Mahler Johannes (um 1590–1634)

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Johannes Mahler gehört zu den wichtigen Autoren des schweizerischen Barocktheaters. Er hat drei bedeutende Werke geschrieben. Über sein Leben ist relativ wenig bekannt. Sicher ist, dass er aus Cham stammte, sicher ist, dass er als Priester, Lehrer und Organist in Zug wirkte und dort wegen wiederholter Auseinandersetzungen mit dem Stadtrat weggewiesen wurde. Danach lebte und arbeitete er einige Jahre in Bremgarten, wo er auch starb.

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Vorname: Johannes
Nachname: Mahler
Geschlecht: männlich
Geburtsort: Cham ZG
Todesdatum: 1634
Todesort: Bremgarten AG
VIAF: Kennung des Eintrags zur Person im «Virtual International Authority File (VIAF)». 3403205/
HLS: Kennung des Eintrags zur Person im «Historischen Lexikon der Schweiz (HLS)». 012089
GND: Kennung des Eintrags zur Person in der «Gemeinsamen Normdatei (GND)». 118576305




Manuskript des barocken Theaters «Spiel von St. Oswald»


Stationen

um 1590 Johannes Mahler wird in Cham geboren, sein Geburtsdatum und das Geburtsjahr sind nicht bekannt. [1] Der Familienname Mahler ist in Cham im 16. und 17. Jahrhundert bezeugt. [2]

1614 Über die Ausbildung von Johannes Mahler ist nichts bekannt. 1614 dürfte er die Priesterweihe empfangen haben. Mahler arbeitet in der Stadt Zug in der Schule. Er wird vom Zuger Stadtrat – vorübergehend und ohne eine Angabe von Gründen – aus dem Lehrdienst entlassen. [3]

1618 Mahler ist Kaplan und wird in die Lukasbruderschaft in Zug aufgenommen. [4] Er amtet als Priester und Organist und betreut die Schuljugend. [5]

1620 Mahlers Schauspiel über den hl. Stanislaus wird im Februar in Zug aufgeführt. Dieses Schauspiel ist das einzige, von dem man mit Sicherheit weiss, dass es aufgeführt wurde. Der Kopist nennt das Datum der Aufführung und die Namen der Spieler.

1620–1623 Johannes Mahler und in einem Fall auch seine Mutter, die ebenfalls in Zug wohnt, sind immer wieder in Streithändel und Verleumdungsklagen verwickelt. 1623 beispielsweise beklagt sich ein Mann namens «Büschgi» (Übername) beim Stadtrat, Herr Mahler habe ihm gesagt, er sei es nicht wert, dass er eine Erdbestattung erhalte («dass in das erdtrych trage») und dass man ihn auf eine Leiter binden und ins Feuer werfen solle, um ihn wie einen Ketzer zu verbrennen. [6]

1624 Mahler erhält vom Zuger Stadtrat einen Verweis, weil er zusammen mit einem Kapuziner namens Marti von der Kanzel herab den Zuger Stadtrat kritisiert hatte («ward jederem starckh zuogsprochen, das sy uff der kanzell sich deß regements gschäffts müeßigen; wo nit, werdt man ander brediger bestellen, und welle manß gar nit lyden, ein solches wäßen über mine herren zuo haben»). [7]

Im gleichen Jahr schreibt Mahler ein Schauspiel über das Leben und Wirken von Bruder Klaus (1417–1487) mit dem Titel «deß Läbens deß Frommen Gottseligen Andëchtigen Einsidel und Eidgnoßen Niclaus von der Flüe (Bruder Claus genambt) in Underwalden ob dem Kernwald». Das Schauspiel warnt vor Fremdherrschaft und ermahnt die Eidgenossen zur Einigkeit. Mahler stellt dem Stadtrat den Antrag, sein Spiel «Bruder Klaus» aufführen zu dürfen. Der Rat gesteht ihm dies zu, übernimmt aber keine Kosten, ausser jene für die Bühne und hält fest «so sëlle ehr fordt fahrren und etwas rëchts machen». [8]

1626 Mahler wird die Aufsicht und im folgenden Jahr die Führung der Lateinschule übertragen. In den Protokollen ist vermerkt, dass keine qualifizierten Kandidaten zur Verfügung stehen. Dies ist vielleicht ein Hinweis, dass Mahlers Verhältnis zu den Zuger Behörden wohl weiterhin gespannt war. [9]

1629 Mahler verfasst in diesem Jahr – vor dem Herbst – sein drittes Spiel über den Zuger Stadtheiligen Oswald (um 604–642).

Wieder wird Mahler vom Stadtrat gerügt und ermahnt, sich in seinen Predigten zu mässigen. [10] Zum wiederholten Mal scheint Mahler seine Kompetenzen überschritten und Dinge geregelt zu haben, die in der Kompetenz der «gnädigen Herren» liegen. Die Ämter werden Mahler entzogen, seine Pfründe wird neu besetzt und er wird aus Zug verwiesen. Bartholomäus Keiser (1599–1670), Pfarrer im Urserental, erhält seine Stelle. [11]

Die genauen Hintergründe seines Abgangs sind nicht dokumentiert. Aus einem Schreiben des Zuger Stadtschreibers Beat Jakob Knopfli (um 1588–1662) an den Landschreiber der Freien Ämter in Bremgarten, Beat II. Zurlauben (1597–1663), geht hervor, dass der Zuger Stadtschreiber Mahlers Wegzug bedauert. Nach seiner Darstellung ist Mahler aufgrund übler Nachrede und Verführungen vertrieben worden. [12]

Im Oktober erscheint sein Name in den Protokollen des Städtchens Bremgarten AG: «Herr Johannes Mahler purtig von Kohm geweßner organist, caplan unnd schulmeister zuo Zug» [13] Laut dieses Eintrages ist er «uff sein undertheniges piten hin» vom Pfarrer von Bremgarten als Seelsorger aufgenommen worden. Er wird gewarnt «inzogen und exemplarisch» zu leben. Mahler scheint dies beherzigt zu haben, wegen Aufruhr wird er nicht mehr aktenkundig.

Elisabeth Zurlauben (1598–1659) schreibt im November an ihren Bruder Beat II. Zurlauben, dass sie gehört habe, dass Johannes Mahler nach Frankreich verreisen wolle. Offenbar hatte Mahler bei ihr Schulden, denn sie fragt sich, wie sie zu ihrem Geld kommen solle. [14]

1630–1633 Mahler wird im Taufregister von Bremgarten sechs Mal als Pate genannt. 1633 ist er Assistent bei einer Primiz. [15]

1634 Johannes Mahler stirbt in Bremgarten. [16]


Das Theaterspiel von St. Oswald

1860 Der in Zug tätige Pfarrhelfer und Historiker Paul Anton Wickart (1816–1893) entdeckt in einer Zuger Privatbibliothek Mahlers Theaterstück «Spiel von St. Oswald». Er sendet es nach Einsiedeln, wo Stiftsbibliothekar Gall Morel (1803–1872) eine Abschrift erstellt. Seither galt der Text als verschollen. [17]

1980 Der Zuger Historiker Eugen Gruber (1900–1989) findet im Pfarrarchiv Zug den vollständigen Text des «St. Oswald-Spiels», verfasst vom Chamer Geistlichen Johannes Mahler. [18]


Würdigung

Johannes Mahler scheint ein sehr temperamentvoller und streitbarer Zeitgenosse gewesen zu sein, der den Konflikt nicht scheute. Darauf weisen die verschiedenen Einträge zu Mahler in den Protokollen des Zuger Stadtrats hin. Auch seine Arbeitsweise war hektisch: Im wieder aufgefundenen Manuskript mit dem «Spiel von St. Oswald» hat Mahler mit «teilweise ungestümer Hand» gestrichen und korrigiert. [19]

Mahlers Theaterstücke sind Werke der Gegenreformation. Unter dem Druck der Reformation sah sich die katholische Kirche gezwungen, eigene Reformen durchzuführen, um den katholischen Glauben im Volk zu stärken. Die Reformation führte in der Eidgenossenschaft zu einer Polarisierung und zu einer Entfremdung. Das Medium des Schauspiels eignete sich sehr gut, um dem Volk die je eigene konfessionell geprägte Sichtweise zu vermitteln. «Ein besonders wirksames Instrument dieser Erneuerung wurde die Bühne, und das Drama sollte durch das Vorbild des Helden als verstärkte Predigt wirken». [20]

Auf der katholischen Seite wurde das religiöse Theater vor allem von den Jesuiten gefördert. Sie verfassten Heiligenspiele und Märtyrerdramen, die in lateinischer Sprache durch die Schüler der Jesuitenschulen aufgeführt wurden. In Luzern wurden immer wieder Jesuitenspiele in lateinischer Sprache aufgeführt. Mahler mag von dort Inspirationen erhalten haben. [21]

Mahler ruft in seinen Stücken zu Einigkeit und zu unerschütterlicher Glaubensfestigkeit auf. Bruder Klaus, Stanislaus und Oswald sind gleichsam Wegweiser zwischen Himmel und Erde und sollen «das Herz des einfachen Mannes» durch ihr Vorbild «erschüttern und begeistern» und zeigen «dass einzig in Verbindung mit Gott der Sieg über die von diabolischen Kräften getriebene Welt errungen werden kann.» [22]

«Johannes Mahler wird von den heutigen Literaturwissenschaftlern aufgrund seines Stils sehr hoch eingeschätzt. Seine Werke können nicht einem einzigen Spieltypus zugeordnet werden. Vielmehr verband Mahler unterschiedliche Spielformen der Zeit und entwickelte so eine ganz eigenständige Theaterform. Zum einen stehen seine Stücke in der Tradition der mittelalterlichen geistlichen Spiele. Gleichzeitig ist darin der Einfluss des Jesuitentheaters spürbar. Während die Jesuitenspiele jedoch in lateinischer Sprache aufgeführt wurden, verfasste Mahler seine Werke in der Volkssprache mit einem zum Teil stark mundartlichen Einschlag. Ausserdem tauchen in Mahlers Stücken immer wieder Sequenzen auf, die Bezug nehmen auf die Possen der Fastnachtsspiele. Diese Szenen haben nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun und dienten vermutlich einzig der Auflockerung und Belustigung des Publikums während des wohl recht anstrengenden Theatermarathons.» [23] Ein Zeitgenosse schrieb über Mahler, dass er «ein Poet war so geistrich, daß man nit bald fand seines glich». [24]


Einzelnachweise

  1. Das Geburtsjahr beruht auf einer Schätzung. Johannes Mahler, Spiel von St. Stanislaus, herausgegeben von Hellmut Thomke und Christiane Oppikofer-Dedie, Bern / Stuttgart / Wien 2003, S. 177. Seine Chamer Herkunft scheint durch einen Protokolleintrag in Bremgarten gesichert, vgl. Stadtarchiv Bremgarten, B 26, S. 97, zit. n. Johannes Mahlers Bruder-Klausen-Spiel (um 1624), historisch-kritische Edition von Christiane Oppikofer-Dedie, Aarau / Frankfurt am Main / Salzburg 1993, S. 40
  2. Gruber, Eugen et al., Geschichte von Cham, Bd. 1, Cham 1958, S. 284
  3. Bürgerarchiv Zug, A 39.4.8, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1612–1638, fol. 14r
  4. Lukasbruderschaft, Bd. 1, Stadtbibliothek Zug, zit. n. Johannes Mahlers Bruder-Klausen-Spiel (um 1624), historisch-kritische Edition von Christiane Oppikofer-Dedie, Aarau / Frankfurt am Main / Salzburg 1993, S. 39
  5. Bürgerarchiv Zug, A 39.4.8, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1612–1638, fol. 88v; A 39.4.9, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1619–1623, fol. 10r
  6. Bürgerarchiv Zug, A 39.4.9, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1619–1623, fol. 10r, 27v, 78v
  7. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.0, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1624–1626, fol. 9r, 182r, zit. n. Wieser, Barbara, Sankt Oswald zwischen Himmel und Hölle, Zum Manuskript des barocken Theaters «Spiel von St. Oswald», in: Tugium 26, 2010, S. 178. Zum grundsätzlichen nicht immer einfachen Verhältnis zwischen städtischer Obrigkeit und Klerus ausführlich Schläppi, Daniel, Te deum laudamus! Die Kirchenpflege als kräftezehrendes Gezerre mit Kirchenvolk und Klerus, in: Universum Kleinstadt. Die Stadt Zug und ihre Untertanen im Spiegel der Protokolle von Stadtrat und Gemeinde (1471–1798), Zug 2018, S. 277–305
  8. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.0, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1624–1626, fol. 15ar
  9. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.0, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1624–1626, fol. 75r; A 39.27.1, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1627–1629, fol. 1r
  10. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.1, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1627–1631, fol. 92r
  11. Keiser ist dann von 1635 bis 1658 Pfarrer in Cham. Bürgerarchiv Zug, A 39.27.1, Ratsprotokolle der Stadt Zug 1627–1631, fol. 107r
  12. Johannes Mahlers Bruder-Klausen-Spiel (um 1624), historisch-kritische Edition von Christiane Oppikofer-Dedie, Aarau / Frankfurt am Main / Salzburg 1993, S. 40
  13. Stadtarchiv Bremgarten, B 26, S. 97, zit. n. Johannes Mahlers Bruder-Klausen-Spiel (um 1624), historisch-kritische Edition von Christiane Oppikofer-Dedie, Aarau / Frankfurt am Main / Salzburg 1993, S. 40
  14. Johannes Mahlers Bruder-Klausen-Spiel (um 1624), historisch-kritische Edition von Christiane Oppikofer-Dedie, Aarau / Frankfurt am Main / Salzburg 1993, S. 44
  15. Johannes Mahlers Bruder Klausen-Spiel (um 1624), historisch-kritische Edition von Christiane Oppikofer-Dedie, Aarau / Frankfurt am Main / Salzburg 1993, S. 40
  16. Johannes Mahlers Bruder-Klausen-Spiel (um 1624), historisch-kritische Edition von Christiane Oppikofer-Dedie, Aarau / Frankfurt am Main / Salzburg 1993, S. 41
  17. Wieser, Barbara, Sankt Oswald zwischen Himmel und Hölle. Zum Manuskript des barocken Theaters «Spiel von St. Oswald», in: Tugium 26, 2010, S. 177
  18. Wieser, Barbara, Sankt Oswald zwischen Himmel und Hölle. Zum Manuskript des barocken Theaters «Spiel von St. Oswald», in: Tugium 26, 2010, S. 177
  19. Wieser, Barbara, Sankt Oswald zwischen Himmel und Hölle. Zum Manuskript des barocken Theaters «Spiel von St. Oswald», in: Tugium 26, 2010, S. 181
  20. Wilhelm, Aimé, Ein Chamer Dramatiker der Barockzeit, in: Zuger Neujahrsblatt 1958, S. 46
  21. Wieser, Barbara, Sankt Oswald zwischen Himmel und Hölle. Zum Manuskript des barocken Theaters «Spiel von St. Oswald», in: Tugium 26, 2010, S. 178
  22. Gruber, Eugen, Ein Gang durch die Geschichte von Cham, in: Zuger Neujahrsblatt 1958, S. 3–30
  23. Wieser, Barbara Wieser, Sankt Oswald zwischen Himmel und Hölle. Zum Manuskript des barocken Theaters «Spiel von St. Oswald», in: Tugium 26, 2010, S. 185f.
  24. Handschriftlicher Eintrag in der Aargauer Kopie des «Bruder Klaus», zit. n.: Wilhelm, Aimé, Ein Chamer Dramatiker der Barockzeit, in: Zuger Neujahrsblatt 1958, S. 45