Papieriplatz 2, Portierhaus

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Das Aussehen des Portierhauses nach seiner Erstellung: mit der Säulenhalle, aber noch ohne grosse Portierfenster
Das Portierhaus, wie es die Papierfabrikarbeiter täglich zu Gesicht bekamen, 07.06.2013
Der Blick des Portiers: Dank der Fensterfront von 1968 hatte er den Überblick, 2016
Portierloge, vor dem Umbau, 22.02.2016
Portierhaus, Ansicht Ost, 05.10.2022
Alt und Neu auf dem Papieriaeral
Portierhaus, Säulengang, 05.10.2022
Portierhaus, Ansicht West, 05.10.2022

Eine zentrale Funktion auf dem Fabrikgelände hatte das Portierhaus mit seiner typischen, säulengestützten Vorhalle. Hier kontrollierten die Portiers, wer die Papierfabrik betrat oder sie verliess.


Chronologie

1912 Ein kleines Häuschen im südwestlichen Bereich des Fabrikgeländes wird erbaut. Die erste Nutzung ist nicht überliefert. [1]

1919 Die Kleinliegenschaft wird zu einem Portierhaus umgenutzt und baulich umgestaltet (Ass-Nr. 30d). [2] Damit wird das Chamer Baugeschäft von Wilhelm Hauser (1874–1943) beauftragt. Die Bauweise ist massiv, gestalterisch kommt es mit Heimatstilelementen daher, so etwa über der Eingangstüre gegen Osten. Typisch für seine Funktion als Portierhaus ist die Vorhalle mit den Rundbögen und den vier Säulen. [3] Dort können die Portiers auch bei Regen, Wind und Wetter kontrollieren, wer auf das Fabrikgelände will und wer es verlässt. Dass 1919 die Portiers eine eigene Liegenschaft erhalten, ist kein Zufall, sondern hängt mit den Anpassungen der Arbeitszeiten zusammen: Ab jetzt arbeiten die Papieri-Angestellten nämlich nur noch 48 Stunden pro Woche. Das bedingt eine genaue Erfassung der Arbeitszeiten, was mittels den Stempeluhren geschieht, die beim Portierhaus angebracht sind. [4]

1937 Der Portieralltag wird wie folgt beschreiben: Die erste Schicht beginnt zwischen 03.30 und 03.45 Uhr. Zwischen 06.00 und 06.30 Uhr kommen die Tagarbeiter. Jeder stempelt sich ein. Um 07.00 Uhr öffnet das Hauptbureau. Der Portier füllt die Absenzenliste aus. Um 12.00 Uhr entsteht ein grosses Gedränge wegen der Mittagspause, die alle gleichzeitig antreten. Um 16.45 Uhr entsteht wieder ein grosses Gedränge, weil die Arbeiterinnen und Arbeiter den Feierabend antreten wollen. [5]

1943 Vor dem Portierhaus wird die Schachtabdeckung erneuert. Betraut damit ist das Ingenieurbüro Simmen und Keller. [6]

1962 Die Papierfabrik gestaltet die Portierloge um und baut Sanitäranlagen ein. [7] Es ist das fabrikeigene Baubüro, welches sich um den Umbau kümmert. [8] Es wird eine vollautomatische Waschmaschine installiert. [9]

1966/1968 Die Papierfabrik baut die Portierloge nochmals um; die zwar praktischen, aber nicht sehr schönen Verglasungen stammen von diesen Umbauten. [10] Weil die Funktion des Portiers aufgrund gleitender Arbeitszeiten an Bedeutung verliert, wird das Häuschen zunehmend zur Feuerwehrzentrale. Schon immer waren die Portiers auch für die Brandalarme zuständig gewesen; jetzt wird die automatische Brandmeldeanlage ebenfalls im Portierhaus untergebracht.

1969 Das Portierhaus wird um vier Kasten ergänzt, die für Stempelkarten gedacht sind. Insgesamt finden 700 bis 720 Stempelkarten darin Platz. [11]

2021 Das Architekturbüro huggenbergerfries aus Zürich bekommt von der Besitzerin Cham Immobilien AG den Auftrag, das Portierhaus grundlegend zu sanieren. Projektleiter sind Adrian Berger und Jonas Hasler. Weil das Portierhaus schon früher ein Begegnungsort auf dem Fabrikgelände war, soll nach dem Umbau das Gebäude als Veranstaltungsort zur Verfügung stehen. [12]

2022 Der Umbau ist fertig, und das Portierhaus erstrahlt in neuem Glanz. Das ganze Portierhaus wird ertüchtigt und technisch den Anforderungen der Zeit angepasst, mit moderner Dämmung, neuen Bodenbelägen, zeitgemässer Küche und Lüftung. Im Erdgeschoss und Garten können inskünftig Anlässe der Papieri-Bewohnerschaft stattfinden, im ersten Obergeschoss sind Büroräumlichkeiten geplant. [13] Das Portierhaus steht unter Denkmalschutz. [14]


Weitere Aufgaben

Die Portiers hatten viele Aufgaben zu bewältigen und waren rund um die Uhr vor Ort. Sie waren zum Beispiel zuständig für die Einhaltung der Schichtpläne. Tauchte ein Arbeiter nicht auf, mussten sie einen Ersatz aufbieten. Die Portiers nahmen auch Krankheits- und Unfallmeldungen auf, kontrollierten die Stempelkarten, bestückten die Informationsbretter, fungierten als Brandmeldezentrale, reservierten die Firmenfahrzeuge und händigten die Schlüssel an Berechtigte aus. Bekannte Portiers waren Ernst Meier (im Einsatz von 1958 bis 1994) und Josef Bättig (von 1976 bis 1986). [15]


Kunsthistorische Würdigung

Das Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug schreibt über das Portierhaus: «Das im historistischen Stil gehaltene Portierhaus der Papierfabrik Cham entstand zur Zeit der grossen Produktionssteigerung. Als zeichenhaftes Gebäude mit dem arkadenartigen Portikus bildete es den Werkszugang, flankiert von den inzwischen abgebrochenen Arbeiterreihenhäusern und dem Direktorenhaus. Zusammen mit dem Kesselhaus markiert es heute noch den Arealeingang, durch den die Arbeiterinnen und Arbeiter einst zur Fabrik gelangten. Daher kommt dem Portierhaus sowohl sozial- und wirtschaftshistorische wie auch architekturgeschichtliche Bedeutung zu. Aussen präsentiert sich das Portiergebäude in einem sehr gepflegten Zustand, beeinträchtigt durch den Umbau der Portierloge mit der grossflächigen Verglasungen.» [16]


Baudokumentation

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Pläne

Pläne von 1919

Plan von 1968

Schema Stempelkartenkasten


Einzelnachweise

  1. Orsouw, Michael van, Der Zellstoff, auf dem die Träume sind. 350 Jahre Papieri Cham, Cham 2006, S. 75
  2. Staatsarchiv Zug, G 617.6.2, Assekuranzregister Cham, 2. Generation (1868–1929), 1. Band
  3. Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Datenblatt Portierhaus (Ass.-Nr. 30g) [Stand: 03.03.2022]
  4. Vgl. Anmerkung 1 (van Orsouw), S. 75
  5. Vgl. Anmerkung 1 (van Orsouw), S. 75
  6. Archiv Papierfabrik, Cham Group, Plan vom 29.09.1943
  7. Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Datenblatt Portierhaus (Ass.-Nr. 30g) [Stand: 03.03.2022]
  8. Archiv Papierfabrik, Cham Group, Plan vom 20.03.1962
  9. Vgl. Anmerkung 1 (van Orsouw), S. 95
  10. Archiv Papierfabrik, Cham Group, Plan vom 19.08.1966, Plan vom 16.12.1968. Das Amt für Denkmalpflege datiert diese Umbauten irrtümlicherweise auf das Jahr 1969. Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Datenblatt Portierhaus (Ass.-Nr. 30g) [Stand: 03.03.2022]
  11. Archiv Papierfabrik, Cham Group, Plan vom 01.05.1969
  12. huggenbergerfries, Papier-Areal Cham, Dokumentation zu baulichen Eingriffen im Zuge der Sanierung des Portierhauses, Zürich 2022
  13. Umbauarchitekt Jonas Hasler anlässlich einer Führung am Tag des offenen Denkmals, 10.09.2022
  14. Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Verzeichnis der geschützten Denkmäler der Gemeinde Cham, Grundstücknummer 3365 [Stand: 04.10.2022]
  15. Vgl. Anmerkung 1 (van Orsouw), S. 75
  16. Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Datenblatt Portierhaus (Ass.-Nr. 30g) [Stand: 03.03.2022]