Niederwil 1, Stutzenmatt

Aus Chamapedia

Luftaufnahme von Niederwil, im Vordergrund die Liegenschaft Stutzenmatt mit Scheune, undatiert
Maria Fuchs-Fähndrich mit zwei Töchtern und Knecht
Der Stutzenmatt-Stall wird neu mit Biberschwanzziegeln eingedeckt, 1984
Der Hof Fuchs mit der alten Scheune und dem Wohnhaus aus dem Jahr 1990, 09.06.2013
Die Scheune mit dem grossen Tor, die 1901 von Baar nach Niederwil gezügelt wird, und dem ehemaligen Waschhaus, 04.04.2020
Haus Stutzenmatt, Ostansicht, 22.04.2020

Der Hof Stutzenmatt am östlichen Eingang zum Weiler Niederwil scheint auf den ersten Blick aus dem 19. Jahrhundert zu stammen. Doch die Baukonstruktion und ein datierter Ziegel deuten auf das 17. Jahrhundert hin. Damit handelt sich bei der Stutzenmatt um eines der ältesten Häuser Chams. Zudem hat die dazugehörige Scheune eine besondere Geschichte: Sie wurde von Baar hierher versetzt.


Chronologie

1447 Im ausgehenden Mittelalter und im 16. Jahrhundert wird der Hof in Niederwil «Langenhof» genannt, da er (sicher bis 1531) von Vertretern der Familie Lang bewirtschaftet wird. [1]

1627 Im 17. und im frühen 18. Jahrhundert erscheint die heutige Stutzenmatt in den Schriftquellen noch immer vereinzelt als «Langenhof», vermehrt aber auch als «Stutzenhof» oder «Stutzenhus». Die zweite Benennung geht auf den Familiennamen Stutz zurück, der im 17. Jahrhundert in Cham nachgewiesen ist. 1627 gehört der Hof einem Beat Baumgartner, der ihn von den Erben eines Hans Konrad Stutz gekauft oder gezogen hat. [2]

1639 In diesem Jahr entsteht höchstwahrscheinlich die heutige Liegenschaft. Darauf deuten zwei Indizien hin: Zum einen trägt ein Biberschwanzziegel diese Jahreszahl, den Ziegler Thomas Kloter gefertigt hat (und der heute im Ziegelmuseum Meienberg aufbewahrt wird). Zum anderen ist die Konstruktion des Ursprungsbaus typisch für das 17. Jahrhundert: Das Innengerüst besteht aus insgesamt 12 Ständern, die ursprünglich mit Bohlen verfüllt waren. Doppelte Kopfstreben an den Ständern steifen das Gerüst aus. [3]

1675 Der Flurname «Stutzenmatt» wird erstmals erwähnt. Gemeint ist ein Landstück und nicht die Liegenschaft. [4]

1786 Die Gebrüder Mathias, Alois und Xaver Baumgartner sind die Besitzer des stattlichen Hofs am Osteingang von Niederwil. Sie verschönern die gute Stube und bauen dazu ein schönes Nussbaumbuffet mit Intarsien ein (auf der Rückseite bringen sie das Baumgartner-Wappen an). [5]

1806 Jetzt ist Ratsherr Mathias Baumgartner der alleinige Besitzer der «Stutzenmatt». [6] Er lässt einen hübschen grünen Kachelofen mit schwarz patroniertem Nelkenmuster einbauen. Auch die mit ornamentalen Bändern geschnitzte Haustür könnte um 1806 entstanden sein. [7] Wahrscheinlich ist auch er es, der den Schindelschirm am Haus anbringen lässt und die Erweiterung bewerkstelligt. Das tannene Stubentäfer wirkt dank der maserierten Bemalung wie wertvolleres Eichenholz; doch dieses stammt eher aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. [8]

1820 Gemäss der Kommunikantenzählung leben sechs Kommunikanten im Haushalt von Ratsherr Baumgartner. Dazu kommt eine unbekannte Zahl von Nicht-Kommunikanten (Kinder).

1830 Leonz Baumgartner übernimmt die Liegenschaft. Neben dem Wohnhaus (Ass.-Nr. 59a) gehören eine Scheune (Ass.-Nr. 59b, später «alte Scheune» genannt), ein Speicher mit Werkstatt (Ass.-Nr. 59c), ein Dörrofen mit Waschhaus (Ass.-Nr. 59d) und eine halbe Trotte (Ass.-Nr. 59e) zum Hofensemble. [9]

1849–1855 Innerhalb von wenigen Jahren kommt es drei Besitzerwechseln: Zunächst übernimmt Alois Arnold den Hof, dann 1851 ein Clemens Luthiger und 1855 mit Mathias wieder ein Baumgartner. [10]

1861 Johann Suter (gest. 1881) kauft den Hof. Für gut zwei Jahrzehnte bleibt die «Stutzenmatt» im Besitz dieser Familie. [11]

1883 Die Gebrüder Johann, Caspar und Jakob Suter verkaufen den Hof an Leonz Werder. [12]

1889 Nach sechs Jahren geht Leonz Werder Konkurs. Die Liegenschaft wird pfandrechtlich versteigert. Angeboten werden u.a. «ca. 3000 Kilo Heu, 1000 Kilo Stroh, 1 Wagen, 12 leere Fässer, 1 Mosttrichter, 10 Schnapsflaschen, einige alte Kasten, Sensen, Rechen, Schaufeln, 1 Fleischstock [13] und etwas Wagnerholz». [14] Für zehn Monate geht der Hof in den Besitz der Geschwister Schwerzmann und Weiss aus der Stadt Zug. [15]

1890 Josef Fuchs von Malters LU kauft den Hof vom Stadtzuger Johann Weiss für 35'000 Franken. [16]

1901 Die «Stutzenmatt» hat bis jetzt auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein grosses Ökonomiegebäude. Nun kann die Liegenschaft einen weiteren Scheune / Stall (Ass.-Nr. 59e) übernehmen, der einen Vorgängerbau ersetzt. [17] Dieser stammt von der Obermühle Baar, wird dort Stück für Stück auseinandergenommen, mit Fuhrwerken nach Niederwil gebracht und hier wieder aufgestellt. Das fünf Meter grosse Tor der oberen Einfahrt ist sehr gross und bringt Fachleute noch heute ins Staunen. [18]

1903/1909 Carl und Josef Fuchs, die Söhne von Besitzer Josef Fuchs, haben die «Stutzenmatt» übernommen. Doch Carl wandert nach Frankreich aus, wo er als Käser Arbeit findet. Josef junior übernimmt den Hof allein. [19]

1919 Josef Fuchs ist bereits 50 Jahre alt, als er Maria Fähndrich heiratet, die 30 Jahre jünger ist. Sie haben miteinander acht Kinder. [20]

1937 Hofbesitzer Josef Fuchs stirbt: Seine Witwe Maria Fuchs-Fähndrich führt ab 1938 den Hof weiter, unterstützt von ihrem Bruder Alois und den acht Kindern. [21]

1957 Alois (1928–1989), der Sohn von Josef und Maria, übernimmt den Hof. Ein Jahr zuvor hat er Josefine Werder (genannt Fini) (1935–2021) geheiratet. [22]

1984 Die Scheune, 1901 von Baar nach Niederwil gezügelt, wird mit Biberschwanzziegeln neu eingedeckt. Die kantonale Denkmalpflege stiftet die Ziegel, um aus Gründen des Ortsbildschutzes eine Eindeckung mit Eternit zu verhindern. [23]

1990 Auf der Liegenschaft entsteht ein neues Wohnhaus (Ass.-Nr. 59c). [24]

1993 Mit Alois junior, dem Sohn von Alois und Josefine Fuchs-Werder, kommt die nächste Generation zum Zug. Alois Fuchs führt mit seiner Frau Renata (geborene Moser) den Hof. Sie bauen den Hof sukzessive zu einem kombinierten Betrieb mit Mutterkuhhaltung und Pferdepension aus. [25]

2023 Das Wohnhaus (Ass.-Nr. 59a) und die Stallscheune von 1901 (Ass.-Nr. 59e) sind im Verzeichnis der geschützten Denkmäler der Gemeinde Cham eingetragen. [26]


Würdigung

«Mit seinem Kernbestand aus dem 17. Jahrhundert weist das Bauernhaus ein bemerkenswertes Alter auf, das sich im Innern in einer nach und nach angereicherten Ausstattung niederschlug. (...) Mit seinem wertvollen historischen Baubestand leistet das Bauernhaus Stutzenmatt einen wesentlichen Beitrag zu dem einzigartig intakten Bauerndorf Niederwil.» [27]


Der Spruch am Waschhaus

Vor der Einfahrtrampe zum «Stutzenmatt»-Stall steht ein altes Waschhaus, an dessen Türe ein Gebetszettel klebt. Darauf wird die heilige Agatha (gest. um 250 n. Chr.) um Schutz vor dem «ewigen und zytlichen Füür» gebeten. Zumindest das «zytliche Füür» war einst vor allem im Frühjahr und Herbst eine Existenz bedrohende Gefahr, wenn an Waschtagen mit offenem Feuer gearbeitet wurde. [28]


Übersicht

150510 Niederwil 1 Uebersicht.jpg

Die Liegenschaft Niederwil 1 in der Übersicht: 1: Haus Stutzenmatt, 1639 (Ass.-Nr. 59a); 2: Stutzenmatt-Stall, 1901 von Baar gezügelt (Ass.-Nr. 59e); 3: Boxenlaufstall, 2000 (Ass.-Nr. 59f); 4: Alte Scheune (Ass.-Nr. 59b); 5: Wohnhaus, 1990 (Ass.-Nr. 59c)


Personen


Fotogalerie Haus Stutzenmatt


Aktueller Kartenausschnitt

Die Karte wird geladen …



Einzelnachweise

  1. Dittli, Beat, Zuger Ortsnamen. Lexikon der Siedlungs-, Flur- und Gewässernamen im Kanton Zug. Lokalisierung, Deutung, Geschichten, Zug 2007, Bd. 3, S. 168
  2. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.1, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1627–1631, fol. 28r, 29r, 30r, 34v, 36r. Zur Namengebung und weitere Belege vgl. Anmerkung 1 (Dittli), Bd. 4, S. 440f.
  3. Grünenfelder, Josef, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zug, Neue Ausgabe, Bd. 2, Die ehemaligen Vogteien der Stadt Zug, Bern 2006, S. 171
  4. Staatsarchiv Zug, Hypothekenbuch, Bd. 22, fol. 86v, 87r, vgl. Anmerkung 1 (Dittli), Bd. 4, S. 441
  5. Vgl. Anmerkung 3 (Grünenfelder), S. 171
  6. Staatsarchiv Zug, G 617.6.1, Assekuranzregister Cham, 1. Generation (1813–1868)
  7. Furrer, Benno / Grünenfelder, Josef, Häuser am Weg 3 [Faltprospekt]: Bibersee – Niederwil – Rumentikon, Baar 2006
  8. Vgl. Anmerkung 7 (Furrer / Grünenfelder). Vgl. Anmerkung 3 (Grünenfelder), S. 171
  9. Staatsarchiv Zug, G 617.6.1, Assekuranzregister Cham, 1. Generation (1813–1868)
  10. Staatsarchiv Zug, G 617.6.1, Assekuranzregister Cham, 1. Generation (1813–1868)
  11. Staatsarchiv Zug, G 617.6.1, Assekuranzregister Cham, 1. Generation (1813–1868)
  12. Staatsarchiv Zug, G 617.6.2, Assekuranzregister Cham, 2. Generation (1868–1929), 1. Band
  13. Hackstock oder -block, zum Hacken von Fleisch, (dreibeiniger) Block, auf welchem das Fleisch mürbe geklopft wird
  14. Zuger Nachrichten, 04.01.1890
  15. Staatsarchiv Zug, G 617.6.2, Assekuranzregister Cham, 2. Generation (1868–1929), 1. Band
  16. Staatsarchiv Zug, G 617.6.2, Assekuranzregister Cham, 2. Generation (1868–1929), 1. Band. Gattiker, Werner et al., Mauritius, Milch & Münsterkäse. 100 Jahre Milchgenossenschaft Niederwil-Cham, Schwyz 2013, S. 128
  17. Staatsarchiv Zug, G 617.6.2, Assekuranzregister Cham, 2. Generation (1868–1929), 1. Band
  18. Vgl. Anmerkung 16 (Gattiker et al.), S. 129
  19. Staatsarchiv Zug, G 617.6.4, Assekuranzregister Cham, 3. Generation (1929–1960), 1. Band. Vgl. Anmerkung 16 (Gattiker et al.), S. 129
  20. Vgl. Anmerkung 16 (Gattiker et al.), S. 129
  21. Staatsarchiv Zug, G 617.6.4, Assekuranzregister Cham, 3. Generation (1929–1960), 1. Band. Vgl. Anmerkung 16 (Gattiker et al.), S. 129
  22. Staatsarchiv Zug, G 617.6.4, Assekuranzregister Cham, 3. Generation (1929–1960), 1. Band. Vgl. Anmerkung 16 (Gattiker et al.), S. 129
  23. Legende, entnommen der Fotografie von 1984
  24. Staatsarchiv Zug, G 617.6.6, Assekuranzregister Cham, 4. Generation (1960–1990), 1. Band
  25. Vgl. Anmerkung 16 (Gattiker et al.), S. 129
  26. Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Verzeichnis der geschützten Denkmäler der Gemeinde Cham, Grundstücknummer 837 [Stand: 29.06.2023]
  27. Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Inventar der schützenswerten Denkmäler, Datenblatt Niederwil 2 [Stand: 26.02.2020]
  28. Vgl. Anmerkung 7 (Furrer / Grünenfelder)