PPC Electronic AG

Aus Chamapedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Produktion der PPC Electronics AG an der Riedstrasse 2
Blick in den Ablauf der Produktion – Herstellung einer Leiterplatte
1503300 PPC-20.jpg
1503300 PPC-21.jpg
1503300 PPC-22.jpg
1503300 PPC-27.jpg
1503300 PPC-30.jpg
1503300 PPC-32.jpg
1503300 PPC-33.jpg

Von 1980 bis 2012 wirkte in Cham eine Herstellerin von High-Tech-Produkten: Die PPC Electronic AG fabrizierte anspruchsvolle Leiterplatten an der Riedstrasse 2 im Industriegebiet, exportierte ihre «Multilayer» in die ganze Welt und hatte zeitweilig über 500 Mitarbeitende.


Chronologie

1970 Die PPC Electronic AG wird in Zug gegründet, um sogenannte «gedruckte Schaltungen» herzustellen und zu vertreiben. Sie trägt sich am 11. Mai im Handelsregister ein. [1]

1971 Die Firma steckt noch in ihrer Pionierphase und beschäftigt 30 Personen. Sie entwickelt komplizierte Zwei- und Mehrlagenschaltungen für elektronische Prozesse. [2]

1977 Die PPC Electronic nennt sich in Stelleninseraten «führender Leiterplattenhersteller der Schweiz». [3]

1980 Die PPC Electronic AG erstellt eine Fabrikationshalle an der Riedstrasse 2 im Chamer Industriegebiet und verlegt den ganzen Betrieb dorthin. [4] Zur Sicherung der Markenrechte hinterlegt die Chamer Firma «PPC Electronic» unter Nr. 305 699 als Markennamen. [5]

1981 Die grosse BBC AG (seit 1988 Aesa Brown Boveri ABB) in Baden klagt gegen die kleine PPC Electronic in Cham, weil sie unrechtmässig die Buchstabengruppe PPC für «Precision Printed Circuit» als Firmen- und Markennamen verwende. Das Kantonsgericht Zug weist die Klage ab. [6] Die Firma beschäftigt bereits 150 Mitarbeitende. [7]

1982 Weil die PPC Electronic finanzielle Probleme hat, übernimmt der Zürcher Bauunternehmer Werner Bleiker die PPC Electronic AG und gliedert sie in seine Unternehmensgruppe ein. [8]

1983 Das Bundesgericht in Lausanne bestätigt das Urteil des Kantonsgerichts in Sachen BBC AG gegen PPC Electronic AG. [9]

1986 Die PPC Electronic stellt Leiterplatten für IBM, Siemens oder Hasler her. Sie beschäftigt 240 Mitarbeitende und strebt weiter voran: Sie will «eine Gehirnzelle der mittleren und kleineren Apparateindustrie» werden. [10] Der Umsatz beträgt 29 Millionen Franken, der zu 90 Prozent mit sogenannten «Multilayern» erzielt wird. [11]

1989 Die Chamer Firma behauptet sich weiterhin erfolgreich, beschäftigt 280 Personen und erzielt einen Umsatz von 36 Millionen Franken. Der Exportanteil beträgt 86 Prozent des Gesamtumsatzes. [12]

1995 Weil Immobilienunternehmer Werner Bleiker die PPC Electronic AG schliessen oder abstossen möchte, übernimmt das fünfköpfige Management um Peter Weber mit einem «Management buyout» die Firma. [13]

2000 Die PPC Electronic floriert, erwirtschaftet einen Umsatz von 120 Millionen Franken und beschäftigt über 500 Mitarbeitende. [14]

2001 Anfangs Jahr hat die PPC Electronic einen Arbeitsvorrat für 52 Wochen. Doch nach den Attentaten in New York vom 11. September bricht die Nachfrage komplett ein. Innerhalb eines Jahres geht der Umsatz von 110 Millionen Franken auf 30 Millionen zurück. «Ein unternehmerischer Alptraum», kommentiert Giorgio Dognini, Unternehmensleiter der PPC. [15] Die PPC Electronic muss zuerst 45 Mitarbeitende entlassen, [16] dann nochmals 120 Mitarbeitende. Damit hat die Firma noch 305 Beschäftigte. [17]

2004 Der Preiskampf auf dem Weltmarkt setzt der PPC Electronic weiter zu. Sie entlässt 50 ihrer 270 Mitarbeitenden in der Produktion. [18]

2012 Die PPC Electronic geht konkurs. 95 Mitarbeitende verlieren ihren Job. Die Frankenstärke und mangelnde Liquidität werden dem Unternehmen zum Verhängnis. [19]


Dokument eines Wettkampfs

Giorgio Dognini, der letzte CEO der PPC Electronic AG, versuchte die Firma auf Kurs zu halten, was ihm am Schluss leider nicht gelang. Über diese schwierige Zeit hat er später folgenden Text verfasst:

«In den folgenden Jahren führten wir einschneidende Restrukturierungen durch und passten das Geschäftsmodell den veränderten Marktgegebenheiten an. Die nächsten grossen Herausforderungen, die sich überraschend in ihrem Ausmass und der Umsetzungsgeschwindigkeit darstellten, waren ein beispielloser Preiskampf in der Telekomindustrie und der Aufstieg von China als Produktionsstandort. Aber auch der Umgang im Verhältnis Kunde-Lieferant veränderte sich grundlegend. Langjährige Partnerschaften und persönliche Beziehungen waren plötzlich Makulatur oder nur noch ein Feigenblatt für tiefere Preise seitens des Lieferanten. So mussten wir von einem Grosskunden über die wöchentliche Übermittlung des Lieferplans (überraschend stand die Menge null für acht Wochen später auszuführende Lieferungen) auf Nachfrage erfahren, dass das Produkt neu aus China bezogen werde. Dies trotz Rahmenvertrag, jahrelangen qualitativ einwandfreien und pünktlichen Lieferungen. Damit verloren wir 20 Prozent unseres Umsatzes innerhalb von acht Wochen (die Grössenordnung war dem Kunden bekannt). Sicher ein krasses Beispiel, aber es widerspiegelt gut die Veränderungen im internationalen Geschäftsgebaren.

Es gelang uns, diese Veränderungen zu meistern und auch eine weitere grössere Rezession im Technologiebereich (50 Prozent Kurzarbeit über fast zwölf Monate) zu absorbieren. Wir hatten in der Zwischenzeit die Firma zu einem agilen und flexiblen Leiterplattenproduzenten umgebaut. Dies mit der finanziellen Unterstützung der Aktionäre (Management), privaten Investoren und Banken. Durch die stetigen Herausforderungen, ohne eine längere positive Phase zur langfristigen Stabilisierung des Unternehmens, blieb aber unsere Situation äusserst labil. Weiterhin Sorgen bereiteten uns der hohe Fixkostenanteil durch eine überdimensionierte Infrastruktur (Umsatzveränderung von CHF 110 Mio. auf ein längerfristiges Umsatzpotenzial von CHF 20 bis 30 Mio.), eine hohe Schuldenlast sowie extrem tiefe Margen in unserem Hauptabsatzgebiet, der Telekomausrüstungsindustrie. Vor diesem Hintergrund beschlossen wir, grössere Desinvestitionen vorzunehmen und das Unternehmen als mittelgrossen Spezialitätenhersteller mit diversifizierter Kundenstruktur in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Mitten in diesen Plänen kam die Eurokrise und damit verbunden die enorme Aufwertung des CHF gegenüber dem Euro und dem Dollar. Trotz optimiertem Fremdwährungshandling fielen 60 Prozent unserer Kosten in CHF an gegenüber den Einnahmen, die praktisch zu 100 Prozent in Euro und Dollar erfolgten. Damit kam sehr schnell und mit geballter Kraft eine enorme wirtschaftliche Belastung auf uns zu. Ein Wettkampf mit der Zeit begann. Aber die eingeleiteten Massnahmen griffen nicht genügend schnell, und die letzten Monate waren durch einen täglichen Überlebenskampf geprägt, den wir am 7. August 2012 verloren haben.

Der lange Weg unseres Unternehmens durch die beschriebenen Unwägbarkeiten der wirtschaftlichen Realität war nur dank motivierten, langjährigen Mitarbeitern, die eine überdurchschnittliche Identifikation mit dem Unternehmen zeigten, möglich. So gab es Mitarbeitende, denen wir schweren Herzens mehrmals aus wirtschaftlichen Gründen kündigen mussten. Trotzdem kamen sie wieder zu uns, und dies obwohl sie in neuen Arbeitsverhältnissen waren. Als Unternehmer stellten wir unsere persönlichen Interessen zugunsten des Kampfes für ein Weiterbestehen des Unternehmens zurück. Beispiele ähnlicher Unternehmen, die von grösseren Firmen akquiriert wurden, zeigten, dass man diese bereits nach dem Platzen der Technologieblase liquidierte. So sind in Europa und in den USA rund 90 Prozent der Leiterplattenunternehmen verschwunden.» [20]


Personen


1503300 PPC-12 Logo.jpg


Filmdokument


Aktueller Kartenausschnitt

Die Karte wird geladen …


Ehemaliger Standort der PPC Electronic AG an der Riedstrasse 2


Einzelnachweise

  1. Bundesgerichtsurteil 20.12.1983 i. S. BBC AG gegen PPC AG, BGE 109 II 338, S. 339
  2. PPC Electronic AG, Konsequente Leiterplatten-Technologie, Firmenbroschüre o. D. (1989)
  3. Die Tat, 28.07.1977
  4. PPC Electronic AG, Konsequente Leiterplatten-Technologie, Firmenbroschüre o. D. (1989)
  5. Bundesgerichtsurteil 20.12.1983 i. S. BBC AG gegen PPC AG, BGE 109 II 338, S. 339
  6. Bundesgerichtsurteil 20.12.1983 i. S. BBC AG gegen PPC AG, BGE 109 II 338, S. 339
  7. Walliser Bote, 07.08.1981
  8. CMV-Magazin Aktiv, 21.05.1986
  9. Bundesgerichtsurteil 20.12.1983 i. S. BBC AG gegen PPC AG, BGE 109 II 338, S. 339
  10. CMV-Magazin Aktiv, 21.05.1986
  11. PPC Electronic AG, Konsequente Leiterplatten-Technologie, Firmenbroschüre o. D. (1989)
  12. PPC Electronic AG, Daten und Fakten, Stand III/1989
  13. Tages-Anzeiger, 07.08.2012. Computerworld, 13.04.2018
  14. Luzerner Zeitung, 07.08.2012. Computerworld, 13.04.2018
  15. Giorgio Dognini, Kontraste des Lebens, 12-mal unterwegs, Fallstudien auf der Webseite der Personalvermittlung Matthias Döll, www.matthias-doell.ch [Stand: 20.04.2020]
  16. Schweizerische Depeschenagentur, 29.05.2001
  17. Tages-Anzeiger, 27.10.2001
  18. 20 Minuten, 30.09.2004
  19. Neue Zürcher Zeitung 07.08.2012
  20. Giorgio Dognini, Kontraste des Lebens, 12-mal unterwegs, Fallstudien auf der Webseite der Personalvermittlung Matthias Döll, www.matthias-doell.ch [Stand: 20.04.2020]