Hildebrand Emil (1868–1943)
Emil Hildebrand war der Sohn des Chamer Ständrats und Regierungsrats Jakob Hildebrand. Er wurde Arzt in Appenzell, wo er die Tochter des Landammanns heiratete. Er war in Innerrhoden 43 Jahre lang Tourismusdirektor und umtriebiger Politiker, der ähnlich wie sein Vater ganz unterschiedliche Ämter bekleidete.
Stationen
1868 Emil Hildebrand wird am 28. Februar als Sohn von Jakob Hildebrand und Katharina Bütler (genannt «Nanette», 1840–1924) in Cham geboren. [1] Sein Vater, ein führender Politiker der Katholisch–Konservativen, wird später unter anderem Regierungs– und Ständerat. Emil hat zwei Brüder, Albert, [2] Johann Baptist [3] und eine Schwester. [4]
ab etwa 1875 Hildebrand besucht die Primarschule in Cham und anschliessend das Gymnasium in Einsiedeln. Die Matura legt er in Luzern ab. [5]
1891 Herr stud. med. Emil Hildebrand von Cham besteht an der Universität Bern sein propädeutisches Examen mit bestem Erfolg. [6]
1893 Im Sommersemester immatrikuliert sich Emil Hildebrand an der Universität Zürich und setzt dort sein Medizinstudium fort. [7]
Bereits im November exmatrikuliert sich Hildebrand in Zürich und studiert in Berlin weiter. [8]
1895 Hildebrand wird Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins. [9]
Hildebrand besteht in Bern das medizinsche Staatsexamen mit bestem Erfolg. [10]
Hildebrand nimmt als Präsident des Schweizerischen Studentenvereins am Studentenfest in Appenzell teil. Er verliebt sich in die Tochter des Landammanns, Wilhelmina Rusch. [11]
1896 Hildebrand lässt sich in Appenzell nieder und eröffnet dort im Frühjahr eine Arztpraxis. [12]
Der junge aus Cham stammende Arzt wird zum Oberleutnant der Sanitätstruppen befördert. [13]
1898
Einladungskarte zur Hochzeitfeier am 3. Mai 1898 in Bad Gonten
Hildebrand heiratet am 3. Mai in Bad Gonten Wilhelmine Rusch (1879–1967), die Tochter des Appenzeller Landammanns Carl Rusch. [14]
Das Ehepaar zieht in das Haus „Kirchenpfleger Sutters“ an der Hauptgasse am Landsgemeindeplatz, das der Brautvater für sie erworben hatte.
Die Ehe bleibt kinderlos. Wilhelmine unterstützt ihren Mann bei dessen Tätigkeit als Arzt. [15]
1899 Als am 12. April der «Kur– und Verkehrsverein für Appenzell Innerrhoden» gegründet wird, wählt die Versammlung den vor kurzem aus Cham zugezogenen Emil Hildebrand zum Präsidenten. Hildebrand wird erster Appenzeller Kurdirektor. Er bleibt ganze 43 Jahre in diesem Amt. [16]
1900 Hildebrand wird zusätzlich Kurarzt in den Kurhäusern Weissbad, Gontenbad und Jakobsbad. Er ist während mehrerer Jahrzehnte Verwaltungsrat des Kurhauses Weissbad. [17]
1901 Hildebrand verfasst seine Dissertation mit dem Titel «Über das Fieber der Hysterischen». [18]
1902 Hildebrand besteht an der Universität Zürich das medizinische Staatsexamen. [19]
1903 Hildebrand wird in den grossen Rat von Appenzell gewählt. Damit wird er zusätzlich Bezirksrat in der Gemeinde Appenzell. [20] Er steht dem Krankenhaus in Appenzell vor. [21]
1907 Hildebrand erteilt in Appenzell den ersten Samariterkurs. [22]
1911 Dr. Hildebrand ist Mitglied der Direktionskommission der Wasseraubahn. [23]
Emil Hildebrand von Cham, in Appenzell wird als Vizepräsident in den Verwaltungsrat der Säntis–Bahn AG gewählt. [24]
1912 Als die eidgenössische Abstimmung über die Kranken– und Unfallversicherung zum Thema wird, spricht Dr. Hildebrand an der Volkversammlung in Appenzell dagegen. [25]
Hildebrand wird in das Kartell der katholischen Vereine von In- und Ausserrhoden gewählt. [26]
Hildebrand ist Präsident des engeren Ausschusses für die Durchführung des nordostschweizerischen Schwingfestes in Appenzell. [27]
Sanitätshauptmann Emil Hildebrand wird zum Territorialarzt des Kreises Appenzell ernannt. [28]
1921 Hildebrand wird Präsident der Feuerschaukommission des Kantons Appenzell. [29]
1927
1927 gehört Emil Hildebrand (vierter von links) zu den ersten, die den Kanton Appenzell aus der Vogelperspektive sehen können.
Emil Hildebrand ist am 13. August als Ratsherr beim Passagierflug rund um den Säntis dabei. Damit ist er nicht nur der erste Automoblist in Appenzell, sondern auch einer der ersten, der den Kanton Appenzell aus der Vogelperspektive sehen kann. [30]
1930 Ratsherr Dr. med. Emil Hildebrand wird eidgenössischer Geschworener im Bezirk Appenzell. [31]
1932 Hildebrand kandidiert für die Wahl ins appenzellische Kantonsgericht, unterliegt aber knapp. [32]
1933 Hildebrand wird Verwaltungsratspräsident der Säntisbahn Appenzell–Wasserauen. Er bleibt bis zu seinem Tod in diesem Amt. [33]
1935 Ratsherr Dr. Hildebrand wird vom grossen Rat von Appenzell als Mitglied des Kreiseisenbahnrates III der Bundesbahnen bestätigt. [34]
Hildebrand ist die treibende Kraft, dass im Spital Appenzell eine Röntgenanlage angeschafft wird. [35]
1938 Hildebrand stellt ein Konzessionsgesuch für den Bau einer Schwebebahn von Wasserauen auf die Ebenalp. Dieses wird 1940 abgelehnt. 1953 kann die Bahn schliesslich gebaut werden. [36]
1943 Mitte Oktober erleidet Emil Hildebrand einen Schlaganfall.
Mitte November führt er seine letzte Blinddarm- und Bruchoperation durch. [37]
Emil Hildebrand stirbt am 21. November an den Folgen des Schlaganfalls. [38]
Todesanzeige der Studentenverbindung Turicia–Kyburger
1967
Wilhelmine Hildebrand–Rusch überlebte ihren Mann um 24 Jahre
Hildebrands Witwe Wilhelmine Hildebrand–Rusch stirbt 88–jährig. [39]
Arzt und Touristiker mit Leib und Seele – Förderer des Fortschritts in Appenzell
«Der Arzt Emil Hildebrand praktizierte mit Leib und Seele. Bald schon genoss er weit
über Appenzell hinaus einen guten Ruf. Er leistete aber nicht nur als Arzt Aussergewöhnliches, sondern setzte sich zudem für zahlreiche gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Belange ein. Ein grosses Interesse galt der Tourismusförderung
in Appenzell Innerrhoden. Als erster Präsident des Kur- und Verkehrsvereins leitete er
die Vereinsgeschicke wahrend 43 Jahren. Keiner seiner Nachfolger blieb so Lange im
Amt. Er war der fester Überzeugung, dass der Tourismus für das Land und seine
Bevölkerung von grosser Wichtigkeit sei, und versuchte auch stets die Einheimischen
dazu zu bringen, ihren Beitrag zur Tourismusförderung zu leisten. Ab 1900 praktizierte Hildebrand als Kurarzt in den berühmten Kurhäusern Weissbad, Gontenbad und
Jakobsbad und war während mehrerer Jahrzehnte im Verwaltungsrat des Kurhauses
Weissbad. Als grosser Förderer der Verkehrserschliessung sass er ausserdem im
Kreiseisenbahnrat der Schweizerischen Bundesbahnen sowie im Verwaltungsrat der
Appenzeller Bahn. Ebenso war er Mitglied der Kommission des Schweizerischen
Automobilclubs der Sektion St.Gallen-Appenzell und stolzer erster Automobilfahrer
Innerrhodens: "Die älteren Generationen erinnern sich noch lebhaft, wie er mit seinem
Elektromobil, dem ab und zu der Schnauf ausging, durchs Land fuhr und wie sein
Wagen ohne Ross von Jung und Alt bestaunt wurde."
Überhaupt lag ihm der technische Fortschritt am Herzen. Als Präsident der Feuerschaukommission setzte sich Emil Hildebrand für die Elektrifizierung Appenzells ein und kaufte die Alp Gatteri mit ihren überreichen Quellen, die noch heute die Trinkwasserversorgung Appenzells sichern. Er gehörte zu den ersten Fluggästen, die über den Alpstein flogen, und setzte sich mit viel Geld und Propaganda für eine elektrische Bahn nach Wasserauen ein. Auch am Ausbau des Krankenhauses Appenzell wirkte er mit, und ihm ist die erste Röntgenanlage von 1935 zu verdanken. Er gilt als Gründer des Samariterwesens und der Bergrettung in Innerrhoden, beteiligte sich an der Ausbildung von Krankenpflegerinnen und -pflegern und setzte positive Akzente in der Kinder- und Wöchnerinnenpflege. Dabei bernühte er sich nicht nur um die Heilung von Krankheiten, sondern auch um deren Vorbeugung. In diesem Sinne kämpfte er für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Heimarbeiterinnen und hielt Vortrage zur Volksgesundheit.
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Die Dr. Hildebrand Stube im Hotel Appenzell
Die Dr. Hildebrand Stube im Hotel Appenzell
Das Haus, das der Schwiegervater, Carl Rusch, für das Ehepaar Hildebrand 1898 erworben hatte, wurde
sehr schön ausgestattet. Als Mitgift erhielt des junge Paar ein prachtvolles Renaissance-Buffet aus dem späten 17. Jahrhundert. Auf Hildbrands Wunsch schuf der Appenzeller Schreinermeister Willy Raess eine prächtige Wohnstube mit einer Kassettendecke, Parkettboden und Türen aus Nussbaumholz.
1978 erwarb die Familie Sutter das Hildebrand-Haus 11 Jahre nach dem Tod der Witwe Hildebrand. Das Haus
wurde 1982 abgerissen. Die «Dr. Hildebrand Stube» wurde zuvor ausgebaut und im Hotel Appenzell wieder eingebaut. [41]
Würdigung
«Er kam in jungen Jahren nach Appenzell, das ihm zur zweiten Heimat wurde. Als zuverlässiger, äusserst tüchtiger Arzt, dem die Ausübung des Berufes Herzens- und Gewissenssache war, gewann er sich sofort das Vertrauen weitester Kreise. Kein Weg war ihm zu weit, keine Stunde zu spät, wenn es galt, einem Kranken Heilung oder Linderung zu bringen. Die ärztliche Hilfe auch während der Nacht war für ihn selbst im hohen Alter eine selbstverständliche Pflicht. Trotzdem der Beruf den Verewigten in hohem Masse beanspruchte, fand der unermüdliche Schaffer noch Zeit, dem Land und Volk in verschiedenen Beamtungen in uneigennütziger Weise zu dienen. [...] Insbesondere interessierte er sich aber um Kur- und Verkehrsfragen und stand als langjähriger Präsident der Feuerschaugemeinde Appenzell, um deren Entwicklung er sich bleibende Verdienste erwarb, vor. Als Förderer unseres Sanitätswesens diente er als langjähriger Aktuar der kantonalen Sanitätskommission und war auch als ärztlicher Leiter mit dem Zweigwerein Appenzell des Roten Kreuzes, deren Ehrenmitglied er war, eng verbunden. Herr Ratsherr Dr. Hildebrand wird in unserem Lande als Arzt, Wohltäter und Amtsmann in bester Erinnerung bleiben und noch manchmal vermisst werden.[...] Er wurde schon frühzeitig mit den verschiedensten Beamtungen betraut (Schulrat, Bezirksrat, Grosser Rat, Präsidium der Feuerschaugemeinde etc.), wo er sich stetsfort als sehr initiativ zeigte.» [42]
«So ist er im Verlaufe von nahezu 50 Jahren in vielen Familien in Dorf und Land Appenzell der verehrte und geliebte Arzt gewesen, dessen Hinscheiden einen herben und bitteren Verlust bedeutet. [...] Trotz der ausgesprochenen Liebe zur Medizin, fand er Zeit und Lust, sich andern Gebieten des Wissens und der Kunst zu widmen, er war ein begabter Musiker, ein Freund jeglicher Wissenschaft und Kunst. Es eignete ihm eine gewisse Universalität und Grosszügigkeit von Jugend auf, die ihn nie verliess. Diese Universalität trug sicher viel dazu bei, seinen Geist bis in die späten Jahre frisch und weit zu erhalten.» [43]
Einzelnachweise
- ↑ https://www.matrikel.uzh.ch/active//static/9414.htm, [Stand: 26.02.2025]
- ↑ später Kirchenratspräsident. Neue Zürcher Nachrichten, 28.10.1919
- ↑ https://www.matrikel.uzh.ch/active//static/9414.htm, [Stand: 26.02.2025]
- ↑ Neue Zuger Zeitung, 11.02.1885
- ↑ Appenzellische Jahrbücher, Band: 71 (1944), S. 29–32
- ↑ Zuger Nachrichten, 25.03.1891
- ↑ https://www.matrikel.uzh.ch/active//static/9414.htm, [Stand: 26.02.2025]
- ↑ https://www.matrikel.uzh.ch/active//static/9414.htm, [Stand: 26.02.2025]
- ↑ https://www.matrikel.uzh.ch/active//static/9414.htm, [Stand: 26.02.2025]
- ↑ Zuger Volksblatt, 23.07.1895
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 23; Appenzellische Jahrbücher, Band: 71 (1944), S. 29–32
- ↑ Appenzellische Jahrbücher, Band: 71 (1944), S. 29–32
- ↑ Zuger Volksblatt, 12.11.1896
- ↑ Oberegger Anzeiger, 26.11.1943
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 23
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 22
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 23
- ↑ https://www.matrikel.uzh.ch/active//static/9414.htm, [Stand: 26.02.2025]
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 11.06.1902
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 25
- ↑ Oberegger Anzeiger, 03.12.1943
- ↑ https://www.samariter-appenzell.ch/plaintext/medien/pressespiegel/wirhelfengemeinsam.html, [04.01.2026]
- ↑ Oberegger Anzeiger, 13.02.1911
- ↑ Neue Zürcher Nachrichten, 08.05.1911
- ↑ Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 29.01.1912
- ↑ Oberegger Anzeiger, 29.03.1912
- ↑ Oberegger Anzeiger, 05.04.1912
- ↑ Neue Zürcher Zeitung, 08.08.1912
- ↑ Appenzellische Jahrbücher, Band: 71 (1944), S. 29–32
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 25
- ↑ Oberegger Anzeiger, 23.05.1930
- ↑ Oberegger Anzeiger, 29.04.1932
- ↑ Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Pa.163 Firmen. Säntisbahn (SB), 1889-1948
- ↑ Neue Zürcher Nachrichten, 27.11.1935
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 24
- ↑ https://de.wikipedia.org/wiki/Luftseilbahn_Wasserauen%E2%80%93Ebenalp, [04.01.20226
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 25
- ↑ Oberegger Anzeiger, 03. 12.1943
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 25
- ↑ Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 23f
- ↑ https://www.hotel-appenzell.ch/de/cafe-restaurant/dr-hildebrand-stube.html, [04.01.2026]; Moeschlin Kathrin/Pettannice Nadia, Badefreude, Wanderlust und Pistentraum, Geschichte der Tourismusforschung in Appenzell Innerrhoden, Appenzell 2025:Appenzeller Verlag, S. 23
- ↑ Oberegger Anzeiger, 26.11.1943
- ↑ Appenzellische Jahrbücher, Band 71 (1944), S. 29–32