Zugersee Zeitung

Aus Chamapedia

Die Zugersee Zeitung war ein Lokalblatt für die Region Ennetsee. Sie erschien wöchentlich von 1950 bis 1962. Druck und Verlag lagen bei der Chamer Buchdruckerei / Papeterie Meienberg. Maria Meienberg-Rey amtete als inoffizielle Chefredaktorin.

Chronologie

1945 Josef (1917–1984) und Maria (1921–1979) Meienberg-Rey eröffnen am 1. Juli im Haus Merkur, Kirchbühl 2 eine eigene Papeterie und Buchdruckerei. [1]

1948 Die Räumlichkeiten werden zu klein. Die Buchdruckerei zügelt im Herbst an die Bahnhofstrasse 11.[2]

1950 Schon länger befasst sich Josef Meienberg mit Chamer Geschäftsleuten mit der Herausgabe einer Zeitung für die Region Ennetsee. Der Rabattverein Cham verspricht eine genügend grosse Anzahl Inserate, womit die wirtschaftliche Grundlage gesichert sein sollte. Am 30. August wird eine neue Zeitungsdruckmaschine an die Bahnhofstrasse 11 geliefert und installiert. Der Satz wird nach traditionellem Bleisatz hergestellt. Die Redaktion liegt bei Maria Meienberg-Rey; sie ist die Chefredaktorin (auch wenn sie sich damals nicht so bezeichnete und nicht so bezeichnen wollte) und R. Sidler.

Die erste Zugersee Zeitung erscheint am 5. November mit einem Umfang von acht Seiten; davon sind 3,5 Seiten mit Text und 4,5 Seiten mit Inseraten gefüllt. Die Zeitung erscheint wöchentlich jeweils am Freitag. Vorerst geht sie gratis in alle Haushaltungen. Die Redaktion verpflichtet sich, politisch neutral zu sein: «Eine Zeitung, die programmatisch eine Linie vertritt, kann ihrer Redaktion nicht die Freiheit eines entgegengesetzten Zieles gestatten.» [3]

Die erste Ausgabe der Zugersee Zeitung vom 3. November 1950 umfasste acht Seiten

In der Ausgabe vom 3. Dezember liegt der Zeitung erstmals ein Einzahlungsschein für ein Abonnement bei: Fr. 3.75 für ein halbes Jahr, Fr. 7.50 für ein ganzes. [4]

1951 In der Ausgabe vom 2. November wird nach einem Jahr Bilanz gezogen: Die Zeitung sei bei vielen Menschen in Cham gut angekommen, was sich durch zahlreiche aufmunternde Zuschriften manifestiere, und viele hätten ein Abonnement erworben. «Wir wissen, dass der Zeitung noch viele Unvollkommenheiten anhaften, die vor allem durch Anfangsschwierigkeiten bedingt sind. Am redaktionellen und grafischen Ausbau sowie an der grafischen Gestaltung der Inserate wird weitergearbeitet. Die Zugersee Zeitung muss das Organ einer gesund denkenden und verständigen Bürgergemeinschaft werden», schreiben die Herausgeber.[5]

1958 Josef Meienberg-Rey kauft am 20. März die Liegenschaft Poststrasse 2, wo sich früher die landwirtschaftliche Genossenschaft befand. Setzerei und Druckerei werden am 16. und 17. Mai von der Bahnhofstrasse 11 an die Poststrasse 2 gezügelt. Am Donnerstag, 20. Mai, wird die Zugersee Zeitung erstmals an der Poststrasse 2 gedruckt und ausgeliefert. [6]

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Zur 1100-Jahr-Feier der Gemeinde Cham erscheint am 9. Juni eine 32 Seiten starke Sonderausgabe der Zeitung.

1962 Am 28. Dezember erscheint die Zugersee Zeitung zum letzten Mal, da die wirtschaftlichen Grundlagen fehlen: Eine Klausel im Vertrag mit dem Rabatt-Verein schloss die Inseratenannahme von Migros, der Konsumgenossenschaft sowie anderen, den Rabatt-Verein konkurrenzierenden Geschäften aus. Das Inseratenvolumen ging zurück, neue Inserenten fehlten, was zur Einstellung der Zeitung führte. Zudem wurde der redaktionelle Teil zunehmend arbeitsintensiv. Maria Meienberg-Rey opferte unzählige Stunden und schrieb zahlreiche Artikel für die Zeitung. [7]


Stimmen zur Erstausgabe

Vom Einwohnerpräsidenten

«Schon wieder eine neue Zeitung!?»: Unter diesem Titel äussert sich Einwohnerpräsident Heinrich Habermacher und entgegnet sofort: «Nein, endlich die Zeitung, die gewillt und dazu bestimmt ist, eine Lücke zu schliessen, die sich immer wieder und auf verschiedenen Gebieten bemerkbar gemacht hat. Sie wird uns stets vermitteln, was im Rahmen einer Tageszeitung nicht möglich ist, was mit Politik nichts zu tun hat, uns aber alle vom Ennetsee berührt und interessiert. […] Die Gründungsnummer bilde einen Markstein in der steten und erfreulichen Entwicklung des Ennetseegebietes, eine Erkenntnis im Dienste freundnachbarlicher Bestrebungen. Die Behörden stehen diesem Unternehmen sympathisch gegenüber und beglückwünschen die Initianten zu ihrem Wagemut, der Unterstützung verdient und wirtschaftlichen und kulturellen Gewinn bringen möge.» [8]

Von einem Bürger

«Mit dem Erscheinen von Nummer 1 der ‹Zugersee Zeitung› ist zweifellos ein bemerkenswertes Ereignis eingetreten, dem bei näherer Betrachtung einige Bedeutung zuzumessen ist», hält ein ungenannt bleibender «Bürger» fest und meint weiter: «Dass diese lobenswerte Initiative tüchtige, aufwärtsstrebende Leute zu Gevattern hat, mag nicht verwundern, entspricht dies doch bester Chamer Tradition.

Die Zeitung als solche erhebt im Gegensatz zu den beiden Zuger Zeitungen, die als offizielle Parteiorgane bekannt sind, unbedingt den Anspruch der politischen Neutralität. Mit dieser Feststellung dürfte die publizistische Tätigkeit des Blattes klar umschrieben sein. […] Unweigerlich stellt sich die Frage, was denn eigentlich Sinn und Zweck dieser neuen Zeitung sein soll? Da sind vor allen Dingen einmal das Gewerbe und die Landwirtschaft. Gerade diese staatserhaltenden Wirtschaftszweige sind durch die fortschreitende Modernisierung und Technisierung vermehrten Anstrengungen ausgesetzt. Und hier erwächst einer Zeitung die schöne Aufgabe, mit Mass und Ziel den Gedanken eines gesunden Mittelstandes aufrechtzuerhalten. […]» [9]

Von Verlag und Redaktion

Die Herausgeber der Zugersee Zeitung schreiben: «Auch eine Lokalzeitung in einem grösseren Dorfgebiet gehört zur Weltpresse, in jenem Sinne, dass auch sie am Austausch von Mitteilungen teilnimmt. Sie schöpft daraus dasjenige, was für ihre Leser das Interessanteste ist. Eine Lokalzeitung wird ihren Lesern alle jene Ereignisse vermitteln können, die einem oft entgehen oder von denen man durch mündliche Übermittlung nur ein verzerrtes und unvollständiges Bild erhält. Nicht nur aufsehenerregende Publikationen aus der Weltpresse, auch die alltägliche Pflichterfüllung hat ihre schöpferische Seite.

Diese Gedanken waren die Träger für die Gründung unserer eigenen Lokalzeitung. Allgemein interessierende Berichterstattungen sowie das Geschehen aus dem engeren Gebietskreis wollen wir darin unserer Leserschaft vermitteln. Die Zugersee Zeitung sieht sich aber auch als Meldeposten zwischen Behörde und Bürger. Sie wird dem Publikum behördliche Mitteilungen bringen und andererseits die „vox populi“ in die Amtsstube tragen.» [10]


Redaktion und Produktion

Die Herstellung der Zugersee Zeitung war im Grossen und Ganzen eine Familienangelegenheit. Maria Meienberg-Rey war neben der Führung der Papeterie für die Redaktion zuständig: Sie, die Chefredaktorin, organisierte die Beiträge und schrieb selber auch sehr viel – so viel, dass sie nach zwölf Jahren erschöpft die Redaktion abgeben musste. Am Anfang stand ihr ein redaktioneller Mitarbeiter zur Seite: R. Sidler, über welchen aber wenig bekannt ist. Ein Impressum existierte nicht. Viele Beiträge stammen von freien Mitarbeitenden, der Gemeindekanzlei, der Staatskanzlei sowie von abonnierten Diensten.

Auch Josef Meienberg schrieb ab und zu Beiträge, doch war er hauptsächlich für die Acquisition der Inserate, der Herstellung der Zeitungsseiten und den Druck zuständig. Zur besten Zeit arbeiteten in der Druckerei vier Setzer und drei Drucker. Einer der treusten Mitarbeiter war Jakob «Köbi» Lang, der bis zur Einstellung des Geschäfts im Jahre 2007 bei der Druckerei Meienberg als Setzer arbeitete. [11]

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Auch die Grümpel-Turnier-Mannschaft der ZUGERSEE-Zeitung rettete die Zeitung nicht vor dem Untergang. Rechts aussen der langjährige Setzer Köbi Lang, undatierte Aufnahme, um 1960


Der Aufbau der Zeitung

Inhalt

  • Die Zeitung weist eine grosse Palette von Nachrichten und Kommentaren aus der Schweiz, dem Kanton und natürlich aus dem Ennetsee auf. Sie übernimmt eingesandte Texte des Regierungsrates und der Gemeindekanzleien, die einen wichtigen Bestandteil ausmachen und meist auf der Frontseite gedruckt werden.
  • Monatlich erscheinen die Zivilstandsnachrichten, die Geburten, Trauungen und Todesfälle dokumentieren, ebenso eingesandte Nekrologe («Unsere Toten») und bezahlte Todesanzeigen.
  • «Unfälle und Verbrechen» gehören selbstverständlich dazu.
  • Berichte – viele davon von Generalversammlungen – der lokalen Vereine nehmen einen breiten Platz ein; vor allem jene der Musikgesellschaft und des Turnvereins, den beiden damals bedeutendsten Vereinen. Zu Vereinsjubiläen erscheinen ausführliche Porträts der Vereine.
  • «Leserbriefe» sind eher selten und erscheinen, wenn überhaupt, anonym.
  • Meldungen des Sportgeschehens sind eher untervertreten.
  • Beliebt ist der Fortsetzungsroman, der jeweils am Fuss der Frontseite abgedruckt wurde.
  • Einen Veranstaltungskalender gab es damals nicht.
  • Aus aktuellem Anlass wird die Zeitung mit Sonderbeilagen ergänzt, die neben Text auch Mehreinnahmen bescheren; Beispiele: Weihnachtsbeilagen (Chamer Weihnachtsausstellung WEA, «Kerzenlicht»), Modebeilagen («Modefrühling»), Jahresende («Glück und alles Gute»), Grossveranstaltungen im Hirsgarten (Sommernachtspiele), Einweihungen öffentlicher Gebäude.
  • Auffällig sind die wenigen Bilder. Von lokalen Ereignissen und Anlässen gibt es praktisch keine, dafür von Texten und Reportagen von ausserhalb des Kantons. Der Grund dafür ist, dass die relativ kleine Druckerei Meienberg keine Lithografie-Abteilung mit den entsprechend teuren Geräten besass. [12]

Inserate zwischen 1950 und 1962

Inserate

  • Erklärtes Ziel des Verlags mit der Herausgabe der Zeitung war die Förderung des Chamer Gewerbes und diesem eine attraktive Plattform zur Verfügung zu stellen. Entsprechend inserierten vor allem in den ersten Jahren hauptsächlich Chamer Gewerbetreibende, später auch Inserenten wie etwa Grossverteiler ausserhalb Chams.
  • Auffällige Inserenten waren Kleider- und Haushaltwarengeschäfte, die regelmässig und zuweilen auch grossflächig inserierten.
  • Wie auch heute fallen die Inserate von Autos besonders auf, sowohl durch ihre Grösse als auch durch ihre Aufmachung. Die Garagisten platzierten ihre Anzeigen relativ selten, dafür umso prominenter (mit Bild). Ein eifriger Inserent von Beginn weg war die Garage von Josef Dogwiler (Peugeot, [Rambler]). Weitere Garagen waren Tanzmann & Hösli, Zugerstrasse (Ford), Touring-Garage A. Staub, Luzernerstrasse. Später inserierten auch kantonale Garagen wie Iten Automobile Zug (Opel, Chevrolet) oder Garage Huber (Ford).
  • Regelmässig vertreten waren Chamer Velogeschäfte, allen voran das Velo- und Motorradgeschäft von Josef Bisang, aber auch jenes von Buki Huwiler.
  • Gut vertreten war das Tonfilmtheater Neudorf Cham, später Kino Neudorf, das in jeder Ausgabe auffällige Inserate zu den aktuellen Filmen platzierte.
  • Lokale politische Inserate fehlten praktisch vollständig. Hingegen waren Inserate – häufig grossflächig – zu kantonalen und vor allem eidgenössischen Abstimmungen gut vertreten. [13]


Würdigung

Die Zugersee Zeitung dokumentierte über zwölf Jahre das Alltags-, Vereins- und Wirtschaftsleben im Ennetseegebiet und schuf eine lokale Öffentlichkeit jenseits parteipolitischer Bindungen. Ihr Ende markiert zugleich die Grenzen kleinräumiger Presseökonomie in der Nachkriegszeit. [14]


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Trivia

Im August 1978 erscheint als einmalige Ausgabe eine «Zugersee Zeitung» – allerdings nicht aus dem Hause Meienberg, sondern als «Eröffnungsanzeiger für das gesamte untere Zugerseegebiet» der Schweizerschen Bankggesellschaft (SBG). Diese hat in Cham an der Luzernerstrasse 26 eine Filile eingerichtet und feiert dies am 2. September 197 mit einem «Tag der offenen Tür». [15]


Einzelnachweise

  1. Die Geschichte der Familie Meienberg, Typoskript, verfasste von Ruedi Meienberg, Cham, 30.08.2024
  2. vgl. Anmerkung 1
  3. vgl. Anmerkung 1
  4. Zugersee Zeitung, 03.11.1950
  5. Zugersee Zeitung, 02.11.1951
  6. vgl. Anmerkung 1
  7. vgl. Anmerkung 1
  8. Zugersee Zeitung, 03.11.1952
  9. Zugersee Zeitung, 03.11.1952
  10. Zugersee Zeitung, 03.11.1952
  11. Freundliche Mitteilung von Ruedi Meienberg, Cham, 10.02.2026
  12. Analyse von Thomas Gretener, Cham, Dezember 2025
  13. Analyse von Thomas Gretener, Cham, Dezember 2025
  14. Einschätzung von Thomas Gretener, Cham, Dezember 2025
  15. Exemplar der Zugesee Zeitung vom August 1978