizraum und Waschküche und drei Etagen in Fachwerkbauweise. Als die Häuser im Rohbau fertiggestellt sind, bemerken die Bauleute, dass die Toiletten bei der Planung vergessen wurden. Deshalb werden auf der nordöstlichen Rückseite Laubenanbauten aus Holz errichtet und dort die Toiletten eingebaut. Für die Mieter entstand dadurch zusätzlicher Raum. [3]

nach 1972 Nach der wirtschaftlichen Krise der Papierfabrik wird die Firma unter dem Dach der Industrieholding Cham AG neu organisiert. Die Immobilien werden als eigener Geschäftsbereich in die Hammer AG, seit 2009 Hammer-Retex AG, ausgegliedert. [4] Die Mietzinsen werden angehoben. Man orientiert sich an den ortsüblichen Mietpreisen und verlangt etwa 70 Prozent des Mietzinses einer vergleichbaren Wohnung in Cham. Der Mietzins beträgt nun ca. 270 Franken im Monat, zuvor betrug er etwa 190 Franken pro Monat. [5]

1970er Jahre Es gibt Pläne, die Häuser abzureissen. Die Riegelhäuser sollen einer Überbauung weichen. Die Rendite könnte so markant erhöht werden. Ein Architekturbüro wird mit der Planung beauftragt. Da aber kurz zuvor in eine gemeinsame Heizzentrale investiert wurde und weil sich die kantonale Denkmalpflege einschaltet, zerschlagen sich diese Pläne. [6]

1988 Die Hammer AG entschliesst sich, die Häuser an der Gartenstrasse zu verkaufen. Die Mieter erhalten ein Vorkaufsrecht. Viele der langjährigen Mieter erwerben den Hausteil, in dem sie zuvor schon viele Jahre gelebt haben. [7]

Die Gartenstrasse ist eine Privatstrasse und noch nicht asphaltiert. Die Hausbesitzer sind Eigentümer einzelner Strassenabschnitte. In Absprache mit der Gemeinde wird die Gartenstrasse zur Gemeindestrasse und sie wird asphaltiert. [8]

Die Häuser sind in einem relativ schlechten Zustand. Lange Jahre wurde nichts erneuert. Die Gebäudehüllen sind, wenn überhaupt, nur sehr notdürftig gedichtet worden, indem man Pavatexplättchen oder Zeitungen in Ritzen schob. Viele Besitzer der Gebäude sind aber handwerklich begabt und renovieren ihre Häuser innen soweit wie möglich selbst. [9]

1990/1991 Einige Besitzer der Riegelhäuser planen die Aussenrenovation ihrer Häuser in enger Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege. Da die Häuser in der Mitte geteilt sind, gibt es pro Haus zwei Besitzer. Diese müssen sich über eine Renovation einigen. Die Häuser an der Gartenstrasse werden auf den ursprünglichen Zustand zurückgeführt: rotes Riegelwerk, helle Ausfachungen, grüne Fensterläden, grauer Sockel, weisse Fenster. [10] Die Häuser samt der Gärten werden unter Schutz gestellt. Es dürfen keine Garagen oder Anbauten erstellt werden. Zugelassen sind Abstellplätze für Autos und kleine Gartenhäuschen aus Holz. Zur Strasse hin bleiben die Grundstücke mit hölzernen Staketenzäunen abgegrenzt.

2018 Die Aussenrennovation des letzten Hauses wird abgeschlossen.


Daten zur Aussenrenovation der einzelnen Häuser [11]

  • Gartenstrasse 2 und 4: 2018
  • Gartenstrasse 6 und 8: 1998
  • Gartenstrasse 10 und 12: 1992
  • Gartenstrasse 14 und 16: 2007
  • Gartenstrasse 18 und 20: 2012
  • Gartenstrasse 22 und 24: 1990/1991


Kunsthistorische Bedeutung

«Von den zahlreichen Arbeiterwohnungen unterschiedlichen Typs, die die Papierfabrik Cham für ihre Arbeiter und Angestellten erstellen liess, stellt die Hausreihe an der Gartenstrasse das intakteste Ensemble dar. Das im First geteilte Doppeleinfamilienhaus ist in der Typologie des Arbeiterwohnungsbaus in Cham einzigartig. Es kommt den Bauten darum ein hoher kultur- und heimatgeschichtlicher Wert zu. Die zeittypische Aufdopplung des Fachwerks ist als Element des Heimatstils üblich. Die Lage in der Nähe der Papierfabrik und die giebelständig zur Strasse angeordnete Aufreihung geben den Häusern auch architekturhistorisch und städtebaulich sehr hohe Bedeutung. Die offen strukturierten Gärten mit einfachen Holzstaketenzäunen sind weitgehend erhalten.» [12]


Sozialgeschichtliche Bedeutung

Die Grundstücke sind grosszügig bemessen und haben einen grossen Garten. Die Familien sollten die Möglichkeit haben, sich aus ihren Gärten weitgehend selbst mit Gemüse, Beeren und Obst zu versorgen. Die Häuser an der Gartenstrasse zeigen sehr authentisch, wie das Leben eines in der Produktion tätigen Mitarbeiters der Papierfabrik aussah. Er verdiente den Lebensunterhalt für sich und seine Familie durch die Arbeit in der Fabrik.

Daneben waren die Familien soweit wie möglich Selbstversorger. Man pflanzte Gemüse, erntete Beeren und das eigene Obst. Einige Mieter an der Gartenstrasse hielten bis vor wenigen Jahrzehnten Hühner oder Kaninchen. Bei Beginn der Renovationsarbeiten stiess man im nordöstlichen Laubenanbau eines Hauses auf einen Schweinetrog. An der Gartenstrasse wurden also auch Schweine gehalten, [13] vielleicht auch andere kleinere Nutztiere wie Ziegen oder Schafe.

Die Familien wohnten meist über viele Jahre in den Häusern an der Gartenstrasse. Es gab selten Mieterwechsel. [14] Die Häuser an der Gartenstrasse waren unter den Mitarbeitenden der Papierfabrik sehr begehrt, vor allem für Familien mit mehreren Kindern. Oft mussten Interessenten mehrere Anläufe unternehmen, um eine Wohnung zu ergattern. Einmal kam es so weit, dass das Werfen einer Münze letztlich darüber entschied, wer den Hausteil beziehen durfte. [15]


Dokumente

Pläne von Wilhelm Hauser (1874–1943)


Aktueller Kartenausschnitt

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Einzelnachweise

  1. Die Reihenhäuser an der Mööslimattstrasse weichen 2007 einer Überbauung.
  2. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 120
  3. Freundliche Mitteilung von Walter und Mathilde Scheuber, Cham, 16.09.2019
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Cham_Paper_Group_Holding [Stand: 14.09.2019]
  5. Freundliche Mitteilung von Walter und Mathilde Scheuber, Cham, 16.09.2019
  6. Freundliche Mitteilung von Walter und Mathilde Scheuber, Cham, 16.09.2019
  7. Freundliche Mitteilung von Walter und Mathilde Scheuber, Cham, 16.09.2019
  8. Freundliche Mitteilung von Walter und Mathilde Scheuber, Cham, 16.09.2019
  9. Freundliche Mitteilung von Walter und Mathilde Scheuber, Cham, 16.09.2019
  10. Höfliger, Erwin, Gartenstrasse 22/24, Doppelwohnhaus, in: Tugium 7, 1991, S. 26. Höfliger, Erwin, Gartenstrasse, Arbeitersiedlung, in: Tugium 9, 1993, S. 17
  11. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Inventar der schützenswerten Denkmäler des Kantons Zug [Stand: 14.01.2019]
  12. Amt für Denkmalpflege und Archäologie, Inventar der schützenswerten Denkmäler des Kantons Zug [Stand: 14.01.2019]
  13. Freundliche Mitteilung von Walter und Mathilde Scheuber, Cham, 16.09.2019
  14. Erinnerung von Thomas Fähndrich, Cham, 06.02.2020
  15. Freundliche Mitteilung von Walter und Mathilde Scheuber, Cham, 16.09.2019