Wakker-Preis

Aus Chamapedia

Als bisher einzige Zuger Gemeinde erhält Cham 1991 den Wakker-Preis, eine Auszeichnung des Schweizer Heimatschutzes. Die Ehrung wird im Besonderen für eine «weitblickende und konsequente Freiraumplanung verliehen.

Chronologie

1972

Der Schweizer Heimatschutz verleiht 1972 erstmals den Wakker-Preis. Er geht an Gemeinden oder Organisationen, die ihr Ortsbild sorgfältig pflegen, historische Bauten erhalten, nachhaltige Raumplanung betreiben oder öffentliche Räume aufwerten. [1]

1991

24. Februar In den Medien sickert durch, Cham sei in die engere Wahl für die Verleihung des Preises gekommen. [2]

22. Juni Cham steht als bisher einzige Zuger Gemeinde als Preisträgerin des Wakker-Preises fest. In einer Feier auf dem Kirchenplatz übergibt Ronald Grisard, Präsident des Schweizer Heimatschutzes, den Preis an Gemeindepräsident Karl Bienz. Dr. Franz Hotz, Präsident des Zuger Heimatschutzes, begrüsst die Anwesenden und Andreas Iten, Landammann und Ständerat, hält das Schlusswort. Die Musikgesellschaft Cham besorgt die musikalische Umrahmung. Der Gemeindert lädt die Bevölkerung nach der Feier zu einem Umtrunk ein. Die Preissumme beträgt symbolische 10‘000 Franken. [3]


Roland Grisard, Präsident des Schweizer Heimatschutzes, und Gemeindepräsident Karl Bienz halten vor dem Eingang der Pfarrkirch St. Jakob die Urkunde für den Wakker-Preis, rechts Gemeindeweibel Franz Bellmont, 22.06.1991


Die Urkunde für den Wakker-Preis hängt heute im Sitzungszimmer im «Mandelhof»


Ronald Grisard hält in seiner Würdigung unter anderem fest: «Nicht eine besonders schöne gepflegte Altstadt, nicht nur besonders schöne Gebäudekulissen vor Bergen mit ewigem Schnee wird ausgezeichnet sein. Der diesjährige Wakker-Preis soll einer Gemeinde zukommen, welche versucht, auf die Zufriedenheit ihrer Gemeindemitglieder, ihrer Bewohner und allfällig auch ihrer Besucher positiv einzuwirken. Es soll dies ein Gemeinwesen sein, bei welchem sich der Wohlstand der Bevölkerung auch an einem gewissen Baudruck zeigt, eines das zwar mit vielen anderen eine gewisse Verstädterung mitmacht, aber eben mit geeigneten Mitteln. Und als solche Mittel und Massnahmen sieht der Heimatschutz, der sich ja sonst meistens um das Gebaute kümmert, diesmal diejenigen Flächen, wo eben nicht gebaut wird: Erholungs-Grün und Spielflächen, angenehme Fussgänger- und Velo-Verbindungen, welche einen Teil des motorisierten Verkehrs überflüssig machen, sodass innerhalb des Gemeindegebietes ein wirklicher Lebensraum entstehen soll, benützbar für alle.

Und deshalb erhält Cham den Wakker-Preis, weil:

  • zum Teil bereits auf Grund der früheren sowie der erst kürzlich von den Einwohnern beschlossenen Ortsplanung 1990 im Baugebiet ausgedehnte und grün zu erhaltende Freiräume festgelegt sind.
  • weil, besonders auch im Kern der Gemeinde, ein zweckmässig angelegtes Netz von Fussgängerverbindungen geschaffen wurde und noch wird.
  • weil auch ausserhalb der bebauten Siedlungen grossräumige Landschaften geschützt wurden.
  • weil Cham auf seinem Weg vom Dorf zur Stadt in seinen Planungen, in dem Akzeptierten und im Ausgeführten die Lebensqualität für seine Bewohner wirkungsvoll miteinbezieht.
  • weil Cham damit in hohem Masse damit auch die Zielsetzungen des Schweizer Heimatschutzes verfolgt, nämlich unseren täglichen Lebensraum zu schützen und zu pflegen.» [4]


Mit diesen drei Bildern und den entsprechenden Legenden dokumentiert der Schweizer Heimatschutz in der Pressemappe ihren Entscheid, Cham den Wakker-Preis erhält: [5]

1993

Die Verwaltung diskutiert in einem Antrag an den Gemeinderat die Verwendung des Preisgelds von 10'000 Franken. Favorisiert wird der Bau einer Brunnenanlage im Villette-Park. Das Projekt mit einer Kostenschätzung von 90'000 wurde nicht realisiert. [6]


Fachliche Würdigung

Pius Sidler, Kunsthistoriker aus Cham, schreibt in der Publikums-Ausgabe 2/91 des Schweizer Heimatschutz, warum Cham den Preis verliehen bekommen hat. Zusammengefasst: «Als eine der Boomgemeinden des 19. Jahrhunderts hat Cham als Antwort auf den Baudruck der letzten Jahrzehnte und den drohenden Identitätsverlust mit einer umfassenden Orts- und Freiraumplanung Zeichen gesetzt.

Cham aus der Luft: Gut sichbar die Abgrenzung von Siedlungs- und Landwirtschaft-/Naherholungsgebiet, 15.06.1996


Wohn- und Lebensqualität

Nach jahrelangen erstrebten quantitativen Zielen wurden in der Ortsplanung von 1980 verstärkt qualitative Kriterien gesetzt. Es wurden Naturschutzgebiete, Natur- und Kulturobjekte und erhaltenswerte Ortsbilder aufgenommen. Mit der Genehmigung des Zonenplanes 1980 sicherte die Gemeindeversammlung um den Städtlerwald einen gewünschten 200-Meter-Waldschutzgürtel. Für diesen Waldschutzgürtel setzte sich Werkmeister Josef Stähli ein, nachdem im Ortsgestaltungsplan der sechziger Jahre die künftige Einzonung bis an den Städtlerwald aufgezeigt wurde.

Ferner äusserte sich die Gemeindeversammlung gegen die im Verkehrsrichtplan vorgesehene Umfahrungsstrasse. Im Rahmen der Ortsplanungen 1980 und 1990 wurden mit dem Kernrichtplan die Grundlagen festgelegt und weiter entwickelt, die den Dorfkern zu einer harmonischen und charakteristischen Einheit wachsen liessen und lassen. Fünf Stossrichtungen wurden genannt: die Erhaltung von Einkaufsmöglichkeiten, Schaffung von verkehrsfreien Einkaufswegen, den von Industrieland besetzten Raum mit einer Verbindung des Dorfkerns zur Lorze und zum See aufzuwerten, diese Zonen etappenweise in die Dorfkernzone einzugliedern. Zur Erhaltung des Dorfcharakters wurde die Wahrung der Massstäblichkeit festgelegt.

Ein 200 Meter breiter Grüngürtel sichert den Städtlerwald, 04.04.2026


Aktive und passive Verkehrskonzepte

Der Verkehr durch Cham mit weit über 20'000 Bewegungen täglich wurde zur Qual. Als Antwort darauf wurde 1984 eine Verkehrskonzept beschlossen, das auf vier Ebenen den Verkehr an die Zügel nehmen wollte.

  1. Der Durchgangsverkehr soll die bestehende Autobahn benutzen, dafür brauchte es neue Anschlüsse.
  2. Der Querschnitt der Durchgangsstrassen soll reduziert werden, um mit Fahrrad- und Fussgängerstreifen und Pförtneranlagen allen Verkehrspartnern zu entsprechen.
  3. Die Bedingungen für den öffentlichen Verkehr, Fussgänger und Velofahrer sollen verbessert werden.
  4. Als vorsorgliches Element soll Raum für eine Umfahrungsstrasse freigehalten werden.

Der Durchgangsverkehr soll auf die Autobahn und die Umfahrungsstrasse, 04.04.2026


Freiraumplanung

In der Ortsplanung 1990 wurden bestehende Leitlinien rechtlich verankert und neue aufgenommen. Im Vordergrund stand u.a. der Schutz der Landschaft als Grundlage für die Landwirtschaft, als Lebensraum für Tiere und Pflanzen und als Erholungsraum für die Bevölkerung. So sollen z.B. die grünen Lungen Allmend-Kirchbühl-Rütiweid sowie Schluecht-Städtlerwald und die Verbindung Städtlerwald-Lorzenraum als landwirtschaftlich genutzte Freiräume erhalten bleiben. Der Lorzenlauf und das Seeufer sollen als Freiräume aufgewertet werden. Die Aussenweiler sollen erhalten bleiben. Und schliesslich sollen Wohn- und Arbeitsplätze durch verdichtetes Bauen unter geringstem Kulturlandverschleiss erstellt werden. Die Gemeinde soll kontrolliert wachsen. Ziel sind 100- 150 neue Einwohner jährlich.

«Grüne Lungen» im Bereich Allmend als Naherholungsgebiet, 04.04.2026


Cham vom Dorf zur Stadt

Zur Verleihung des Wakkerpreises veröffentlichte die Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK in ihrer Schriftenreihe der Schweizerischen Kunstführer im Dezember 1990 unter dem Titel «Cham vom Dorf zur Stadt» einen Führer über die Entwicklung der Gemeinde Cham verfasst von Pius Sidler unter Mitarbeit von Adolf Durrer. Es ist der erste Führer dieser Reihe, der sich mit Ortsplanung befasst. Neben den Kapitel dazu enthält der Führer auch eine ausführliche Ortsbildbeschreibung mit den wichtigsten Bauten Chams bis 1990.


Würde Cham den Wakker-Preis nochmals erhalten?

Der Zuger Heimatschutzes warf diese Frage in einer Podiumsdiskussion am 7. April 2022 auf. Es diskutierten:

  • Adolf Durrer, alt Gemeinderat, Vorsteher Planung und Hochbau zwischen 1981 und 1990, und in Cham aufgewachsen
  • Rolf Ineichen, aktueller Gemeinderat und Bauchef seit 2015, aufgewachsen in Cham
  • Brigitte Moser, Präsidentin Wakker-Preis-Kommission, Zuger Kunsthistorikerin
  • Felix Koch, Mitglied des Zuger Heimatschutzes, seit 1980 im Kanton Zug wohnhaft.


Brigitte Moser (rechts, Präsidentin der Wakkerpreis-Kommission) erzählt, während der ehemalige Chamer Bauvorsteher Dolfi Durrer, der aktuelle Bauchef Rolf Ineichen, die Moderatorin Zoe Gwerder und Felix Koch vom Zuger Heimatschutz (von links) zuhören.


Adolf Durrer berichtete, wie sich Cham einwohnermässig entwickelte und was das für ein Cham war, das den Wakker-Preis erhielt. Cham wuchs von 1991 bis 2022 von ca. 11'000 auf rund 17'000 Einwohner, es war ein schönes, wohnliches Cham, wo man sich kannte. Cham hatte damals schon einmalige Freiräume am See und zwei grüne Lungen um den Städtlerwald und auf der Westseite von der Allmend bis zur Rütiweid. Die Ortsplanung 1990 wurde an der Gemeindeversammlung vom 10. Dezember 1990 genehmigt. Der Dorfplatz und der Lorzensaal wurden gebaut. Das Bauamt mit vier Angestellten, der Planungskommission, der Baufachkommission und zwei externe Fachpersonen erarbeiteten die Planungsunterlagen mit Zonenplan, Kernrichtplan und Teilrichtplan Verkehr. Erfolg hatte die Gemeinde, weil das ganze Team mit den Landschaftsplanern ausgezeichnete Arbeit leistete und schrittweise vorging.

Zur Frage an Adolf Durrer, ob Cham aufgrund der bisherigen Entwicklung den Wakker-Preis auch heute noch erhalten würde, meinte er: «Grundsätzlich ja. Die Hauptelemente in der Landschaft mit den beiden grünen Lungen Schluecht-Städtlerwald und Allmend-Rütiweid sowie die grün zu erhaltenden Freiräume im Dorf und identitätsbildenden Plätze sind nach wie vor vorhanden. Mit der Überbauung Cham Nord wurde jedoch die Grünverbindung Städtlerwald-Lorzenraum stark reduziert und dürfte nicht weiter verschmälert werden. Nach Inbetriebnahme der Umfahrungsstrasse und der dann möglichen Umgestaltung der Hauptstrassen im Dorf sind die noch nicht optimalen Veloachsen und Fussgängerverbindungen zu optimieren.»

Die Frage an alle Podiumsteilnehmer, an welchen Schrauben Cham drehen müsste, dass Cham auch heute den Wakker-Preis erhielte, enthielt folgende Antworten: Freiräume im Dorf, Rigiplatz, Kirchbühl, Rabenplatz, Bahnhofareal, Bärenplatz als identitätsbildende Plätze sollten gesichert und das Wachstum gesteuert werden. [7]


Einzelnachweise

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Wakkerpreis, aufgerufen am 04.04.2026
  2. Zuger Nachrichten, 24.02.1991
  3. Schweizer Heimatschutz, Medienmappe, 22.06.1991
  4. Schweizer Heimatschutz, Medienmappe, 22.06.1991
  5. Schweizer Heimatschutz, Medienmappe, 22.06.1991
  6. Antrag Projekt Wakkerpreis, Vorschläge zur Verwendung des Wakkerpreises im Betrage von Fr. 10 000.--, Antrag der Bauabteilung/Hochbauamt, 07.04.1993
  7. Zuger Zeitung, 09.04.2022